Robert Duncan, geb. 1919 in Oakland / Kalifornien, gest. 1988 in San Francisco. Schriftsteller.
Gedichtveröffentlichungen, u. a.: The Opening of the Field (1960), Roots and Branches (1964), Bending the Bow (1968). In deutscher Übersetzung: Der Gesang des Achilleus und andere Gedichte (1993), Die Krümmung des Bogens. Gespräch mit Michael McClure (1996), Monarchenfalter und weitere Passagen (2006; alle übersetzt von Ingrid und Reinhard Harbaum).
Richard L. Blevins über Duncan: „Robert Duncan wurde als Edward Howard Duncan geboren und publizierte anfangs unter seinem angenommenen Namen Robert Edward Symmes. Sein dichterisches Erstgeburtsrecht knüpfte er an Ezra Pound und H. D. Wie diejenigen Pounds sind seine Gedichte Offenbarungen einer universellen Gelehrsamkeit; wie diejenigen H. D.s sind sie hermetische Untersuchungen des Zustands der Liebe. Von seinen Zeitgenossen, darunter Charles Olson, Robert Creeley und Denise Levertov, hebt Duncan seine Anwendung der gnostischen Traditionen ab, die auf Pound und H. D. zurückgeht.
Duncan las Pounds A Draft of XXX Cantos zum ersten Mal, als er kurzzeitig Student der University of California in Berkeley war. Nachdem er das Studium abgebrochen hatte, geriet er in den Bann einer Kommune in Woodstock (New York), wo der Phoenix, eine Zeitschrift, die dem Werk von D. H. Lawrence gewidmet war, produziert wurde. Seine Arbeit als Beiträger und Redakteur führte ihn in den Kreis um Anaïs Nin. 1941 wurde er zum Militärdienst eingezogen, aber seiner Homosexualität wegen schon in der Grundausbildung wieder entlassen. Sein daraufhin verfaßtes Positionspapier The Hmosexual in Society (1944 ist seine wichtigste frühe Veröffentlichung.
Nach der Publikation seines ersten Gedichtbandes Heavenly City, Earthly City (1947) kehrte er nach Berkeley zurück. Sein erster Erfolg mit serieller Dichtung kam 1947, als er ’Medieval Scenes’ schrieb, zehn Gedichte, die an zehn aufeinanderfolgenden Abenden entstanden. 1948 schrieb Duncan sein Gedicht ’The Venice Poem’, in dem man ihn das praktizieren sieht, was er und Charles Olson später als Dichtung des ’offenen Feldes’ bezeichnen sollten.
Im selben Jahr trampte Duncan erneut quer durchs Land – diesmal, um Pound im St. Elizabeths zu besuchen. Zwei Jahre später schrieb er den ersten seiner vielen Briefe an H. D., größtenteils bestehend aus einer Schilderung seiner Audienz bei Pound. Zurück in Kalifornien, machte Duncan nach und nach Kenneth Rexroth seinen Platz als Zentralfigur der sogenannten ’San-Franciso-Renaissance’ streitig.
In London schrieb Duncan im Januar 1956 die erste Fassung seines Signaturgedichts ’Often I Am Permitted to Return to a Meadow’. Im Frühjahr jenes Jahres lud Olson Duncan ein, ans Black Mountain College zu kommen und dort an Creeleys Stelle zu lehren. In Black Mountain schrieb Duncan die meisten der Gedichte, die später in The Opening of the Field (1960) Eingang finden sollten. Die Trilogie jener Bücher, die seinen Ruf begründen, wurde komplettiert durch die Publikation von Roots and Branches (1964) und Bending the Bow (1968).
