Helmut Heißenbüttel
Vom Zeugnis des Fortlebens in Briefen
In einem Brief vom 19. 9. 1919 an seinen Schulfreund Ernst Schoen (1894-1960) schreibt Walter Benjamin bei einer Erwähnung des Briefwechsels zwischen Goethe und Reinhard:
„An das Thema: Briefwechsel ließen sich verschiedene Digressionen anschließen. Erstens darüber, wie sehr diese unterschätzt werden, weil sie auf den völlig schiefen Begriff des Werkes und der Autorschaft bezogen werden, während sie dem Bezirk des ’Zeugnisses’ angehören, dessen Beziehung auf ein Subjekt so bedeutungslos ist wie die Beziehung irgendeines pragmatisch-historischen Zeugnisses (Inschrift) auf die Person seines Urhebers. Die ’Zeugnisse’ gehören zur Geschichte des Fortlebens eines Menschen und eben, wie in das Leben das Fortleben mit seiner eigenen Geschichte hineinragt, läßt sich am Briefwechsel studieren. Für die Nachkommen verdichtet sich der Briefwechsel eigentümlich (während der einzelne Brief mit der Beziehung auf seinen Urheber an Leben einbüßen kann): die Briefe, wie man sie hintereinander in den kürzesten Abständen liest, verändern sich objektiv, aus ihrem eigenen Leben. Sie leben in einem andern Rhythmus als zur Zeit da die Empfänger lebten, und auch sonst verändern sie sich.“
Diese Sätze, von dem 27jährigen geschrieben, lesen sich wie ein scharfsinniges und zugleich kritisches Motto zur Sammlung von Briefen Walter Benjamins, die nun in zwei Bänden, nach längerer Vorbereitung von Gershom Scholem und Theodor W. Adorno ausgewählt und herausgegeben, im Suhrkamp Verlag vorliegen. Was diese Bände enthalten, sind allerdings Einzelbriefe, nur an wenigen Stellen wird die Gegenrede vernehmbar. Von fünf erhaltenen Abschriften fügte Scholem drei Briefe ein, Adorno ist mit zwei Briefen vertreten, einer davon ist der umfangreichste der ganzen Sammlung. Daß nicht der Wechsel der Briefe vorgezeigt wird, ist freilich nicht der Willkür der Herausgeber zuzuschreiben, es liegt vor allem am Schicksal, das sich in diesen Briefen bezeugt, und an der Epoche, von der dies Schicksal bestimmt wurde. Und daß die Briefe Benjamins selbst in so relativ lückenloser Abfolge erhalten sind, ist im Hinblick darauf schon fast ein Glücksfall und nicht zuletzt, wie Scholem in seiner Vorrede betont, der Eindrücklichkeit des Briefschreibers Benjamin zu danken. Den größeren Anteil an der Sammlung haben die Briefe an Scholem, mit dem Benjamin seit 1915 befreundet war und mit dem er bis an sein Lebensende verbunden blieb: da Scholem seit 1923 in Jerusalem lebt, war der Briefwechsel, bis auf wenige Treffen, der einzige Gedankenaustausch. Die nächstgrößere Gruppe von Briefen ist an Mitglieder des Soziologischen Instituts in Frankfurt (später Genf und Nordamerika) gerichtet, wenn man so Gretel und Theodor W. Adorno und Max Horkheimer als Gruppe zusammenfassen darf. Manche der übrigen Briefreihen an einzelne Adressaten sind Zeugnis für bestimmte Lebensabschnitte. Briefe an einige wichtige Empfänger, etwa Brecht oder Breton oder Asja Lacis, mit der Benjamin von 1924 bis mindestens 1939 in Verbindung stand, mögen noch aufgefunden werden.
Insgesamt 332 Briefe sind abgedruckt, davon 327 von Benjamin, mit Anmerkungen versehen, Lebensabrissen der Briefpartner, Register und Vorreden der Herausgeber. Von diesen teilt Scholem mehr das Sachliche der Verfahrensweise mit, während Adorno versucht, in Kürze den Briefschreiber (und damit zugleich die Person) Walter Benjamin zu charakterisieren. Beide Herausgeber gehen nicht auf die zitierte Briefstelle an Ernst Schoen ein. Sie ergreifen nicht die Gelegenheit, sich an den für Benjamin so bezeichnenden Begriff des Zeugnisses zu halten. Und das hat zumindest den einen Grund, daß beide, bis in ihre Vorreden hinein, nicht außerhalb dieser Briefsammlung stehen, sondern immer noch, mehr als 25 Jahre nach dem Tod Benjamins, im sozusagen posthumen Gespräch mit ihm.
