„wenn mir nicht, wem dann?“
Nachruf auf Marianne Fritz
Am 1. Oktober 2007 endeten Leben und Werk von Marianne Fritz. Darf man das so sagen? Wohl nicht. Die griffige Formel ‚Leben und Werk’ ist (wie überhaupt alles griffige) bei Marianne Fritz unangebracht; bei ihr stand das Werk immer an erster Stelle, und dies so sehr, daß dahinter das Leben fast vollständig verschwand. Sprechen wir also, bevor wir uns aufs Leben besinnen, wenigstens in aller Kürze vom Werk, jener Kürze, die diesem Werk freilich grotesk unangemessen ist.
Am weitesten verbreitet von diesem Werk dürfte kurioserweise dessen kleinstes und unbedeutendstes Teilchen sein, eine Erzählung mit dem Titel „Eine befremdliche Entdeckung“, zu finden in dem überdimensionierten Jubiläumstaschenbuch Erzähler des S.Fischer Verlages 1886-1978, das im Oktober 1978 in hoher Auflage gedruckt wurde. Das Bemerkenswerteste an dieser Erzählung ist der Refrain, von dem sie durchschossen wird, bestehend aus zwei Sätzen: „Aber nicht das wollte ich erzählen. Ich habe vielmehr nach der Feder gegriffen, weil ich eine befremdliche Entdeckung gemacht habe“ – dann folgt ein Doppelpunkt, daraufhin eine mal mehr und mal weniger kurze Erzählstrecke, dann wieder der zitierte Refrain. Wollte Marianne Fritz überhaupt erzählen? Wollte sie Befremden preisgeben?
Daß sie der Welt erzählend mit Befremden begegnete, zeigt ihr ebenfalls 1978 erschienener Erstling, ein schmaler Band namens Die Schwerkraft der Verhältnisse. Wie alles, was die Autorin fortan veröffentlicht hat, ist auch Die Schwerkraft der Verhältnisse Teil des literarischen Großprojekts Die Festung, das sich aus dem Blickwinkel der ‚kleinen Leute’ mit der österreichischen Geschichte vor allem des 20. Jahrhunderts befaßt. Dieses Großprojekt ist in zeitlicher wie auch in sprachlicher Hinsicht von gegenläufigen Entwicklungen gekennzeichnet. Die zeitliche Gegenläufigkeit sieht so aus, daß Marianne Fritz mit dem Voranschreiten ihres Werks historisch immer weiter zurückgeht. Die Schwerkraft der Verhältnisse erschließt von der Erzählgegenwart des Jahres 1963 aus die Zeit ab 1945; in Das Kind der Gewalt und die Sterne der Romani (1980) ist die Rahmenhandlung in die Jahre 1922/23 verlegt, wobei Rückblenden in die Anfangsjahre des Jahrhunderts führen; in Dessen Sprache du nicht verstehst (1985) und Naturgemäß (1996/98) schneiden sich die Haupterzählstränge im Jahr 1914, führen jedoch bis ins Mittelalter zurück und deuten zudem voraus bis in die Balkankriege der 1990er Jahre. Eine sprachliche Gegenläufigkeit ergibt sich daraus, daß sich Marianne Fritz zwar literarisch mit jenen Menschen beschäftigt, die in der Geschichte keine Stimme haben, die stumm sind und namenlos bleiben, daß jedoch gleichzeitig die Texte, die diese Phänomene einzufangen versuchen, in Umfang und Sprachbehandlung zusehends extrem ausufern: Die Schwerkraft der Verhältnisse ist noch eine karg erzählte 100-Seiten-Erzählung, Dessen Sprache du nicht verstehst umfaßt weitüber 3000 Seiten, und die beiden vorliegenden Teile von Naturgemäß summieren sich auf knapp 5000 Seiten.
Im Zentrum von Die Schwerkraft der Verhältnisse steht eine psychisch labile Frau, die ihre Kinder getötet hat, um die „mißlungene Schöpfung“ vor der Außenwelt zu retten. Diese Protagonistin trägt den sprechenden Namen Berta Schrei, der allerdings oberflächlich besehen irreführend ist, denn tatsächlich reduziert Berta ihre verbalen Äußerungen auf ein schwaches „Ja. Ja“. Nur in Andeutungen ist bei der Lektüre zu erfahren, wie sich Bertas sprechender Name in ihrem Innern realisiert: „Was Berta nicht mitteilte, pflegte mit ungeheuerer Intensität in ihrem Kopf weiterzuwuchern.“ Es ist dieses Wuchern Bertas, das in den nachfolgenden Werken der Marianne Fritz gleichsam nach außen gestülpt wird.