Der selbsternannte ’Sekundärlyriker’ Duncan erlernte die Kunst der Collage durch seine Pound-Lektüre und die Malerei seines langjährigen Gefährten Jess Collins. Einer seiner wichtigsten Texte, ’A Poem Beginning with a Line by Pindar’, besteht aus den Strängen der Geschichte von Pounds Internierung in Pisa und der Erzählung von Psyche, die ihre Samen sortiert. Duncans Methode in ’Structure of Rime’ und ’Passages’ bestand darin, Collagepassagen und ganze Gedichte seriell zu arrangieren.“ (Aus dem amerikanischen Englisch von Friedhelm Rathjen)
Christian Filips, geb. 1981 in Osthofen bei Worms, lebt in Berlin. Schriftsteller, Dramaturg und Übersetzer.
Buchveröffentlichung als Übersetzer: Pier Paolo Pasolini, Dunckler Enthusiasmo, Friulanische Gedichte (2009).
Franco Fortini, geb. 1917 in Florenz, gest. 1994 in Mailand. Schriftsteller, Kritiker und Übersetzer (u. a. von Antonin Artaud, Alfred Döblin, Paul Éluard, Gustave Flaubert, Peter Huchel, Franz Kafka und Marcel Proust).
Buchveröffentlichungen in deutscher Übersetzung: Poesie (1963), Die Vollmacht. Literatur von heute und ihr Auftrag (1968), Composita Solvantur. Die späten Gedichte (2002). „Durch Pasolini hindurch“ stammt aus Attraverso Pasolini (1993).
Denise Levertov, geb. 1923 in Ilford / Essex, gest. 1997 in Seattle / Washington. Schriftstellerin.
Gedichtübersetzungen ins Deutsche, u. a.: Gedichte, Übersetzung Jürgen Brôcan, in: Herzattacke 3 (1997), Ein Baum erzählt von Orpheus, Übersetzung David Roosma und Irene Landgraf, in: Neue Sirene 7 (1997), Aus parallelen Welten, Übersetzung Ingrid und Reinhard Harbaum (1998), Gedichte, Übersetzung Jürgen Brôcan, in: Zwischen den Zeilen 16 (2000), Jenseits des Feldes, Vierzehn Gedichte & sieben Briefe an W.C. Williams, Übersetzung Ingrid und Reinhard Harbaum (2001).
Pier Paolo Pasolini, geb. 1922 in Bologna, ermordet 1975 in Ostia. Schriftsteller, Kritiker, Filmemacher …
Gedichtveröffentlichungen in deutscher Übersetzung: Gramsci’s Asche (1980, vergriffen), Unter freiem Himmel. Ausgewählte Gedichte (1982, vergriffen), Die Nachtigall der katholischen Kirche (1989, vergriffen), Who is me. Dichter der Asche (1995, vergriffen), Dunckler Enthusiasmo. Friulanische Gedichte (2009).
Die Gedichte aus „Ein geschichtsloses Monster“ sind dem Band La religione del mio tempo (Garzanti, 1961) entnommen, die Gedichte aus „Eine neue Vorgeschichte“ entstammen dem Umkreis von Poesia in forma di rosa (Garzanti, 1964), die Stücke aus „Eine Wissenschaft vom Licht“ schöpfen aus Trasumanar e organizzar (Garzanti, 1971) und späten, unveröffentlichten Ge-dichten, das Fragment „O Joseph Joseph“ stammt aus dem Sonettzyklus „L’hobby del sonetto“(1971-1973).
Dank an Graziella Chiarcossi für die Erlaubnis zum Abdruck der Gedichte.
Die „Nachtwachen“ sind Romanzi e racconti (Mondadori, 1998) entnommen, „An den neuen Leser“ und „Ladies and Gentlemen“ stammen aus Saggi sulla letteratura e sull’arte (Mondadori, 1999).
Pier Paolo Pasolini
Die Obsession geht weiter
Drei Klappentexte
Klappentext zu Poesia in forma di rosa: „Sicher ist, daß dieses ganze Buch aus Gedichten und Poemen – aus Aufsätzen, Fortsetzungen und Prophezeiungen, aus Tagebüchern und Interviews, aus Reportagen und Projekten in Versform – der Vorstellung zuneigt, die auf der letzten Seite geboren wird, und zwar a) der Negation jeder möglichen Offizialität oder ideologischen Fixierung, b) der Berufung zu einer ’reinen Opposition’, wie bei jemandem, der, aufgrund eines Überschusses an Liebe, in der Praxis ’niemanden lieben und von niemand geliebt werden kann’, c) der Entdeckung, daß ’die Revolution nunmehr nichts als ein Gefühl ist’.