Benjamin setzt (und das chronologisch frühe Datum, an dem er das tut, mag dabei zunächst einmal außer acht bleiben) in dem Brief an Schoen als Definition für das Zeugnis im Briefwechsel die Vorstellung vom Fortleben eines Menschen; und die Objektivierung dieses Fortlebens sieht er in der zeitlupenartigen Verkürzung, in welcher der Nachkommende dies Fortleben in der kontinuierlichen Abfolge der Briefe liest. Er versteht offenbar unter Fortleben die Spur der Auseinandersetzung, nicht das, was an Mitteilungen über biographische Umstände, geistige Interessen oder ideelle Spekulationen des Autors in seinen Briefen mitgeteilt wird. Was nun die Briefe Benjamins selbst betrifft, so ist ihr Kennzeichen zunächst die Fülle von Ergänzungen und Erläuterungen zur Lage, in der Benjamin schrieb, und zu den Arbeiten, die er verfaßte. Brief und Werk sind wie bei nur wenigen anderen Autoren gegeneinander offen. Über alle Abschnitte seiner Autorschaft hin ist er ohne Vorbehalt bereit, das Geschriebene brieflich zu kommentieren, zu ergänzen, nahezubringen. Nirgendwo findet sich ein Satz, in dem er seinem Briefpartner gegenüber ungeduldig würde. Wegen dieser Bereitwilligkeit, immer wieder seine Gedankengänge zu erläutern, bilden die Briefe einen unentbehrlichen Bestandteil des Werks, das ohnehin bruchstückhaft und nicht ohne Zweideutigkeiten überliefert ist. Was Benjamin in der zitierten Briefstelle den „schiefen Begriff des Werkes und der Autorschaft“ nennt, erscheint hier geradezu als Hauptfunktion der Briefe, so daß man seiner rigorosen Forderung vielleicht nur dann gerecht werden könnte, wenn man den Gedanken umkehrte und das Werk (unter Einschluß der Briefe) in jene Kategorie des Zeugnisses überführte, die Benjamin nennt. Nur könnte man das erst tun von einem Standpunkt aus, den Benjamin selber frühestens ab Anfang der 30er Jahre einnehmen konnte.
Das scheint mir keine müßige Spekulation zu sein. Tatsächlich bewährt sich der Begriff des Zeugnisses noch auf eine näherliegende Weise. Die fünf abgedruckten Gegenbriefe stammen von den beiden Herausgebern, und wenn man auch ihre Vorreden noch in die (posthumen) Erwiderungen einreiht, so stehen zwar nicht die gesammelten Briefe als solche, wohl aber die Ausgabe insgesamt (als eine Veranstaltung der Herausgeber) im Zeichen des Wechsels von Briefen, insofern noch immer und (was Adorno betrifft) seit Jahren auf die Rede Benjamins geantwortet wird, dessen Gedanken das eigene Denken gegenübertritt, auch entgegentritt. Zweifellos gilt das für Gershom Scholem in geringerem Maße. Aber auch er hat sich noch nicht damit zufrieden gegeben, daß dieser Freund, der sich ihm wie keinem zweiten eröffnete, jene vorsichtigen Einwände abgewehrt hat, die in den drei mitgeteilten Briefen Scholems laut werden: er blieb verstockt auf einem Weg, den Scholem zumindest als unnötig und eigensinnig ansah.
Dies muß etwas genauer gezeigt werden. Benjamin begegnete Scholem, als er mit der Jugendbewegung und Gustav Wyneken gebrochen hatte, und zwar in dem Moment, in dem der latente Chauvinismus Wynekens für Benjamin unübersehbar wurde. Mit Scholem öffnete sich eine andere Perspektive, die der jüdisch orientierten Metaphysik und Mystik. Benjamin wandte sich ihr mit einem Teil seines noch nicht fest orientierten Denkens zu. Mit den Anregungen Scholems verband sich die erste Kenntnis von Arbeiten Kafkas (die laut Zeugnis vom 21. 7. 1925 auf das Jahr 1915 zurückgeht), dann aber auch eine persönlich gefärbte Auseinandersetzung mit Kant. Von der Dissertation Der Begriff der Kunstkritik in der deutschen Romantik (1919) bis zu dem als Habilitationsschrift geplanten Ursprung des deutschen Trauerspiels (1925 abgeschlossen, 1928 erschienen) hielt sich die Produktion Benjamins in einem Rahmen, der von diesem metaphysischen Ansatz her verständlich war. In diesem Rahmen stand übrigens auch die erste (am 11. 11. 1916 frühestens bezeugte) Polemik gegen Heidegger. Scholem versuchte auch das spätere Werk Benjamins hier anzuschließen. Seine Gegenbriefe setzen ein, als Benjamin ihm die Abschrift eines Briefes an Max Rychner schickt, in dem er auf eine Umfrage hin seinen fortan eingenommenen, nicht-metaphysischen, antiidealistischen Standpunkt verteidigt. Unter dem Datum des 7. 3. 1931 schreibt er dazu:
„Mit dem, was da die akademische Richtung geleistet hat, habe ich genau so wenig zu schaffen wie mit den Monumenten, die ein Gundolf oder Bertram aufgerichtet haben – um mich früh und deutlich gegen die abscheuliche Öde dieses offiziellen und inoffiziellen Betriebs abzugrenzen, hat es nicht marxistischer Gedankengänge bedurft – die ich vielmehr erst sehr spät kennengelernt habe – sondern das danke ich der metaphysischen Grundrichtung meiner Forschung. Wie weit gerade eine strenge Beobachtung der echten akademischen Forschungsmethoden von der heutigen Haltung des bürgerlich-idealistischen Wissenschaftsbetriebes abführt, darauf hat mein Buch Ursprung des deutschen Trauerspiels die Probe gemacht, indem es von keinem deutschen Akademiker irgendeiner Anzeige ist gewürdigt worden. Nun war dies Buch gewiß nicht materialistisch, wenn auch bereits dialektisch. Was ich aber zur Zeit seiner Abfassung nicht wußte, das ist mir bald nachher klarer und klarer geworden: daß von meinem sehr besonderen sprachphilosophischen Standort aus es zur Betrachtungsweise des dialektischen Materialismus eine – wenn auch noch so gespannte und problematische – Vermittlung gibt. Zur Saturiertheit der bürgerlichen Wissenschaft aber gar keine.“
Scholem reagiert darauf (und daß er diesen Antwortbrief als ersten mitabdruckt, zeigt die unveränderte Überzeugung seiner in jüdischer Metaphysik gegründeten Position), indem er Benjamin davon zu überzeugen versucht, daß er „in einer selten intensiven Weise“ Selbstbetrug begehe. Er stellt eine „verblüffende Fremdheit und Beziehungslosigkeit zwischen ... wirklichen und vorgegebenen Denkverfahren“ fest. Seine eigentliche Sorge aber gilt dem „zweideutigen Verhältnis“ Benjamins zum Materialismus, den Scholem strikt theologisch sieht, und der Moralität der Einsichten, die er in dieser Zweideutigkeit bedroht meint. Für Scholem ist der Weg, der von der Einbahnstraße bis zu den letzten Entwürfen führt, ein Irrweg. Und noch in der absichtlich sachlich gehaltenen Vorrede zu der Briefsammlung spricht er von den „Wandlungen seines Genius vom Metaphysiker, der von der Kommentierung großer hebräischer Texte träumte, zum Marxisten, der er in seinen späteren Jahren sein wollte.“ Sein wollte: nicht: war. Scholem respektiert die Person und den Denker (den „Genius“), aber er billigt nicht, was Benjamin privat und theoretisch an Diagnosen und Stellungnahmen zur Lage geäußert hat. Er nimmt bis heute, exponiert auf seine Weise, den Standpunkt dessen ein, der Metaphysik nicht entbehren kann – mit stärkerer Überzeugung und größerer Ehrlichkeit als vielleicht überhaupt irgendein anderer in der heutigen Situation. Er läßt das Werk Benjamins gelten; aber er glaubt noch immer das „Wirklichere“ darin zu erkennen.
Das ist die Position des „Zeugnisses“. Eines Zeugnisses wofür? Eben für das Risiko dessen, was Benjamin mehrfach und im Gegensatz zu den marxistischen Dogmatikern die materialistische Dialektik nannte. Marxistischem und spezieller kommunistischem Denken war Benjamin zuerst begegnet, als er 1924 auf Capri Asja Lacis kennenlernte. Zwischen dem 20. und 25. 5. 1925 schreibt er an Scholem:
„Wenn mir nichts glückt, so werde ich meine Beschäftigung mit marxistischer Politik wahrscheinlich beschleunigen und – mit der Aussicht in absehbarer Zeit mindestens vorübergehend nach Moskau zu kommen – in die Partei eintreten.“
Entschieden wurde diese Haltung jedoch erst in der Freundschaft mit Brecht ab 1929. Am Werk Brechts und während des Zusammenlebens mit ihm bei Besuchen in Dänemark zwischen 1934 und 1939 überzeugte sich Benjamin immer mehr von der politischen Notwendigkeit dieser Einstellung. Die Kontroverse zwischen Scholem und Benjamin läßt sich dahin zuspitzen, daß in der Epoche des Faschismus Scholem die Besinnung auf den jüdischen Glauben (und seine Verbindung mit einem neuen jüdischen Staatsgebilde) als einzig richtig ansieht, während Benjamin als Philosoph, Schriftsteller und Beurteiler der Lage die Methode der materialistischen Geschichtskonstruktion als das widerstandsfähigste Instrument im Kampf gegen die faschistische, auf Vernichtung und Selbstvernichtung gerichtete Reaktion erkannte. Daß beide bis über den Tod des einen hinaus verbunden blieben, spricht dafür, daß es zwischen diesen Positionen zumindest die Möglichkeit der Toleranz gibt.
In einem Brief an Bernard Brentano vom 22. 4. 1939 findet sich, in der Beurteilung der Schriften von Eugen Gottlob Winkler, die Brentano als Zeugnis einer jüngeren Generation empfohlen hatte, so etwas wie eine Replik auf die Bedenken Scholems. Benjamin schreibt zu Winkler:
„Vielmehr scheint mir an ihm überaus deutlich zu werden, daß die Erfahrungen der heutigen Menschen sich idealistisch nicht mehr behandeln lassen, ohne daß Material und Moral der Erkenntnis zu schaden kommen. Winkler geht idealistisch vor. Und unversehrt scheint mir da im Grunde nur das Niveau zu bleiben.“ (Nebenbei bemerkt enthält dieser Brief die einzige und sehr entschiedene Absage an Ernst Jünger, dessen Name im Index merkwürdigerweise fehlt.)