Das nächste Buch, der Roman Das Kind der Gewalt und die Sterne der Romani, schildert die Versehrungen, die ein einzelner Gewaltakt im Alltag aller Bewohner eines Dorfes hinterläßt: der Großbauer Zweifel vergewaltigt die „Romani-Mutter“. Weite Teile des Romans geben die Träume der Protagonisten wieder, die sich daran machen, „die Geschichten der Toten vom Schindanger auszugraben“. Dieses Ausgraben verborgener und verdrängter und unterdrückter Schichten spiegelt sich in der Sprache des Buches: die grammatisch ‚falsche’, formal uneinheitliche Sprechweise der direkten Rede greift zunehmend auch auf die Erzählrede über, die der Perspektive und dem Wissenshorizont der Figuren unterworfen wird.
Dessen Sprache du nicht verstehst setzt konsequent und weit ausholend vor allem die sprachlichen Techniken um, die sich Marianne Fritz mit Das Kind der Gewalt erschrieben hat. In Dessen Sprache du nicht verstehst ist Sprache als Gegenentwurf zum ‚korrekten’ Diskurs öffentlicher Welterfassung angelegt: die Autorin befaßt sich, wie sie in Briefen darlegt, die im Einführungsband „Was soll man da machen“ zitiert werden, „mit dem, was gewisse Formulare, Dokumente, karteimäßig erfaßte Lebensläufe ausgrenzen, ausblenden, weglassen“. Die 3000 Seiten des Romans erzählen „Untergrund, Geschichte, die niemand interessierte“, und dafür erforderlich ist ein unkonventioneller, regelloser, zur gezielten Inkonsequenz neigender Duktus: Marianne Fritz läßt Pronomina und Hilfsverben ausfallen und verändert die Wortstellung; Kommata und Semikola sprengen den sonst allzu glatten Fluß der Sätze. Auf diese Weise arbeitet die Autorin daran, Sprachen zu finden für diejenigen, die keine Sprache haben; gleichzeitig schafft sie geschmeidige Übergänge zwischen Sprache und eigentlich nichtverbalen Sprechweisen. Körpersprachen, metaphorische Sprachen, die Sprachen des Windes, der Liebe und der Gewalt werden sprechbar, weil Sprechen in Dessen Sprache du nicht verstehst kein diskursiver Akt mehr ist, sondern sich gleichnishaft vollzieht – über Analogien und Klänge und den Gestus der Narration. Außerdem greift Marianne Fritz im Rahmen dieses Konzepts zu sprechenden Namen. Der Protagonist der Rahmenhandlung ist Johannes Null aus dem Nullweg der Marktgemeinde Nirgendwo; er ist desertiert und verbirgt sich bei Pfarrer Pepi Fröschl, der ihn liebt, am Ende jedoch verrät. In diesen Rahmen sind die Vorgeschichten aller Beteiligten eingebettet; sie fächern sich zu so etwas wie einem Gegenmythos der Donaumonarchie auf. Marianne Fritz verbindet eine Rekonstruktion verlorener Zeiten im Sinne Marcel Prousts mit dem „Möglichkeitssinn“ Robert Musils.
Das noch umfänglichere nächste Teilprojekt von Marianne Fritz tut den Schritt ins Zentrum der Gewalt. Während sich bis einschließlich Dessen Sprache du nicht verstehst hinter dem Textfokus der „Festung“ die Irrenanstalt von „Donaublau“ (einem ins Fiktionale überführten Wien) verbirgt, so dient als Bauplan des Riesenwerks Naturgemäß die Topographie der ehemals österreichischen Festung Przemysl; erzählt werden simultan alle archäologischen Schichten der über die Jahrhunderte vielfach umgebauten, zerstörten und neuerrichteten Festung. Marianne Fritz bedient sich dazu der unterschiedlichsten Textsorten: sie zitiert Heeresberichte und Dienstanweisungen, erfindet Märchen und Mythen, erzählt die Familiengeschichten jener Dörfer, die aus militärischen Gründen vom Erdboden getilgt wurden. Die Festung ist „Versteinerte Seelenlandschaft“, und in dieser Landschaft montiert die Autorin ihre diversen Erzählstränge nach komplizierten, für die Leser schwer nachvollziehbaren Baugesetzen durcheinander. Ziel des Verfahrens ist eine erzählerische Simultanität, die eine Neuvernetzung aller Bausteine ermöglicht. Dazu werden die Buchseiten in mehrere Stränge geteilt, Einzelwörter und längere Satzeinheiten durch Bruchstriche zerlegt, unterschiedliche Schrifttypen benutzt; graphische Elemente, eingefügte Strukturschemata, in den Text gezeichnete Wirbel und Treppen zertrümmern den Textfluß und organisieren gleichzeitig neue Zusammenhänge.