Das erklärt die Verse voller Nostalgie für die Vierziger Jahre, für die Fünfziger Jahre (von beinahe anarchischer Enttäuschung getragen, besäße der Autor nicht eine tiefe Sehnsucht nach der Vernunft – mehr als des Gefühls). Und auch den Versuch, den dürftigen Versuch, in der gegenwärtigen Verfassung der Menschheit (nunmehr eher in zwei Rassen denn in zwei Klassen geteilt) den Beginn einer neuen (nicht genauer bestimmten) Vorgeschichte zu erkennen – was im übrigen das beharrliche Leitmotiv des ganzen Buchs darstellt.
Es sind Momente, die notwendig frag-mentarisch bleiben (selbst in der unbe-zwingbaren Neigung des Autors zur formalen ’Rundung’): fragmentarisch auch in Bezug auf den biographischen Anteil, nämlich den Alpdruck einer regelrechten Verfolgung durch ungeheuerliche Prozesse und den anschließenden Rückgriff auf Positionen, die durch ein tiefsitzendes Ursprungstrauma geprägt sind. (Mit dazugehöriger Neigung zum Irrationalen und Religiösen.) Und, nicht zuletzt, die abiura in Bezug auf einen ganzen Lebensabschnitt.
So kommt, wenn der Schreibende schließlich, gedemütigt und geschlagen, zu einer Rede zurückfindet, die persönliches Unglück und Probleme hinter sich gelassen hat – kurz, zum alten sozialen Thema von Gramsci’s Asche, das nun von einem etwas provinziellen Rom auf viel weitreichendere Gebiete und Verhältnisse der Welt ausgedehnt wird – im allgemeinen Nicht-Engagement dieser Jahre die enttäuschende Einsicht des Anfangs wieder zutage, auf die vorher angespielt wurde: als unbewußte Funktion des ganzen Buches, als dessen unpopuläre und verzweifelte Ergänzung.“ (in: Poesia in forma di rosa, Garzanti, Mailand 1964; aus dem Italienischen von Theresia Prammer)
Klappentext zu Trasumanar e organizzar: „Ich muß es zugeben: Die richtigen Leser für dieses Buch sind diejenigen, die ihm durch ihr professionelles Interesse eine gewisse Objektivität verleihen können. Das trifft in Italien zwar auf alle Gedichtsammlungen zu, doch für diese gilt es, glaube ich, in besonderem Maße, weil zumindest die erste Hälfte aus ’Dokumenten’ besteht, die teils privat (Zeugnisse eines Lebens), teils literarisch sind (Zeugnisse einer sprachlichen und intellektuellen Entwicklung).
Wie illusionslos ich auch sein mag, ich werde dennoch nicht aufhören, an die zumindest ideale Existenz eines arglosen Lesers zu glauben, der bereit ist, auch die intimsten, eigentümlichsten und privatesten Dinge als objektive Fakten aufzunehmen, deren Lektüre nicht verwerflich ist. Besonders diesem Leser möchte ich sagen, daß es nicht an mir liegt, wenn Trasumanar e organizzar im April 1971 bereits ein wenig anachronistisch wirkt: gesellschaftliche Rückschritte sind immer traumatisch und wirken darum rasch.
Es stimmt, daß ich seit fast einem Jahr nicht mehr für eine Illustrierte arbeite, weil meine Bemerkung über einflußreiche Männer, die erklärt haben, sie seien von rechten wie von linken subversiven Gruppierungen ’gleich weit entfernt’, dort als nicht veröffentlichbar galt. Ich sah damals voraus, daß man auf diese Weise zu der heutigen Situa-tion gelangen würde, in der man sich an das Jahr 1919, wenn nicht gar an 1922 erinnern muß. Die Beteuerung, man wahre den gleichen Abstand zu beiden extremen Flügeln, bedeutet objektiv, den rechten Flügel zu unterstützen.