Sehr viel schwieriger als die Markierung des Dialogs Benjamin-Scholem ist das Verhältnis des anderen Herausgebers, Theodor W. Adornos, zu Benjamin zu bezeichnen. Benjamin war, laut biographischer Angabe, in Berlin mit Gretel Karplus befreundet, die später den jungen Dozenten Theodor Wiesengrund heiratete. Der erste Brief an Gretel Karplus datiert vom 22. 4. 1932, der erste an Wiesengrund vom 3. 9. 1932. Dieser hatte in Frankfurt in einem Ästhetik-Seminar Benjamins Ursprung des deutschen Trauerspiels als Basis benutzt, und offenbar ergaben sich hieraus die ersten Kontakte. Vorsichtig gesagt erscheint Adorno zunächst in einer Zwischenrolle von Freund, Verehrer und Schüler. Zweifellos griff er bereits früh die Thematik des Denkens von Benjamin auf. Alle mündlichen Gespräche werden von beiden Seiten als herzlich, fruchtbar und zu Übereinstimmung führend referiert. Allerdings weicht Benjamin gelegentlich (und offenbar bewußt) auf Gretel Adorno aus, der gegenüber der Ton immer direkter bleibt.
Das mag daran liegen, daß Adorno in manchen Punkten kritisch und Benjamin gegen Kritik gerade von dieser Seite nicht ohne Empfindlichkeit war. Hier setzt der Dialog ein. Nicht zuletzt durch die Hilfe Adornos hatte das Soziologische Institut, nach der erzwungenen Emigration Benjamins nach Paris, diesem erst von Genf, dann von New York aus Unterstützung zugesagt. Dafür machte Benjamin einige Erhebungen, die vom Institut vorgeschlagen wurden, bekam aber auch Gelegenheit, seine eigenen Sachen einer Publikation näherzubringen. Noch während der Zeit, in der er das Manuskript zur Einbahnstraße zusammenstellte und im Anschluß daran die Stücke zur Berliner Kindheit um 1900 schrieb, faßte er den Plan einer großen und zentralen Arbeit, die zunächst unter dem Stichwort: Pariser Passagen lief. Dieser Plan entwickelte sich immer mehr zu dem, was man ein Hauptwerk nennen kann. Angeregt durch Verhandlungen mit der Institutsleitung entschloß sich Benjamin 1935, diese Arbeit zu aktivieren. Er verfaßte ein Expose mit dem Titel „Paris, die Hauptstadt des XIX. Jahrhunderts“. Erste Erwähnung findet diese Arbeit in einem Brief an Scholem vom 20. 5. 1935. Das Expose sandte er auch an Adorno, der sich zu dieser Zeit noch in Deutschland befand, und erhielt von ihm aus dem Schwarzwald am 2. 6. 1935 eine ausführliche Kritik zurück. Dies ist der erste der in der Sammlung abgedruckten Briefe. Der zweite, datiert: New York 10. 11. 1938, enthält eine ähnliche Kritik, diesmal an der letzten zusammenhängenden Arbeit aus dem Passagen-Komplex: „Über einige Motive bei Baudelaire“.
An diesen beiden Kritiken läßt sich der Dialog zwischen Benjamin und Adorno rekonstruieren, vorsichtiger ausgedrückt: erhellen, was in dem Wechsel dieser Briefe an „Zeugnis“-wert enthalten sein kann. Dabei fällt auf, daß Adornos Einwände wie die generellen Scholems sich darauf berufen, Benjamins Vorhaben besser zu verstehen als der Autor. Freilich von einer völlig anderen Position aus als Scholem. Adorno ist von Anfang an Mitdenkender. Der Standpunkt des dialektischen und historischen Materialismus ist ihm geläufig, wenn er auch nicht der einzig mögliche scheint (denn der Metaphysik gegenüber ist er eher indifferent). Aber Adorno steht in weit umfassenderem Sinn als Benjamin auf dem Boden der philosophischen Überlieferung. Wenn er für die Arbeit Ursprung des deutschen Trauerspiels Partei ergriff, so nicht von ihrer speziell metaphysischen Komponente her, sondern indem er sie als ein Muster konsequent philosophisch-wissenschaftlicher Methode nahm. Adorno hatte seine Philosophie an Kant, mehr noch an Hegel (den Benjamin nur peripher gelesen hatte) geschult und war erst von da weiter fortgeschritten zu Marx oder Husserl; er war – wie man sagen kann – up to date, ohne die klassische Bildung zu verleugnen. Man muß dies im Auge haben, um die Kritik Adornos zu verstehen, die sonst an manchen Stellen als bloße Beckmesserei erscheinen könnte. Denn nur so wird verständlich, daß Adorno sich vor allem an den Stellen stieß, die in den späten Arbeiten Benjamins ins Extrem gehen, und das heißt (wie bei Scholem): die sich rigoros des dialektischen Materialismus oder – wie Benjamin gern sagte – der materialistischen Dialektik bedienten. Die Kontroverse erhielt einen noch spezielleren (man könnte fast sagen: materialistischen) Aspekt dadurch, daß diese Seite sich für Adorno mit der Freundschaft Benjamins zu Brecht identifizierte. Benjamin hatte am 31. 5. 1935 in seinem Begleitbrief zum Exposé die Besorgnis Adornos abgewehrt, in der dieser offenbar gesagt hatte, er „würde es für ein wahres Unglück ansehen, wenn Brecht auf diese Arbeit Einfluß gewinnen sollte“, und dann im Abriß der Pläne zur Passagenarbeit geschrieben: „Es folgt die einschneidende Begegnung mit Brecht und damit der Höhepunkt aller Aporien für diese Arbeit, der ich mich auch jetzt nicht entfremdete.“ Hier greift Adorno in seiner Kritik, in der Brecht unter dem Decknamen Berta erscheint, konkret an:
„Das war stets mein eigentlicher Vorbehalt gegen Berta, und ihr ’Kollektiv’ sowohl wie ihr unmittelbarer Funktionsbegriff sind mir darum stets suspekt gewesen, nämlich selber als ’Regression’. Vielleicht sehen Sie aus dieser Überlegung, deren sachlicher Gehalt genau die Kategorien trifft, die im Expose Berta gemäß sein mögen, daß mein Widerstand gegen diese nicht insulare Rettungsversuche für autonome Kunst oder irgend Ähnliches sind, sondern mit jenen Motiven unserer philosophischen Freundschaft aufs tiefste kommunizieren, die mir die ursprünglichen dünken ... Eine Restitution der Theologie oder lieber eine Radikalisierung der Dialektik bis in den theologischen Glutkern hinein müßte zugleich eine äußere Schärfung des gesellschaftlich-dialektischen, ja des ökonomischen Motivs bedeuten.“
Benjamin reagierte auf diese Kritik ausweichend. Wenn sich an den folgenden Arbeiten Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit (Max Horkheimer gegenüber zuerst erwähnt am 16. 10. 1935) und Über einige Motive bei Baudelaire (Abschluß fixiert am 4. 10. 1938) eine Reaktion auf Adornos Kritik ablesen läßt, so ist es die Verschärfung der Position gerade an den von Adorno kritisierten Stellen. Dieser äußert denn auch in dem zweiten abgedruckten Brief (11. 11. 1938) lapidar sein Bedauern darüber, „daß Sie sich darin Gewalt angetan haben ... um dem Marxismus Tribute zu zollen, die weder diesem noch Ihnen recht anschlagen.“ Er plädiert gegen einen Abdruck in der Zeitschrift für Sozialforschung. (Dieser erfolgt dann doch in Nr. 8/1939.) Benjamin wehrt die Einwände ab und erklärt geduldig, was seine Absicht war. Er versucht im zweiten Antwortbrief vom 23. 9. 1939 sogar eine ironische Ehrenrettung Georg Simmels. Schließlich arbeitet er den Baudelaire um, in dieser Fassung wird er gedruckt. Wieweit und in welcher Richtung er hier die Kritik Adornos berücksichtigte, läßt sich leider nicht im Detail feststellen. Vielleicht ist eine Äußerung aus dem nachfolgenden Brief vom 6. 8. 1939 ein Hinweis:
„Dem Bedenken, das Sie im Brief vom ersten Februar gegen das Zitat von Engels und das von Simmel formulierten, habe ich Rechnung getragen; freilich nicht durch deren Streichung. Was mir an dem Zitat von Engels so wichtig ist, habe ich diesmal angegeben. Ihr Einwand gegen das Simmel-Zitat schien mir von vornherein begründet. Es hat in dem jetzigen Text durch den veränderten Stellenwert eine minder anspruchsvolle Funktion übernommen.“
Damit ist die Position dieser Briefpartner umrissen, die beiden letzten Briefe an Adorno unterstreichen nur die Offenheit der Auseinandersetzung (etwa in Benjamins Verteidigung Hofmannsthals Adorno gegenüber). Man könnte sie durchaus als fruchtbar bezeichnen (als solche hat wohl auch Benjamin sie verstanden), wenn nicht über seinen Tod hinaus einige merkwürdige Linien zu verfolgen wären, die hier ihren Ursprung haben. Benjamins Werk hätte nicht den Ruhm, den es heute hat, wenn nicht Adorno nach seiner Rückkehr nach Deutschland dafür eingetreten wäre. 1950 veröffentlichte er den ersten Abriß zu Person und Werk „Charakteristik Walter Benjamins“ (in Prismen, Suhrkamp 1955). Dort heißt es: „Wollte man ihn, um der Absenz von System und Begründungszusammenhang willen, unter die Repräsentanten von Intuition und Schau einreiben – und so ist er oft selbst von Freunden mißverstanden worden – dann vergäße man das Beste. Nicht der Blick als solcher beansprucht unvermittelt das Absolute, aber die Weise des Blicken, die gesamte Optik ist verändert ... Die Versöhnung des Mythos ist das Thema von Benjamins Philosophie.“
