Schreibheft. Zeitschrift für Literatur

Andreas Pittler
Der große Magier

Dragan Velikić

I.
  An einem eiskalten Januartag 1992 traf ich zum ersten Mal mit Dragan Velikic zusammen. Unser gemeinsamer Verleger hatte mir geraten, Dragan für die Wochenzeitung zu interviewen, für die ich damals als Redakteur arbeitete. Dragan hatte zu jener Zeit eben seinen ersten Roman "Via Pula" in deutscher Sprache publiziert, und dieses Buch hatte auf mich tiefen Eindruck gemacht. Beinahe ehrfürchtig betrat ich daher sein Zimmer im Hotel "Marriott", wo er wie der arme Poet Spitzwegs im Bett lag, weil es nur einen einzigen Sessel im Raum gab, den er mir anbot.
  Alle Welt wollte damals wissen, wie es kommen konnte, dass Jugoslawien einfach so zerfiel, und so erwartete man von jedem Jugoslawen in jenen Tagen in erster Linie ein "politisches" Gespräch. Doch ich fühlte mich dem Autor Velikic verpflichtet, und so unterhielten wir uns praktisch ausnahmslos über sein Werk, um von dort zu einem allgemeinen Gedankenaustausch zum Thema Literatur zu gelangen. Und ich war mächtig beeindruckt. Da lag mir jemand gegenüber, den die Muse regelmäßig küsste – und er nahm mich kleinen Schmieranski ernst. Er war wirklich und wahrhaftig daran interessiert, wie ich die Dinge sah. Dragan hielt keinen Vortrag, monologisierte nicht, er dachte mit mir gemeinsam nach. Seit diesem Augenblick war ich nicht nur ein Fan seiner Romane, ich war auch zum Fan von ihm geworden.

II.
  Dragan hat bislang acht Romane im deutschen Sprachraum veröffentlicht, und in diesen offenbart er sich – wie damals an jenem kalten Januartag – als ein Suchender. Er hat keine Wahrheit gepachtet, vielmehr arbeitet er an einer Prosa, die sich bewusst abhebt von der allzu vordergründigen Effekthascherei mancher heute vorschnell hoch gelobter Literaturhandwerker. Meisterschaft verlangt Konzentration auf das Werk, das Sich-Versenken in den eigentlichen Gegenstand, ungeachtet allfälliger Zurufe von außen. Denn Dragan ist es nicht um Ruhm zu tun: „Besser ist es, nicht erfolgreich zu sein, als berühmt für einen Winter", erinnert er an eine Anspielung Nabokovs.
  Für Dragan ist Literatur ein Prozess, in dem Autor und Publikum gemeinsam etwas ererben, denn nur, wenn zwischen Schreibenden und Lesenden eine tiefere Beziehung entsteht, wirkt das Werk auch auf künftige Generationen. Dementsprechend sind Dragans Romane auch keine simplen Erzählungen. Dragan will ebenso Spuren verwischen wie neue legen. „Verstecken und erstaunen", lautet demgemäß auch seine Maxime, und er verfolgt dabei die Absicht, eine neue Realität zu entwerfen,„die ein bessere Zeuge wird als die wirkliche Wirklichkeit."

III.
  Tief beeindruckt von unserem Gespräch und wohl auch davon, dass mir Dragan wie selbstverständlich die Freundschaft angeboten hatte, machte ich mich daran, einen Artikel über ihn zu verfassen. Als er im Frühjahr 1992 im Hamburger Magazin "Nord" erschien, nannte ich Dragan einen "Magier", denn er hatte mich mit seinem Wesen ebenso verzaubert wie mit seinen Schriften.
  Dragan pendelte die folgende Zeit zwischen den verschiedensten Orten Mitteleuropas. Er lebte geraume Zeit in Bremen, war in Budapest zu Hause und verbrachte mittlerweile auch einige Jahre in Wien. Und immer, wenn er hier Station machte, dann dachte er an mich und lud mich zu sich nach Hause ein, was ich stets als große Ehre empfand. Ich lernte durch ihn eine Menge faszinierender Persönlichkeiten kennen und konnte erstmals nachempfinden, wie die Dichterrunden des frühen 19. Jahrhunderts abgelaufen waren.
  Dragan stand dabei immer irgendwie im Mittelpunkt. Aber nicht, weil er sich diese Rolle angemaßt hätte. Nein, es ist seine unnachahmliche Fähigkeit, eine ganze Runde einen ganzen Abend lang unterhalten zu können. Er ist eben ein Geschichtenerzähler. Und er vermag es, selbst aus der kleinsten Nebensächlichkeit noch eine Anekdote herauszuschälen, die in Inhalt und Art des Vortrags selbst das beste Fernsehprogramm mühelos ersetzt.