Außerdem weiß ich gut, daß nur sehr wenige Leser ein Buch mit Gedichten von vorne bis hinten ganz durchlesen. Darum empfehle ich dem, der entschuldbare Eile hat, die Abteilungen ’Trasumanar e organizzar’, ’Charta (sporca)’, ’Poemi zoppicanti’ und ’Manifestar’ als die interessantesten.
Ich weiß auch, daß es Leser gibt, die in einem Buch mit Gedichten nur ein einziges lesen. In diesem Fall rate ich zu ’La poesia della tradizione’.
Wer ist der Mensch, der dieses Buch geschrieben hat? Ich weiß es nicht genau. Auf jeden Fall wurde er von einem halben Dutzend ’Prinzipien’ geleitet, die ihm irgendein unbekannter Instinkt diktiert hat.
Das erste dieser Prinzipien war das, jeder Versuchung zu widerstehen, Agitprop-Literatur oder eingreifende Literatur zu schreiben, und dabei war ein starrköpfiges, geradezu feierliches Beharren auf der Nutzlosigkeit der Dichtung hilfreich.
Das zweite Prinzip dieses Menschen war das, die Aktualität nicht zu scheuen (im Namen von etwas anderem, das sie zunichte macht, und an das er ohnehin glaubt).
Das dritte Prinzip war das, sich eine gewisse sprachliche Freiheit zu gönnen, die gelegentlich an Willkür und Spielerei grenzt (was bisher noch nie vorgekommen ist, weil seine Mystifikationen immer unschuldig, leidenschaftlich und hingebungsvoll waren).
Das vierte Prinzip gebot ihm, es als verhängnisvoll anzusehen, daß er angesichts des Fortbestehens des ’Oxymorons’ oder des ’Synoikismos’ resigniert (vgl. ’Sineciosi della diaspora’).
Das fünfte Prinzip bestand in der fast überraschenden Entdeckung, daß die Freiheit dem Menschen (besonders dem jungen) ’unerträglich’ ist, daß er tausend Zwänge und Pflichten erfindet, um sie nicht leben zu müssen.
Das sechste (viel weniger wichtige) Prinzip bestand darin, aus allen obengenannten Prinzipien und aus einer Form der Treue zu sich selbst, die sich noch bewahrheiten muß, keinen Beitrag zur Restauration leisten zu wollen.
All das überwog immer die verzweifelte, aber ergebene Vorstellung, daß das eigene Leben kleiner geworden ist, während die Lebensfreude aufgrund der tatsächlichen Verringerung der Zukunft gestiegen ist.“ (in: Trasumanar e organizzar, Garzanti, Mailand 1971; aus dem Italienischen von Annette Kopetzki)
Klappentext zu La nuova gioventù: „Was bei der Vorstellung dieses Buches (setzt man den Gebrauch des friulanischen Dialekts und das Friaul als selbstverständlich voraus) am meisten zählt, ist eine, vielleicht sogar außergewöhnliche, technische Anomalie: die Wiederholung des Buches.
La meglio gioventù (1941-1953) und La nuova forma de ’La meglio gioventù’ (1974) weisen fast zur Gänze die gleichen Titel, die gleichen Verse, die gleichen Reime auf, oft auch die gleichen Wörter. Ich glaube, daß hier von einem regelrechten literarischen Ereignis gesprochen werden kann.