Solche Formulierungen lassen sich nur in einunddenselben Zusammenhang bringen, wenn man versucht, die frühen Werke Benjamins und die späteren Bruchstücke der Passagenarbeit ohne besondere Unterscheidung auf einen Nenner zu bringen und damit zugleich jene Komponente auszuschließen, über die der Briefwechsel kontrovers blieb: die marxistisch-materialistische. Tatsächlich bleibt in allem, was Adorno für das Werk Benjamins getan hat, diese Seite gelöscht. In der zweibändigen Werkauswahl von 1955 kommt der Name Brecht nur einmal (in der Vita von Friedrich Podszus) beiläufig vor; die materialistische Methode wird im Vorwort umgedeutet in eine vage Bildkategorie, die Unverbindlichkeit einer aphoristischen Interpretation des Werks wird in Kauf genommen, die späte historisch-politische Thematik unaufgelöst in die frühe theologische zurückgedeutet usw. Das Werk erscheint in einer Uminterpretation, in der der überlebende kontroverse Briefpartner seine Auffassung durchsetzt. Das geht weiter bis in die seitdem edierten Nachfolge-Auswahl-Ausgaben. Rolf Tiedemann, ein Schüler Adornos, hat von einzelnen Werken und Werkgruppen kritisch gesichtete Sonderdrucke hergestellt, das Gros liegt in zwei neuerlichen Auswahlbänden vor. Dabei ist eben das Spätwerk bis heute verdeckt geblieben. In der von Adorno eingeleiteten Arbeit von Rolf Tiedemann Studien zur Philosophie Walter Benjamins (Europäische Verlagsanstalt, Frankfurt 1965) wird noch immer das Gesamtwerk als ein einziger Komplex behandelt und an Kriterien traditionellen Philosophierens gemessen; in der Diskussion der Passagen-Arbeit greift Tiedemann auf die briefliche Kritik Adornos an dem Exposé von 1935 zurück, als ob diese Position unwiderlegbar geworden sei. Das Ergebnis ist ein Labyrinth von Vermutungen, nicht eine klare Darstellung der philosophischen Position Benjamins.
Erst die Briefe lassen diese Retouche am Spätwerk Benjamins ganz erkennen. Am 25. 5. 1935 schreibt er an Werner Kraft:
„Das saturnische Tempo der Sache hatte seinen tiefsten Grund in dem Prozeß einer vollkommenen Umwälzung, den eine aus der weit zurückliegenden Zeit meines unmittelbar metaphysischen, ja theologischen Denkens stammende Gedanken- und Bilderwelt durchmachen mußte, um mit ihrer ganzen Kraft meine gegenwärtige Verfassung zu nähren.“
Am 16. 10. 1935 schreibt er an Max Horkheimer von den Einsichten, die er an Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit zu fixieren suchte:
„... daß sie in der Richtung einer materialistischen Kunsttheorie einen Vorstoß machen, der seinerseits weit über den Ihnen bekannten Entwurf hinausführt. Diesmal handelt es sich darum, den genauen Ort in der Gegenwart anzugeben, auf den sich meine historische Konstruktion als auf ihren Fluchtpunkt beziehen wird.“
Und am 24. 12. 1936, ebenfalls an Horkheimer:
„Die materialistische Dialektik scheint mir unter anderm dadurch von den Schullehren abzuweichen, daß sie von Fall zu Fall neue Begriffsbildungen verlangt; weiterhin aber dadurch, daß sie solche verlangt, die tiefer in den Sprachschatz eingebettet sind als die Neologismen der Fachsprache. Sie gibt dem Denken damit eine gewisse Schlagfertigkeit und das Bewußtsein davon verleiht ihm eine Ruhe und Überlegenheit, aus der es sich nicht so leicht provozieren läßt. Die materialistische Dialektik, so will ich sagen, könnte auf eine gewisse Frist sehr wohl den Gewinn eines Vorgehens haben, das seinerseits von der Taktik bedingt sein mag.“
Das ist unmißverständlich ausgedrückt, und jede Beurteilung des Spätwerks (ja jede nur äußere Abschätzung, seines Ausmaßes) sollte von hier ausgehen. Dazu kommt etwas anderes. Wenn Benjamin vom „genauen Ort in der Gegenwart“ spricht, so ist dieser, von der aktuellen Literatur her, bezeichnet durch Beschäftigung mit den Werken des Surrealismus und Brechts. Nicht nur Brecht ist in der Uminterpretation Adornos ausgespart worden, auch die Rolle der Auseinandersetzung mit dem Surrealismus. Schon am 14. 2. 1929 schreibt Benjamin an Scholem:
„Was mich sonst in letzter Zeit anging ersiehst Du einigermaßen deutlich aus dem ’Surrealismus’, einem lichtundurchlässigen Paravent vor der Passagenarbeit.“
Auf diese, am 1. 2. / 8. 2. / 15. 2. 1929 in der Literarischen Welt abgedruckte Arbeit verweist er mehrfach mit Nachdruck. Erst in der letzten Werk-Auswahl (Angelus Novus, Suhrkamp 1966) ist sie wieder zugänglich geworden. Und hier sieht man, nun wirklich überraschend, die ersten Ansätze zu den späteren Bruchstücken. Es heißt da:
„Die wahre, schöpferische Überwindung religiöser Erleuchtung aber liegt nun wahrhaftig nicht bei den Rauschgiften. Sie liegt in einer profanen Erleuchtung einer materialistischen, anthropologischen Inspiration, zu der Haschisch, Opium und was sonst immer die Vorschule abgeben können. (Aber eine gefährliche. Und die Religion ist strenger.)“
