Helmut Heißenbüttel
„Meine“ oder „die“ fünfziger Jahre
1951 wurde ich dreißig Jahre alt. Das heißt, ganz persönlich, auf meine Person bezogen, privat, fielen die fünfziger Jahre in etwa zusammen mit dem vierten Jahrzehnt meines Lebens. Was hat mich in diesem Jahrzehnt interessiert? Politik? Kaum, ich war der Meinung, daß dieser Staat, so wie seine Voraussetzungen aussahen, mit Adenauer noch am besten durchkommen würde. Der latente Anarchismus des Denkens, der Kunst, der Phantasie erschien nicht als Alternative politischer Praxis, sondern als der Vorbehalt des argumentativen Befragens, der argumentativen Destruktion. Ist das heute anders? Was mich interessierte, war Literatur, war Musik, waren Bilder und Plastiken. Erinnerung an eine frühe Ausstellung mit Bildern von Kirchner, eine andere mit Mobiles von Calder, die ersten Originale von Max Ernst (1953); Schoenberg, Satie, Cage im Neuen Werk des NDR usw.
Was mich interessierte, noch einmal, war Literatur. 1952 erschien für einen einzigen Jahrgang eine Wochenzeitung mit dem Titel Literatur, herausgegeben von Hans Werner Richter, Chefredakteur Hans Georg Brenner. Parallel dazu, und über mehr als einen Jahrgang hinweg, eine literarische Zeitschrift der Darmstädter Akademie, Sprachrohr, so schien mir, einer bereits etablierten, das hieß, angepaßten Literatur. Aber ich fand darin die ersten Gedichte von Hans Arp.
In der Zeitschrift der Gruppe 47 schrieben Autoren, die für mich die neuen Namen waren. Zur Tagung 1952 in Niendorf an der Ostsee erschien ein Bericht, in dem Ingeborg Bachmann, Ilse Aichinger und Paul Celan als Entdeckungen gerühmt wurden. Ein Mitstudent, heute leitender Angestellter der Hamburger Stadtbücherei, zeigte mir beim Mittagessen in der Mensa das mit vielen Anstreichungen versehene Exemplar von Arno Schmidts Leviathan, das einem anderen Mitstudenten, Siegfried Lenz, gehörte, dessen erstes Buch, Es waren Habichte in der Luft, ich für nicht mehr als eine geschickte Kompilation hielt. Ein anderer Mitstudent, in den folgenden Jahren mit Lenz befreundet, Außenlektor im Hörspiel des NDR, erzählte mir von der Rede des Hörspielleiters Schwitzke vor der Gruppe 47. Der war zugleich der erste Jazzfan, den ich kennenlernte, das heißt, korrekt gesagt, war es der Vetter meiner Frau, der mir zuerst von einer ganz erschreckenden Musik erzählte, die sich Bebop nannte. Ich erinnere mich auch an das erste Konzert mit Dizzie Gillespie in Planten und Bloomen (1952?).
Zur gleichen Zeit Oberseminar des Germanisten Hans Pyritz, an dem ich von 1949 bis 1954 teilnahm, systematische Aufarbeitung z. B. von Barockliteratur, aber auch Entdeckung eines Buchs mit dem Titel Ursprung des deutschen Trauerspiels von Walter Benjamin, dessen Erstausgabe in der Seminarbibliothek stand. Die Mitglieder des Oberseminars von Pyritz hatten unter anderen die Namen Helga Schimpke (heute Wex), Peter Wapnewski, Walter Boehlich. In dieses Seminar kam zu Besuch ein etablierter Autor, der von den Kritikern der Gruppe 47 angegriffen worden war, Hermann Kasack. Dieser Besuch (1953) führte dazu, daß ich einen aufmunternden Brief, den ich zehn Jahre vorher (1943) auf einen Hilferuf hin erhalten hatte, eben von diesem Hermann Kasack, identifizierte.
Das Ausnutzen dieser Anknüpfungschance führte zur Einsendung eines Gedichtkonvoluts. Dieses gelangte von Kasack an den Redakteur Karl Schwedhelm im SDR, von da an Kurt Leonhard im Bechtleverlag, führte später zur Publikation von Kombinationen, Nachwort Hermann Kasack, in zweiter Auflage Umschlag von HAP Grieshaber. Eine Nebenwirkung dieser Kettenreaktion war der Besuch eines mageren zwanzigjährigen Journalisten, der selber dichtete, Peter Härtling. Durch ihn Kennenlernen eines Lektors im Rowohlt Verlag, Wolfgang Weyrauch. Der wieder vermittelte mich zur Gruppe 47. Auf der ersten Tagung, an der ich teilnahm (Frühjahr 1955), traf ich einen anderen Neukommer, Günter Grass; den Preis der Gruppe erhielt Martin Walser. Meine eigenen Gedichte (Topographien) wurden als unlyrisch und (von einigen) als postsurrealistisch kritisiert, als zu sehr befrachtet mit Genetivmetaphern, gegen die Walter Höllerer in jener Zeit einen erbitterten Kampf führte.