Im Grunde ist die Wiederholung des Buches rein formaler Natur: metrisch, prosodisch, vielleicht mimetisch. In der Tat unterscheidet sich der vor zwanzig-dreißig Jahren entstandene Band La meglio gioventù von seiner Neufassung vor allem dadurch, daß darin zwei oder drei potentielle Bücher aufblitzen und flottieren. Sie können nicht zur Gänze ans Licht kommen und auch nicht klar erkannt werden, sind sie doch vom (oft ehrlich gelungenen) chan plor des Narzissmus überschwemmt: also vom Buch eines Ich, das sich in Manier neu erschafft und ’im Falsett’ singt, wie Franco Fortini bemerkte. Diesem ’Ich’ entsprechen falsche Objektivierungen in jungen bäuerlichen Subjekten. In einen solchen Teufelskreis hält die Obsession Einzug, von der, wie gesagt, die anderen möglichen Bücher dieser ersten friulanischen Phase aufgesogen wurden. Ein Buch der sozialen Revolte (?) und ein Buch der bäuerlich-epischen Repräsentation (Ramuz, Babel, was auch immer …).
Im zweiten, wiederholten Buch, La nuova forma de ’La meglio gioventù’, habe ich dem Leser wohl um einiges weniger meiner Tränen zugemutet. In dreißig Jahren kann man sich schon ein wenig verändern. Abgesehen davon ist der Gegenstand des zweiten Buchs nicht selten das erste, in eigentlich ideologischem und fast analytischem Sinn. Die Obsession geht also weiter, auf die eine oder andere Weise. Der Wiederholungs-Wahn-sinn, die Bestürzung, niemals das letzte und letztgültige, oder zumindest triftige Wort gesprochen zu haben in Bezug auf das einzige, was mir am Herzen liegt.
Nichtsdestotrotz erhebt ’Die zweite Form’eine objektive Wirklichkeit zum Inhalt: eine neue Praxis der Verhöhnung der Geschichte (die ich, nichtsahnend, in meinen fernen Lehrjahren ausübte) und, zur gleichen Zeit und in Widerspruch dazu, die Probleme der offiziellen und aktuellen Geschichte: wobei der Akzent auf den Untergang der bäuerlichen Welt und die darauffolgende Zertrümmerung (man gestatte mir dieses vage subkulturelle Zitat) des orphischen Eis gelegt wird. Die ewige Wiederkehr ist zu Ende: die Menschheit ist durchgedreht. Neue ’Dämonen’ stützen dieses Phänomen und halten dabei immer noch dümmlich fest an einer Revolution der Armen.
Es bleibt das Buch, nicht jedoch das Wort. Recht behält der schlimmste Paulus, nicht der Ekklesiastes. Die Welt ist eine große graue Kirche, in der es nicht von Bedeutung ist, ob die Pflichten von der Edonè oder der Agàpe auferlegt werden. Die ganze Zukunft besteht in der Kodifikation der Entwicklung von Seiten des historischen Kompromisses. Das ist, schließlich, das Thema von ’Dunck-ler Enthusiasmo’,der letzten Sektion des Buches bzw. des dritten Buchs: beinahe ein Anhang, der nichts mit dem übrigen zu tun hat ...“ (in: La nuova gioventù, Garzanti, Mailand 1974; aus dem Italienischen von Theresia Prammer)
Theresia Prammer, geb. 1973 in Niederösterreich, lebt in Berlin und Bologna. Essayistin (mit Beiträgen zur Gegenwartslyrik und zur literarischen Übersetzung) sowie Übersetzerin aus dem Französischen und Italienischen (u. a. von Gabriele D’Annunzio, Ghérasim Luca, Eugenio Montale und Pier Paolo Pasolini).
Buchveröffentlichungen: Lesarten der Sprache. Andrea Zanzotto in deutschen Übersetzungen (2005), Übersetzen, Überschreiben, Einverleiben. Verlaufsformen poetischer Rede (2009).
Siehe auch das von Prammer herausgegebene Dossier zu Ghérasim Luca in Schreibheft 67 (2006).
Gerd Schäfer, geb. 1960 in Dillingen / Saarland, wo er lebt. Essayist und Litera-turkritiker.
Buchveröffentlichung, zuletzt: Adelbert von Chamisso. Die Gauner (Hg., 2007).