Leider sind von den geplanten drei Teilen von Naturgemäß nur die ersten beiden publiziert; der abschließende dritte Teil galt Ende der neunziger Jahre bereits als abgeschlossen, ist aber von Marianne Fritz offenbar weiter revidiert worden, wobei ungewiß scheint, in welchem Zustand er sich befindet. Mit dem Tod der Autorin ist Naturgemäß und damit das komplette Festungsprojekt Fragment geworden.
Und der Tod veranlaßt uns, nach dem Leben der Marianne Fritz zu fragen, auch wenn unübersehbar ist, daß die Arbeit an einem Werk wie dem ihren für Leben wenig Raum läßt. Als der Erstling Die Schwerkraft der Verhältnisse und der Anthologiebeitrag „Eine befremdliche Entdeckung“ erschienen, war die Autorin knapp dreißig Jahre alt; ihr biographischer Eintrag im Anhang der Fischer-Jubiläumsanthologie ist der knappste des Bandes: „Marianne Fritz wurde am 14. 12. 1948 in Weiz / Steiermark geboren. Nach Abschluß einer Bürolehre entschloß sie sich für den zweiten Bildungsweg.“ Mehr gab sie damals und gab sie öffentlich auch später nicht preis; die einzige zusätzliche Information, die Verbreitung gefunden hat, ist die, daß Marianne Fritz in den siebziger Jahren mit Wolfgang Fritz verheiratet war, der ebenfalls schrieb und später eigene Romane veröffentlicht hat. Alles weitere ist Gerücht und Spekulation. Ein Wiener Literaturkritiker verwahrte in den neunziger Jahren (und verwahrt vermutlich noch heute) in seinem Tresor Lebenszeugnisse zu Marianne Fritz aus der Zeit, bevor sie öffentlich in Erscheinung getreten ist, auf; im wesentlichen geht es darin um Krankengeschichten.
Öffentlich in Erscheinung getreten ist Marianne Fritz praktisch nur dadurch, daß sie in immer größer werdenden Abständen immer umfänglichere Bücher vorlegte. 1977 und 1979 hielt sie offenbar in Wien noch Lesungen, seither verweigerte sie sich allen Auftritten in der Öffentlichkeit, gab keine Interviews und ließ sich, wie es heißt, auch nicht fotografieren. Dies als Arroganz oder gar als bewußtes Spiel mit Neugier und Erwartungshaltung des Literaturbetriebs zu deuten, wäre grundfalsch; es ging Marianne Fritz nicht um den Betrieb, nur um die Literatur, um ihr Schreiben.
Wie weit diese Konzentration aufs Schreiben bei Marianne Fritz ging, mögen zum Schluß einige im Grunde eher anekdotische Mitteilungen illustrieren, für die der Nachrufer von einem nüchternen Berichterstatterton in einen persönlich grundierten „Ich“-Bericht wechseln muß; man möge mir die Peinlichkeiten, die mit einem solchen Spurwechsel während der Fahrt unweigerlich verbunden sind, nicht allzu übel nehmen.
Im März 1994 fand in Wien ein Marianne-Fritz-Symposium statt, zu dem Kurt Neumann neun Kenner ihres Werks in die Alte Schmiede geladen hatte, um in vorstrukturierten, aber frei geführten Gesprächen eine kollektive Annäherung an die bis dahin erschienenen Texte zu versuchen. Der Literaturkritiker Heinz Schafroth, mit Marianne Fritz seit längerem persönlich bekannt, war bei dieser Gelegenheit so freundlich, mich auf einen Besuch zu ihr mitzunehmen, wobei die Freundlichkeit nicht nur mir, sondern auch Schafroth selbst zugute kommen sollte – er beichtete mir anschließend, er habe mich auch mitgenommen, weil er immer ein wenig Angst davor gehabt habe, Marianne Fritz allein gegenübertreten zu müssen. Wir läuteten an der Tür zu jener Altbauwohnung, in der das Festungsprojekt Gestalt annahm, wurden eingelassen, und buchstäblich das erste, was Marianne Fritz sagte, war der Satz: „Ich habe mir nun überlegt, daß ich es auf Seite XtausendYhundertZZ doch anders mache, nämlich folgendermaßen“ – und es ging, natürlich, um Naturgemäß, ein Werk, von dem ich höchstens den Titel kannte und Freund Schafroth nur das wußte, was ihm die Autorin womöglich bei früheren Gelegenheiten erzählt hatte. Marianne Fritz aber lebte sichtlich in diesem Projekt, und zwar so sehr, daß daneben für den Rest des Lebens kaum Raum blieb. Smalltalk war unmöglich. Wie ich den Rest des Besuchs in der Schlottenfeldgasse überstanden habe, weiß ich nicht mehr, meine aber, daß mir außer Zuhören und einem oberflächlichen Bestaunen der mir gezeigten Strukturschemata nichts zu tun blieb.