Ist es das tief Zweideutige, ja vielleicht Anstößige solcher Äußerungen, das sie ausgelöscht sein ließ, obwohl doch nur von hier aus zu verstehen ist, wohin Benjamin sich ausrichtete? War es diese Arbeit, die Adorno noch 1958 bewog, in „Rückblickend auf den Surrealismus“ (Noten zur Literatur, Suhrkamp) diesen als erledigt zu bezeichnen? Oder wirkt die herabsetzende Einreihung Benjamins in die Schar der Surrealisten durch Ernst Bloch in seiner Erbschaft dieser Zeit von 1935 nach? Dort heißt es:
„Die Photographien auf Staffeleien, die Thermometer auf Hellebarden, die rätselvolle Schreckenskammer der Zeit: dies Jahrhundert ist näher als die Kindheit, ferner als China. Aber Surrealisten wie Max Ernst, Chirico, Aragon, Benjamin entzünden ein Kaminfeuer in der chinesischen Mauer, rücken den kleinen Goldstuhl aus der Konditorei heran, und die chinesische Mauer umschließt eine Zeit, die das Experiment des Menschen aus Abhub ist.“
Briefe aus dieser Zeit bezeugen, wie tief Benjamin diese Stelle traf. Zugleich gelang es ihm, in der Umformulierung, deutlicher zu sagen, um was es ihm in dieser Beziehung ging. Zwischen Paris, die Hauptstadt des XIX. Jahrhunderts und Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit schreibt er am 9. 8. 1935 an Scholem:
„Die Arbeit stellt sowohl die philosophische Verwertung des Surrealismus – und damit seine Aufhebung – dar wie auch den Versuch, das Bild der Geschichte in den unscheinbarsten Fixierungen des Daseins, seinen Abfällen gleichsam festzuhalten.“
Die Rekonstruktion des Spätwerks müßte nach diesen und entsprechenden Zeugnissen so aussehen: Vorarbeiten: Der Surrealismus (1929) und Kleine Geschichte der Photographie (1931); 1. Bruchstück: Paris, die Hauptstadt des XIX. Jahrhunderts (1935); 2. Bruchstück: Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit (1935); 3. Bruchstück: Über einige Motive bei Baudelaire (1938/39); dazu die bisher nur völlig unkontrollierbar ausgewerteten Notizen. Erst auf diesem Grundriß wäre, zusammen mit den entsprechenden Briefstellen, eine eindringliche Interpretation möglich. Adorno hat sie, das muß hier nun deutlich gesagt werden, nicht gegeben, ja offenbar nicht einmal angestrebt. Und leider findet der kontroverse Dialog der Briefpartner über die Fortsetzung der Editionsgeschichte des Benjaminschen Werkes hinaus seine letzte einseitige Position in der Herausgabe der Briefe selbst. Unversehens wird die Charakteristik der Adornoschen Vorrede zur geheimen Infragestellung. Adorno sagt:
„Walter Benjamins Person war von Anbeginn derart Medium des Werkes, sein Glück hatte er so sehr an seinem Geist, daß, was immer sonst Unmittelbarkeit des Lebens heißt, gebrochen wurde. Ohne daß er asketisch gewesen wäre, auch nur in seiner Erscheinung so gewirkt hätte, eignete ihm ein fast Körperloses. Der seines Ichs mächtig war wie wenige, schien der eigenen Physis entfremdet. Das ist vielleicht eine der Wurzeln der Intention seiner Philosophie, mit rationalen Mitteln heimzubringen, was an Erfahrung in der Schizophrenie sich anmeldet.“
Diese erstaunlichen Sätze, für die es in der gesamten Briefsammlung nur den einen Beleg gibt, daß Benjamin gern las und Denken und Schreiben als seine Lebensaufgabe ansah (daß er geräuschempfindlich war, ließe sich wohl kaum als Anzeichen der Körperlosigkeit bezeichnen), sind nur zu verstehen von der Schlußfolgerung her; und diese wiederum nur, wenn man annimmt, daß in der Behauptung einer rationalen Regie schizophrener Gespaltenheit der Endpunkt der Kritik am dialektischen Materialismus Benjamins zu suchen sei. Diese letzte Folgerung richtet sich dann nicht mehr gegen Gedanken, sondern gegen die Person selbst:
„Schwerlich ist es einem anderen gelungen, die eigene Neurose, wenn es denn eine war, so produktiv zu machen, wie ihm. Zum psychoanalytischen Begriff der Neurose gehört die Fesselung der Produktivkraft, die Fehlleitung der Energien. Nichts dergleichen bei Benjamin. Die Produktivität des sich selbst Entfremdeten ist erklärbar nur dadurch, daß in seiner diffizilen subjektiven Reaktionsform ein objektiv Geschichtliches sich niederschlug, das ihn befähigte, sich umzuschaffen zum Organ von Objektivität.“
Nirgendwo in dieser Briefsammlung, nirgendwo in den überlieferten Schriften läßt sich solche Selbstentfremdung belegen. Über den positiv beteuernden Zwischensatz hinweg ist eben hier die Andeutung erkennbar, dieses durch Selbstentfremdung bewirkte Sich-Umschaffen „zum Organ der Objektivität“ (womit das Spätwerk zugleich dem Vorwurf philosophischer Willkür überliefert wird) sei als Fehlleitung der Energien durch Neurose zu interpretieren.