Siehe auch diverse Beiträge im Schreibheft, u. a. das von ihm mitverantwortete Dossier über Ezra Pound (Schreibheft 69, 2007)
Vittorio Sereni, geb. 1913 in Luino, gest. 1983 in Mailand. Schriftsteller und Über-setzer (u. a. von René Char, Julien Green, Paul Valéry und William Carlos Williams).
Buchveröffentlichungen, u. a.: Frontiera (1941), Diario d’Algeria (1947), Gli strumenti umani (1965), Stella variabile (1981).
Walter Siti, geb. 1947 in Modena, lebt in Rom. Schriftsteller und Literaturwissenschaftler; Herausgeber der 10-bändigen Werkausgabe Pier Paolo Pasolinis in der Reihe „I Meridiani“ (Mondadori).
Buchveröffentlichungen, u. a.: Scuola di nudo (1994), La magnifica merce (2004), Troppi paradisi (2006), Il contagio (2008), Il canto del diavolo (2009).
Peter Waterhouse, geb. 1956 in Berlin, lebt in Wien. Schriftsteller und Übersetzer (u. a. von Michael Hamburger, Gerard Manley Hopkins und Andrea Zanzotto).
Buchveröffentlichungen, zuletzt: Prosperos Land (2001), Von herbstlicher Stille umgeben wird ein Stück gespielt (2003), (Krieg und Welt) (2006).
Andrea Zanzotto, geb. 1921 in Pieve di Soligo / Treviso, wo er lebt. Schriftsteller.
Buchveröffentlichungen in deutscher Übersetzung, zuletzt: La Beltà / Pracht. Gedichte (2001), Gli Sguardi I Fatti e Senhal / Signale Senhal. Gedicht (2002), Auf der Hochebene und andere Orte. Erzählung (2004), Die Welt ist eine andere. Poetik. Essay I (2009).
Siehe auch einen weiteren Essay von Zanzotto über Pasolini in Schreibheft 44 (1994).
Gerd Schäfer
Proust, Pasolini und die unordentliche Welt
Anmerkungen zur Literatur
im Medienzeitalter
Nackt und ohne Behang
Tritt er vor dich hin, ohne Scham, denn er ist
Seiner Nützlichkeit sicher.
Bertolt Brecht, Der Gedanke in den Werken der Klassiker
Wer von unverdientem Reichtum spricht, darf über Marcel Proust nicht schweigen. Bereits der brillante Romanist Ernst Robert Curtius wies früh darauf hin, daß die Suche nach der verlorenen Zeit vor allem als Produkt eines Rentiers zu verstehen sei. Die besondere Ausdrucksfähigkeit im Verein mit psychologischer Akkuratesse war nur, folgt man Curtius, fernab des üblichen Arbeitsalltages zu leisten. Proust konnte seinen Stil, seine neuartige Sicht auf die Dinge, langsam mit der Zeit entdecken, weil ihm als Erbschaft die Gewinne von Börsenspekulationen zufielen. Sein Großvater mütterlicherseits hatte erfolgreich den Beruf eines Maklers ausgeübt.
Erheiternderweise sah sich der verwöhnte Nachgeborene, der nach dem Tod der Eltern das Risiko außerhalb von Wohnung und ohne Haushälterin suchte, jener fatalen Tradition verpflichtet. Es war jedoch eine selbstauferlegte Vorgabe, der Proust nicht genügen konnte. Eigentlich hätte er 1914 die Privatinsolvenz beantragen müssen. Gerettet wurde er durch den Ausbruch des Ersten Weltkrieges, der auch zum Erliegen des Aktienhandels führte.
Wer dem Widerspiel von Poesie, Politik und Ökonomie mithilfe von Prousts Werk nachgeht, kann bemerkenswerte Einblicke in den Mehrwert der Literatur gewinnen. Zu Beginn stehen jedoch wie immer die Mühen des Lesens. Die französische, nicht wenig unhandliche, Taschenbuchausgabe der Recherche, „en un volume“, umfaßt zweitausendvierhundert Seiten; sie wurde herausgegeben vom dem Proust-Spezialisten Jean-Yves Tadié, dem ebenfalls die Standard-Biographie, zwölfhundert Seiten dick, zu danken ist.
