Schreibheft. Zeitschrift für Literatur

Helmut Heißenbüttel
Reale Reisen der Phantasie

Zum Tode des belgischen Surrealisten Henri Michaux

Als ich ihn vor zehn Jahren zum einzigen und letzten Male sah, in der Galerie im Erker in St. Gallen, die eine Ausstellung seiner Tuschezeichnungen veranstaltete, da sah er aus, als habe er schon lange in der Nähe des Todes gelebt. Es haftete ihm etwas von Unsterblichkeit an. Ich konnte mir seinen Tod nicht vorstellen. Jetzt ist Henri Michaux, 85jährig, gestorben. Sein Werk gehört wie das von Michel Leiris oder Francis Ponge zu den stillen, aber um so intensiver wirkenden. Literaturgeschichtlich wird er zur Nachfolgegeneration der Surrealisten gerechnet, kunstgeschichtlich, als Zeichner und Maler, zu den Begründern des Tachismus. In Wahrheit ist er nirgendwo einzuordnen. Am wenigsten auf dem Gebiet, auf dem er einmal kurze Zeit Aufsehen erregte, in der Schilderung und zeichnerischen Umsetzung seiner Erfahrung mit der Droge Meskalin.
   Ich persönlich bin auch, wenn ich nun zurückdenke und dieses Werk als ein abgeschlossenes zu realisieren versuche, gar nicht in der Lage, objektiv darüber zu berichten. Was ich in den letzten 30 Jahren geschrieben, gedacht, erfahren habe, ist ohne seinen Einfluß nicht zu denken. 1953 las ich in der Übersetzung von Kurt Leonhard, dem das größte Verdienst um die Verbreitung des Werks von Michaux im deutschen Sprachbereich zukommt, das, so Leonhards Titel Konterfei der Meidosemen. Das war die gleiche Zeit, in der ich zuerst Gertrude Stein kennenlernte. Von beiden Autoren sind die Spuren im eigenen Versuch unverwischbar.
   Michaux, ein gebürtiger Belgier, ein zarter, kleiner und überaus höflicher Mann, war in Wahrheit der unerschrockenste Abenteurer des 20. Jahrhunderts. Den realen Reisen der Jugend folgten die soviel kühneren des reifen Schriftstellers in der Phantasie, die Phantasie der Vorstellung wie der Sprache. Das ist bei Michaux nie zu trennen. Das optisch vorstellende Phantasieren spielt bei ihm ebenso eine Rolle wie das Phantasieren, das sich aus der Sprache, dem Sprachspiel, der sprachlichen Kombinatorik ergibt. Zugleich muß man ihn als einen der radikalsten Denker der neueren Zeit bezeichnen. Was ihn auszeichnete, war das unbedingte Heraustreten aus allen überkommenen Voraussetzungen. Wenn man schon beim späten Franz Kafka eher von Denkbewegungen als von Erzählung sprechen kann, so ist Michaux in diesem Sinn den entscheidenden Schritt weitergegangen ins nichtbegriffliche, sondern anschauliche Denken.
   „Quergedanken“ oder „Scheiben des Wissens“ heißen Gruppen von Aphorismen und Paradoxen, wie Michaux sie formulierte. „Die Seife stellt keine Betrachtung über den Schmutz an“, heißt einer dieser Sätze, oder: „Tod, in Staub zerfallen, mottenzerfressen und immer noch Karl der Große“. Die Meskalin-Berichte „Turbulenz im Unendlichen“ zeigen, wie Registratur und Denken funktionieren, wenn der Denkende ganz und gar außer sich ist. Die Grenzen der Ich-Erfahrung, von den Freud-Nachfolgern so eifrig aufgezeigt, werden bei Michaux von einer ganz anderen Seite aus sichtbar. Etwa auch in dem Traumbuch Zwischen Tag und Traum, in dem Michaux heftig gegen die Traumsymbolik polemisiert und an deren Stelle den Traumerzähler setzt, er eben oft ganz banale Geschichten erfindet.
   Bereits in den dreißiger Jahren hat Michaux gelegentlich seine Geschichten auch mit Hilfe von Farbe und Pinsel festzuhalten versucht. Dem folgten in den vierziger und fünfziger Jahren Serien von Tuschzeichnungen, Schwarz und Sepia, auf denen in großer Eile Bewegungen festgehalten wurden („Mouvements“). Neben Aquarellen des in Paris lebenden Deutschen Wols bildeten diese zum Teil außerordentlich dramatischen Bewegungszeichnungen einen der Ausgangspunkte des Informel oder Tachismus. In mancher Hinsicht sind die Zeichnungen von Michaux lebendiger geblieben als vieles Berühmtere aus dieser Epoche. Auch während der Meskalin-Räusche hat Michaux gezeichnet, statische, verschlungene, eng strukturierte Federzeichnungen, Bilder eines Zustands ohne Ich.
   Obwohl seit über 30 Jahren in Übersetzungen im Umlauf sind, scheint das Werk von Henri Michaux bei uns nur auf einzelne gewirkt zu haben. Die begonnene zweisprachige Auswahlausgabe von Christoph Schwerin, Kurt Leonhard und Paul Celan ist nach zwei Bänden steckengeblieben und verramscht worden. Es wäre an der Zeit, daß ein Verlag erneut etwas wagt. Eine jüngere Generation könnte dort neu ansetzen, wo wir den Kontakt haben hängen lassen.

(Süddeutsche Zeitung, 23.10.1984)