IV.
  Heute noch zählt "Via Pula" zu meinen absoluten Lieblingsbüchern. In einer phasenweise an Danilo Kis erinnernden Sprache nähert sich Dragan der Stadt Pula, seit jeher Schnittpunkt verschiedenster Völker und Kulturen, an, dabei den Erzählfluss in mancherlei Hinsicht brechend und gegenzeichnend. Authentische Zeitungsartikel und historische Texte werden mit fiktiven Berichten und der eigentlichen Erzählung gegengeschnitten. Der Roman beginnt und endet im Jahr 1981, dazwischen eine Zeitreise durch verschiedene Epochen vor dem Leser ausbreitend. Im Mittelpunkt von „Via Pula" steht die Geschichte des Psychiaters Bruno Gasparini, der, durch die Auseinandersetzung mit einem Patienten auf die Geschichte der Stadt Pula verwiesen, schließlich auf sich selbst zurückgeworfen wird, bis er sich im Labyrinth der eigenen Psyche unwiederbringlich verliert.
  Ähnliches gilt für Dragans zweiten Roman, „Das Astragan-Fell". Abermals entwirft er einen literarischen Irrgarten, legt allseits Wege an, die dem Leser Führung, aber auch Verführung sind. Das Werk leuchtet gleichsam direkt ins Herz der Finsternis dieses Jahrhunderts, ein Traum von Identität, ein Trauma der Irrungen und Wirrungen. Dragan greift die zahlreichen Knäuel unterschiedlichster Lebensläufe, die sich im Labyrinth des Lebens finden lassen, auf und verknüpft sie zu einer sprachgewaltigen Paraphrase auf die ewig gleichen Fragen des Seins, webt aus feinen Satzfäden und dichten Bildern eine Geschichte, die den Leser nicht so leicht aus ihren Fängen entlässt. Und wieder spielt dabei die Stadt Pula eine nicht unwesentliche Rolle.
  Auch sein fünfter Roman, „Dante-Platz", ist in Pula angesiedelt. Den Dante-Platz gibt es wirklich. Er hieß unter den Italienern so und heißt heute im unabhängigen Kroatien wieder so. Nur zwischen 1947 und 1992, in der Sozialistischen Föderativen Republik Jugoslawien, hieß er ,Platz der Revolution`." Rund um diesen zentralen Ort in der Pulaer Altstadt entwirft Dragan ein Kaleidoskop unterschiedlichster Lebensläufe. Alle Protagonisten sind Archetypen, sie sind aber auch Schlüssel zu neuen Handlungsräumen, Koordinaten eines Systems von Zeit und Ort. Dabei bedient sich Dragan der gelungenen Synopsis von Fict und Fact, und es scheint beinahe ein Ding der Unmöglichkeit, die zahlreichen Zitate und Verweise zu entschlüsseln, die sich, Joycens  „Ulysses" gleich, in „Dante-Platz" finden. Nun, ein Schlüssel sei hier abschließend geboten: das mehrfach zitierte Hauptwerk Ivanovics, „Schisma", hat seinen Ursprung in Dragans eigenem Schaffen: Vor Jahren wollte er diese Geschichte tatsächlich einmal schreiben, aber mit der Zeit fand er es spannender, DARÜBER zu schreiben als SIE zu schreiben."

V.
  Mittlerweile hat Dragan noch drei weitere Romane geschrieben. Der neueste, "Das russische Fenster", erscheint im Herbst 2008 auf Deutsch. Zudem war Dragan, der heuer seinen 55. Geburtstag beging, einige Jahre Botschafter seines Landes in Österreich. Mir allerdings ist er in diesen 16 Jahren ein wahrer Vertrauter geworden, ein echter Freund im besten Sinne des Wortes. Selbst wenn wir uns ein Jahr und einen Tag nicht sehen, verliert sich unsere Vertrautheit nicht. Ich profitiere von ihm, seiner Persönlichkeit, seiner Geschichte und seinen Geschichten, ich profitiere von seiner Literatur und ich rufe die wunderschönen Momente unserer Begegnungen immer wieder in meiner Erinnerung ab.
  Von Dragan Velikic profitieren kann gleichwohl nur, wer ihn kennt. Von seinen Werken allerdings kann jeder profitieren, der sie liest. Denn in ihnen lebt die Zauberkraft eines großen Magiers.