Eines der erhellendsten Bücher der letzten Jahre ist Prousts großem Mit- und Gegenstreiter vorbehalten, nämlich James Joyce. Wie schon der Untertitel verspricht, trifft man in der Gemeinschaftsarbeit von Hanns Zischler und Sara Danius auf Vermischte Nachrichten über einen Schriftsteller, dem eine Nase für Nachrichten, ein besonderes Verhältnis zu Zeitungen, zu eigen war. Im Vorwort berichtet Zischler, nicht nur Schauspieler und Übersetzer, sondern auch ein kundiger Privatgelehrter, von seiner ersten Bekanntschaft mit der schwedischen Literaturwissenschaftlerin Danius. Er habe von ihr ein Buch gelesen, Prousts Motor (- es ist, ergänzt man als Besserwisser, ein Frühwerk, das schließlich zu der Untersuchung The Sense of Modernism. Technology, Perception, and Aesthetics führen wird; Kronzeugen der Studie sind Joyce, Proust – und Thomas Mann.). Außerdem dankt Zischler vor allem jenen Menschen, „deren Gedächtnis anders arbeitet als die beliebten Suchmaschinen“, und spricht sich darüber hinaus bei jeder Lektüre für ein „cross reading“ als Methode aus, weil lediglich überraschende Verbindungen zu neuen Erkenntnissen führen können.
Ein schlimme Überraschung erlebt der Proust-Leser, wenn bei Zischler/Danius der Name von Stéphane Mallarmé fällt. Man wird daran erinnert, daß der Romancier am Anfang seiner Karriere die Unterstützung von Meinungsführern suchte, das Neue gegen das Alte ausspielte, Anatole France lobte und Mallarmé belächelte. Die ganze Angelegenheit ist bis heute ausgesprochen peinlich. Der gewissenhafte Biograph Tadié präsentiert die Fakten, versucht gleichzeitig mögliche Entschuldigungsgründe für Prousts Essay Gegen die Dunkelkeit zu liefern, um dann schließlich von einem merkwürdigen Ende zu berichten. Ein Vorbild für die Figur der Albertine, einer sich entziehenden Geliebten in der Recherche, war in der wirklichen Welt der Chauffeur Alfred Agostinelli, den Proust durch Geschenke an sich binden wollte, beispielsweise durch ein Flugzeug. Der Bestechungsgegenstand trug eine Aufschrift, das Zitat stammte aus einem Mallarmé-Gedicht.
Allein die von Tadié mitgeteilten Tatsachen führen zu einer Verfremdung, die es nicht mehr erlaubt, ein eindeutiges Bild des Schriftstellers Marcel Proust zu entwerfen. Vergleichbar schön, bizarr und frappierend, ist der Augenblick, in dem man 2009 auf der DVD Die Gefangene von Chantal Akerman („Nach Motiven von Marcel Proust“; Albertine ist in der Suche gefangen, aber sie flüchtet) eine Rechtsbelehrung findet: „Freigegeben ab 16 Jahren“. Aber schon die Bücher waren nicht harmlos, und noch in der Nachbetrachtung zeigen sie eine erstaunliche Gegenwärtigkeit.
An einer Stelle ihrer Spurensuche kommen Zischler/Danius auf ein singuläres Projekt in der Geschichte von Licht und Schatten zu sprechen. Es war kein Wunder, daß Joyce, zeitlebens ein Pumpgenie, das sich auch als Kinobetreiber in Dublin versucht hatte (was für Proust die Börse, war für Joyce der Film) die Aufmerksamkeit eines anderen Jahrhundertkünstlers weckte. Sergej M. Eisenstein wollte nämlich das Kapital von Marx verfilmen; den Stil sollte der Ulysses von Joyce vorgeben. Dieser gewagte Plan wurde nicht ausgeführt, auf gewohnt einige Art realisierte dann Alexander Kluge die Absicht seines fernen Vorgängers, auf 3 DVDs, Gesamtlänge: 570 Minuten, finden sich Nachrichten aus der ideologischen Antike.
