Schreibheft. Zeitschrift für Literatur

Sabine Scho
Lungerland ist ausgespannt

wie ein perfekt geformtes zuckerstück,
das ungerührt in abgekühlter brühe
endlos lang in sich zusammenfällt.

   Nicolai Kobus, amabilis insania

PPP, ein Schmerzensmann auf seinem Leidensweg, da kann man sich dran besaufen, und dann geht man am besten dahin kotzen, wo man gesoffen hat, ganz so, wie es Accattones Nutte empfiehlt. Aus Büchern und Filmen getrunken und Texte wieder hervorgewürgt: „Doch auch die Zeit des Lebens besteht aus Denken, nicht aus Leben, / und nachdem das Denken nunmehr ohne Methode und Sprache ist, / Licht und Verwirrung, Vorwegnahme und Ende, / löst auch das reine Leben in der Welt sich auf.“ (An die Redakteure von Officina)
    Teil der Lösung heißt der jüngste Roman von Ulrich Peltzer, ein Pasolini-Kenner, und ich empfehle den Titel eher als die Beschreibung eines chemischen Prozesses zu lesen, denn als die so eindeutig scheinende politische Positionierung, „und nachdem das Denken nunmehr ohne Methode und Sprache ist, (...) löst auch das reine Leben in der Welt sich auf“, noch sichtbar, aber schon bald wie der Zucker im Kaffee, der „endlos lang in sich zusammenfällt“: „Watch me come undone“; Auflösungserscheinungen in den Versprechungen eines neuen Konsums, der Mitgefühl und Leidenschaft zum Mittel abkühlt und im Zweck aushärtet, das ist Pasolinis Anathema. Er spannt die Bezirke, wo sich der Unbehauste, der Landflüchtling, der Angespülte und Tagedieb einfindet und zugrunde geht in seine Gedichten wie den frühen Filmen aus wie auf, und verdeutlicht ihr uneinholbares Abgehangensein im versuchten Anschluß an das schönere Fristen.
    Noch jedes ‚reine Leben’ geriet bei Pasolini von der Peripherie makelloser Mietshäuser (An meine Nation), die im Brachland, der Bannmeile, an den Ausfallstraßen zur Stadt hin sich aufreihen, und ihr doch immer fern bleiben.
    Vom Vogelkenner (Ettore) zum Lungerjungen, für den Mamma Roma anschaffen geht, früher als Nutte, dann als Marktbeschickerin, ist das Schicksal eines Hurensohns, den die Mutter als Nutte außer Dienst nun vom Land zu sich in die Stadt holt, um mit ihm in die ehrbare Kleinbürgerlichkeit Einzug zu halten. Leute, lebt gesund, kauft Gemüse bei Mamma Roma! Aber das heilende Konzept will nicht aufgehen, der Zuhälter steckt in Geldnot, Mamma Roma muß wieder anschaffen, der Junge lungert lieber als zu kellnern, das Erregungspotential, Bruna, ein Vorstadtflittchen, wird mit Schmuck gewogen gehalten, für den man die Schallplatten der Mama versetzt. Nicht viel später, ausgerechnet beim versuchten Diebstahl eines Weckers im Krankenhaus, schlägt dem süßen Nichtstun bereits die letzte Stunde. Ettore stirbt angeschnallt auf einer Pritsche, Mantegnas Beweinung Christi gleich, unter Fieberschüben, sein Flehen im Knast wird nicht erhört. Mamma Roma stürzt aus ihrer Bürgerlichkeit. Alles hart ausgeleuchtet, ein voll verschienenes Leben, nichts dräut, dämmert herauf, oder vergeht im letzten Abendrot, alles passiert schon jetzt und hier.
    In Pasolinis Passionsspielen wird bei vollem Licht gestorben, ganz so wie es sich für einen Aufklärer gehört. „Ich will, daß dieser Christus sich darstellt wie Christus in der Wirklichkeit / Ist das nicht vielleicht Grund genug, / damit das hier ein Film wird und kein Poem? („Bestemmia“)
    Wer in den Städten lungert, der tut es zumeist auf Kosten anderer. Das verheimlicht Pasolini nicht, die Kleinkriminellen lassen lieber arbeiten, da sind sie der Bourgeoisie nicht unähnlich, doch jeder Versuch, ihre ungelernte Haut ehrlich zu Markte zu tragen, scheitert ja auch an den würdelosen Almosen, die sich eine Neokapitalismus Löhne zu nennen nicht schämt, hat man auch dafür wie in Buchenwald schuften müssen, so Accattone, nach einem ’ehrlichen Arbeitstag’.
    Arbeit ist kein Begriff, der sich bei Pasolini an Selbstbestimmung und ein freies Leben knüpfte. Accattones Vergleich mit Buchenwald stellt die Ausbeutungsmechanismen unterbezahlter Arbeitskraft klar heraus und der Trost, daß mit etwas gutem Willen, es schnell vorbei gehe, weiß er mit: „Ja, das Leben“ als wenig tröstlich zu markieren. Es sind viele falsche Propheten unter denen, die einem Arbeit als freimachende Kraft unterjubeln wollen; eine Kraft, bei der nicht wenige bis heute einen vorschnellen Tod finden. Es ist nicht so falsch, an das makabre Diktum an den Toren von Auschwitz zu erinnern, das kann man bei Pasolini lernen. Und weiß man sich mit Situationskomik auch noch den ein oder anderen Augenblick zu versüßen, irgendwer oder was erinnert einen immer wieder daran, daß Geld rangeschafft werden muß. Geschenkt wird einem nichts, bis auf das Leben. Aber was ist ein geschenktes Leben ohne geschenkte Zeit?
    Pasolini zeigt Leben ohne Konzept, das alles mit einbezieht, was ihm der Zufall vor die Füße rollt. Figuren im Transit, das läßt sie bei aller komisch grundierten Tragik sehr modern aussehen, doch fehlt ihnen zum Flaneur die Methode und zur Meditation die gehobene Sprache, heißt, dem Dichter bleibt noch: „Dichtung zum Gegenstand meiner Dichtung zu machen / - wenn alles andere bereits der Spähre / eines häßlichen Todes zugehört. Fleisch verlangt Blut.“ (Tagebuchfragmente 1961)
    Den anderen bleibt ihr Zungenschlag für den Augenblick, den der „Wirklichkeitsfresser“ Pasolini zur Sprache der Bildschirme (Res sunt Nomina) bringt. Eines Tages auf alle pfeifen können, die einen rumschubsen, das wär’s.
    Tun, was einem gefällt und wie Pippi Langstrumpf das Lied vom wunderschönen Lungern anstimmen, und den Tag, an dem man wiederkommt und fleißig sein wird, weit in die Zukunft verschieben, das ist in Zeiten globalisierter Märkte, die nichts anderes zu Predigen wissen als Effizienz, nicht en Vogue. Frei macht, was Wohlstand verspricht, und den verspricht allein Gütervermehrung und Dienstleistung, das lehrt man uns heute. Und wo selbst der schönste Lungerzustand, die Libidoleichtigkeit, in reinen Verwertbarkeitszusammenhängen aufgeht, bleibt nicht viel von der Lässigkeit des Lungerns.
    „Dieser Kinderzug: tun, was man will, u. wenn es verboten ist, es der Kritik entziehen, ist ein Lebenszug geworden. Instinktstark u. heimlich.“ Schreibt Robert Musil in sein Tagebuch. Pasolini etwas später: „Inzwischen sind die Gefühle, / die von Natur aus dunkel waren, / alle ins Bedauern investiert / um die verpaßten Chancen.“ (Verse haarscharf wie Fadenregen)