Im Frühjahr drauf fand der zweite Teil des Neuen Wiener Symposiums über Marianne Fritz statt, bestehend aus einer Lesung (durch den Schauspieler Rudolf Wessely, natürlich nicht durch die Autorin) sowie einer Buchpräsentation mit Kurzvorträgen. Vor der Buchpräsentation waren einige wenige Teilnehmer erneut bei Marianne Fritz zu Besuch, und sie ließ sich bewegen, gegen alle Erwartung doch zur Veranstaltung mitzukommen, natürlich unter der strikten Ankündigung, nichts beitragen und nichts sagen zu wollen; wenn mich meine Erinnerung nicht vollkommen trügt, sagte sie dann aber doch in dieser und sei es intimen Öffentlichkeit einige Sätze. Im Anschluß an die Veranstaltung, als wir zu Fuß anderswohin unterwegs waren, ließ ich mich zur Überbrückung einer Gesprächspause und zur Überspielung meiner Befangenheit zu der zugegebenermaßen recht dummen Bemerkung hinreißen, diese Veranstaltung sei doch ein schöner Erfolg gewesen – wie vom Schlag getroffen blieb Marianne Fritz stehen, schaute mich entgeistert an und machte ihrem Entsetzen darüber Luft, daß ich das Wort „Erfolg“ in den Mund hatte nehmen können. Erfolg war eine Kategorie, die Marianne Fritz völlig fremd war; jedes Streben nach Erfolg, so wurde mir klar, bedeutete für sie Verrat an der Sache, um die es ging: am Schreiben.
Im Herbst 1996 erschien Naturgemäß I in fünf Bänden; ich rezensierte das Teilwerk und baute die Rezension zu einem längeren Essay (gedruckt schließlich im Schreibheft 49) sowie zu einem Vortrag aus, den ich Anfang 1997 im Literaturhaus Berlin und wiederum in der Alten Schmiede Wien vortrug. Im Umfeld des Vortrags in Wien kam es zu mindestens einem Telefonat und einem weiteren Treffen mit Marianne Fritz; erinnerlich sind mir daraus zwei Details. Die Autorin hatte meine Rezension gelesen, bezog sich auf die eine oder andere Formulierung daraus; am wichtigsten war ihr freilich, zu erfahren, ob Naturgemäß für die Leserschaft denn wirklich so viel schwerer zugänglich sei als Dessen Sprache du nicht verstehst (ich kam nicht umhin, diese Frage ohne Umschweife zu bejahen). Und sie verriet mir ihren Wunschpublikationsrhythmus: Naturgemäß II solle Ende 1997 erscheinen und Naturgemäß III Ende 1998, so daß dann, zu ihrem fünfzigsten Geburtstag, das Werk abgeschlossen vorliege.
Dieser Publikationsrhythmus hat sich leider nicht einhalten lassen; im Herbst 1998 kam erst die zweite Lieferung heraus, die dritte fehlt bis heute. In einem Brief von Ende Mai 1998 nennt Marianne Fritz schon einen neuen Wunschtermin, „unbedingt“ wolle sie Naturgemäß III „im Herbstprogramm des Jahres 2000 (Suhrkamp) sehn, was nur realistisch ist, wenn ich den Kopf frei habe für das Werk.“ Diese Formulierung läßt Schwierigkeiten anklingen, mit denen Marianne Fritz stets zu kämpfen hatte und die angesichts der besonderen Gestalt ihres Werks nur zu folgerichtig waren: ihr fehlte das Geld zum Leben und damit auch zum Weiterschreiben. Siegfried Unseld hatte sie Mitte der achtziger Jahre gegen den Widerstand seines Lektorats in den Suhrkamp-Verlag geholt, sich für die Publikation von Dessen Sprache du nicht verstehst als Verpackungskünstler verhöhnen lassen, der noch mit unverkäuflichstem Zeugs Geld zu machen verstehe (tatsächlich trug ihm Marianne Fritz nur Verluste ein), und die Autorin dennoch mit regelmäßigen Vorschüssen weiter gefördert, diese Vorschüsse in den neunziger Jahren jedoch heruntergefahren. Marianne Fritz hatte dafür sogar Verständnis; in einem unserer Gespräche sagte sie, Unseld sei „wie ein Panzer“, und meinte das nicht negativ, sondern suchte so seine Qualitäten als nicht von seinem Weg abzubringender Verlagsunternehmer zu beschreiben.