Das Alte ist deshalb notwendig, kann man im Beiheft lesen, weil die üblichen aufgestellten Wegweiser in die Irre und in das Verderben geführt haben. Bereits zu Zeiten Roms habe eine List von Piraten (Freibeuter?) darin bestanden, an Land die Positionslichter umzustellen, um so Schiffe in die Falle zu locken. Lediglich die an den Himmel versetzten Gottheiten, die Sterne, im Wortsinn die Phänomene, bieten die korrekten Routen durch unbekanntes Gelände.
In den mitabgedruckten Notaten spricht Eisenstein, einnehmend verknüpfungsfreudig, von seiner Absicht, das Kapital am Beispiel einer Frau und eines Mannes zu verfilmen. Die Frau koche für den heimkehrenden Mann eine Suppe, und es ergebe sich folgende Assoziation: „Pfeffer, Cayenne. Teuflisch scharf: Dreyfus. Französischer Chauvinismus“. Zu lebenslanger Verbannung auf der Teufelsinsel wurde gegen Ende des 19.Jahrhunderts der Hauptmann Alfred Dreyfus verurteilt, es war ein Urteil als Verbrechen, das auf Antisemitismus und Rassismus zurückging. Proust schildert die Affäre in der Recherche, kürzlich bezog sich Louis Begley wieder auf den Fall, um Teufelsinsel mit Guantánamo in eins zu setzen. Und so braucht die Aktualität von Proust eigentlich nicht mehr bewiesen zu werden.
Aber es ist dringend notwendig, den dilettantischen Spekulanten gegen Invektiven von Eisenstein zu verteidigen. In seinen überaus lesenswerten Memoiren bekennt der Russe, er habe den Franzosen stets verabscheut, Joyce sei ein Schriftsteller für die Ewigkeit, Proust nehme vorübergehend einen Platz ein, „welcher in den folgenden Jahren an Céline und später an Jean-Paul Sartre übergeht“. Es war ein Verdikt, das mit der Zeit milder ausfiel, auch deshalb, weil Eisenstein wegen Überarbeitung an Herzproblemen litt. Er starb 1948 an einem Infarkt. Eine gelenkte Vorsehung der Literaturgeschichte hilft dabei, wenn man jenes bemerkenswertes Auftauchen einer coronar-poetischen Exkulpation verstehen will.
Vierzig Jahre nach Eisensteins Tod mußte sich ein linker Schriftsteller und Filmemacher gegen den Vorwurf verteidigen, zur herrschenden Klasse übergelaufen zu sein. Für eine italienische Illustrierte schrieb er beiläufige Rechtfertigungen unter dem Titel Chaos; die Freibeuterschriften werden erst noch folgen. In der Kolumne Prähistorische Spuren, sie erscheint am 16.8.1969, betrachtet Pier Paolo Pasolini das berühmte Foto der ersten menschlichen Fußabdrücke auf dem Mond, er hat das Gefühl, „eine Offenbarung zu erleben“, umgehend zitiert er Marcel Proust, er führt einen berühmten Ausdruck aus der Recherche an – „intermittence du cœur“. Buchstäblich ist damit ein zeitweiliges Aussetzen des Herzens gemeint, eine Unterbrechung, die aus Schock eine besondere Gelegenheit bietet. Pasolini stößt ein magischer Moment zu, weil das Foto andere Bilder beschwört, andere Abdrücke, die zu einer Rückkehr führen: „Das Herz spürt, wie es in die Vergangenheit zurücksinkt, und das tröstet“.
Irgendwie ist das in der Tat proustianisch gedacht. Und wer jetzt noch weitere Fragen hat, sei geduldig auf die deutsche Ausgabe des Enzyklopädischen Handbuches zu Marcel Proust hingewiesen. Bei 1500 Seiten darf gewiß manch Trostreiches erwartet werden.