Andere Charakteristika schließen sich an. Benjamins lebenslange Auseinandersetzung mit Stefan George wird auf den Satz zurückgeschraubt: „Er lernte von George Schemata des Rituals.“ Brecht, nun nicht mehr zu verschweigen, wird in eine Relation der Verhaltensweise abgeschoben:
„Der reife Benjamin ließ so wenig mehr Arroganz wie Herrschbegier erkennen. Er war von vollkommener, überaus anmutiger Höflichkeit; sie hat auch in den Briefen sich dokumentiert. Darin ähnelte er Brecht; ohne jene Eigenschaft wäre die Freundschaft zwischen den beiden kaum beständig gewesen.“
Es erübrigt sich fast zu sagen, daß in einem Brief wie dem an Adorno vom 4. 10. 1938 das genaue Gegenteil zu lesen ist. Aber in der Schrift Rolf Tiedemanns wird die Anekdote weitergetragen, nach der Brecht bei einem Dreiergespräch Pidgin-Englisch als Sprache zukünftiger Literatur bezeichnet und in diesem Fall Benjamin sich doch gegen Brecht auf die Seite Adornos geschlagen habe. Und im Nachwort Tiedemanns zu der kleinen Sammlung Benjamins: Versuche über Brecht (Suhrkamp 1966) heißt es:
„Benjamins Interesse für Brecht ist gleicher Art wie seine Liebe zu Johann Peter Hebel und Robert Walser, ist verwandt auch seiner lebenslangen Faszination durch Kinderbücher. An ihrer aller lakonischer Sprache mag seine Sehnsucht nach jener heiligen Nüchternheit sich entzündet haben, die Hölderlin beschwor und die beinahe die regulative Idee der deutschen Sprache abgibt.“
Genug. Unübersehbar ist in den Briefen zu lesen., was mit so einseitigen Urteilen bezweckt wird. Jeder Leser Benjamins sollte es daher als einen Glücksfall ansehen, daß diese Auswahl trotzdem zustande gekommen ist. Sie ist ein „Zeugnis“ des Fortlebens, unmittelbar in jenem Sinne, in dem in ihm etwas sichtbar wird, das auch für die heute Lebenden und Denkenden völlig aktuell geblieben ist. Dafür muß man dann auch der Auseinandersetzung, die die Herausgeber aus ihrer Briefpartnerschaft bis in die Ausgabe hinein weitergetragen haben, Dank sagen. Diese Briefe zeigen einen Mann, dem nichts weniger „eignet“ als „ein Körperloses“. Vielmehr ist auch die, wenn man so sagen kann, vitale Kontur seiner Person deutlich zu erkennen. Benjamin war Schriftsteller. Alles, was er tat, bis ins Schicksal der Emigration und in den Tod hinein, wurde von daher bestimmt. Nicht weil eine neurotische Gespaltenheit produktiv hätte überwunden werden müssen, sondern weil er im Instrument seiner Schriftstellerei ein Mittel sah, das allgemeinere Schicksal der gegenwärtigen Epoche zu erfassen, zu beschreiben und zu diagnostizieren. Seine Einsichten sind von unvergleichlicher Art, und erst jetzt wird man sich damit auseinandersetzen können.
Benjamin war, wie die Briefe zeigen, ein zugleich kompromißlos entschiedener wie außerordentlich rücksichtsvoller und geduldiger Mensch. Er war ein Büchernarr. Er war ein Leser, neugierig auf alles Lesbare. Philosophische Werke las er mit derselben Intensität wie Kriminalromane, wenn sie Interesse verdienten. 1934 machte er auf Simenon, 1940 auf Faulkner aufmerksam. Aber im Ganzen kann man vielleicht nichts anderes sagen, als was er am 22. 4. 1939 an Bernard Brentano schrieb: „An meinen Verhältnissen hat sich bis dato nichts geändert; das heißt ich lebe in Erwartung einer über mich hereinbrechenden Unglücksbotschaft. Bis dahin habe ich mein Auskommen; nur vorsorgen kann ich nicht.“