Aber Ende der neunziger Jahre stand Marianne Fritz praktisch ohne Einkommen da, rechnete mir vor, was sie als „ökonomische Frontbegradigung“ brauchte („20.000 Schilling monatlich, um sämtlichen ökonomischen Verpflichtungen sagen zu können, ich darf auch vergessen“), und fragte mich (in der freilich irrigen Annahme, ich verfügte womöglich über Einfluß) nach den Arbeitsstipendien der Bargfelder Arno-Schmidt-Stiftung: „Hängt diese Stiftung nicht mit dem zusammen, der das Geld hatte, seine Wertschätzung für Schmidt adäquat zum Ausdruck zu bringen? Daß jemand das Schmidtwerk kennt, bedeutet noch lange nicht, daß jemand das Fritzwerk kennt. Natürlich weiß ich, daß ein solches Stipendium mir zusteht, wenn mir nicht, wem dann? Allerdings ist etwas zu berücksichtigen; kann sich einer in dieser Stiftung zu dieser Einsicht durchringen? Ich weiß es nicht. Es müßte ein Fritzwerkleser sein.“
In Bargfeld gab es naturgemäß keinen „Fritzwerkleser“, die Hoffnung der Marianne Fritz auf ein Stipendium ließ sich nicht erfüllen, aber die Begründung ihrer Hoffnung bietet immerhin Anlaß zum Nachdenken: „wenn mir nicht, wem dann?“ Es wäre vermessen, zu meinen, es gäbe jemals nur eine Person, die diese Frage stellen dürfte (mit genau dem gleichen Anliegen wandte sich wenige Jahre später Wolfgang Rohner-Radegast an mich, auch er vergebens – und auch er starb, bevor sein Großwerk komplett publiziert werden konnte). Marianne Fritz wird es vorausgesehen haben; in ihrem Brief zeigt sie sich „Ein kleinwenig sehr bedrückt, ohne Umschweif, würde Kosmas sagen, mehr als nachdenklich, kann niemand ewig im düsteren Brüten leiben, die Lösung findend – weiß einer, wie?“
Wie Marianne Fritz die Jahre danach überstanden hat, weiß ich nicht, aber es kamen Lichtblicke. 1999 erhielt sie den Peter-Rosegger-Preis (die Preissumme dürfte, auf den genannten Monatsbedarf umgerechnet, weit mehr als ein Jahr „ökonomische Frontbegradigung“ gebracht haben), 2001 den Franz-Kafka-Preis; neue Formen ideeller Förderung erfuhr das Fritzsche Werk durch das „Stadt Theater Wien“ und sein Projekt „Fritzpunkt“. Naturgemäß III erschien dennoch nicht, und auch sonst nichts. Im Sommer 2006 rief Marianne Fritz mich ein letztes Mal an (ich hatte ihr einen Band mit meinen gesammelten Essays über ihr Werk geschickt), und ihre Nachrichten waren schlecht. Sie sagte, sie sei todkrank, leide an einer Blutkrankheit und suche verzweifelt und mit viel Aufwand nach Wegen zum Überleben. Der Kampf gegen die Krankheit fraß nicht nur ihre Energien, sondern auch viel von ihrer Zeit, Naturgemäß III war noch immer oder wieder in Arbeit, und die einzige Frage, die blieb, schien die zu sein, ob die Autorin bei der Arbeit an ihrem Buch vielleicht doch noch schneller sein könne als der Tod.
Seit dem 1. Oktober 2007 wissen wir, daß der Tod schneller war. Niemand ewig im düsteren Brüten? Mehr als nur „in kleinwenig sehr bedrückt“ verneige ich mich, um Abschied zu nehmen. Wenn nicht vor Marianne Fritz, vor wem dann?