Ein halbes Jahr später, in Bebenhausen bei Tübingen, als ich mit Weyrauch im Privatquartier in einem Ehebett nächtigte und von ihm unwiderruflich zum Krimilesen bekehrt wurde, als Hans Magnus Enzensberger (verlacht) und Klaus Roehler (gerühmt) zuerst auftraten, als ich hörte, wie ein heute hochgeachteter Verleger die Lesung meiner „Schwarzen Geraden“ als die größte Unverschämtheit in der Geschichte der Gruppe 47 bezeichnete, wurde ich vom Chefredakteur jener 1952er Zeitschrift, Hans Georg Brenner, als Lektor in den Claassen Verlag, Parkallee, Hamburg 13, engagiert.
Und so weiter und so weiter. Was mich interessierte, war, zum dritten Mal, Literatur. Weniger die der Mitglieder der Gruppe 47. Martin Walsers ersten Roman fand ich, wie alles, was er seitdem geschrieben hat, begabt, in manchem virtuos, aber mißglückt, ein Autor, der seine Mittel nicht einschätzen konnte und kann. Grass wurde bei seiner ersten Gedichtlesung mit dem Etikett „vital“ versehen. Wenn heute Kritik geübt wird an der Erzählung Das Treffen in Telgte und dabei positiv rückverwiesen auf die Blechtrommel oder den Butt, so wird übersehen, daß in der jüngsten Arbeit nur Schwächen deutlicher hervortreten, die schon immer vorhanden waren (flache Psychologie, Unentschiedenheit zwischen psychologischer und allegorischer Motivation, holzschnittartige Altväterlichkeit und Plumpheit der Handlungsführung usw.). Ingeborg Bachmanns Ruhm, der auch mich beeindruckt hatte, reduzierte sich schon im Frühjahr 1955. Böll, nunja. Eich, jaja. Richter selber, nungut.
Als ich 1955 jenes erste Mal zu einer Tagung der Gruppe 47 nach Berlin fuhr, hatte ich kein Geld und benutzte die billigste Fahrgelegenheit, die es gab, mit dem Bus durch die DDR. Mitfahrer war der Richter Walter Mannzen aus Kiel, der auch nicht viel Geld hatte. Ich habe mich, so lange er lebte, immer gut mit ihm verstanden. Als ich in Geesthacht, auf der Rückfahrt, den Bus verließ, passierte es mir zum ersten und einzigen Mal in meinem Leben, daß ich mich fragte, ob ich nun berühmt sei. Nie wieder ist die Versuchung dieser Frage an mich herangetreten.
Also nicht unbedingt die Literatur, die von Mitgliedern der Gruppe 47 gemacht worden ist. Obwohl da natürlich das Interesse war an dem, was Gleichaltrige schrieben. Ich war auch nicht, so würde ich heute sagen, überheblich, eher isoliert, in eigene Vorstellungen verwickelt, nach eigenen Lösungen suchend. An Enzensberger zum Beispiel interessierte mich das Element der Virtuosität, der Mischung zwischen Trauer und Komik, nicht das der politisch-rhetorischen Metaphorik. Was mich tatsächlich faszinierte in jener Zeit war zum Beispiel Ezra Pound, und in seiner Perspektive eher Auden als Eliot, waren etwa Pirandello und Italo Svevo, in deren Perspektive, ganz subjektiv gesehen, Evelyn Waugh oder der Däne Hans Christian Branner. 1954 entdeckte ich Gertrude Stein. 1955, als ich an der Hochschule für Gestaltung bei einem Besuch von Eugen Gomringer Max Bense kennenlernte, verabredete ich für Benses Zeitschrift augenblick einen Aufsatz über Gertrude Stein, das war der erste Aufsatz, den ich außerhalb des Seminarbetriebs geschrieben habe.
Gomringers Konstellationen öffneten mir in bestimmter Hinsicht die Augen. Ich las aber auch in jener Zeit intensiv Martin Heidegger. Über Bense hörte ich den Namen Ludwig Wittgenstein. Den Traktat und die Philosophischen Untersuchungen habe ich noch in den fünfziger Jahren gekauft. Abbildungen nach Gemälden von Picasso oder Miro lehrten mich ebenso viel wie Lektüre. Aus der musikalischen Szene nahm ich auf, daß Pausen genauso wichtig seien wie das Artikulierte. Eine Grundvorstellung von Kombinationen und Topographien beruhte darauf. Ich erinnere mich an die Aufführung der Deserts von Edgar Varese im Hamburger Funkhaus, bei der Stockhausen die Tonbänder aussteuerte. Der gleiche Mitstudent aber, der mir den Leviathan gezeigt hatte, verkaufte mir auch die 100 Gedichte von Bertolt Brecht. Die kurze Faszination durch Gottfried Benn, dessen Ruhm ich zuerst aus dem Mund von Walter Boehlich hatte verkünden hören, war damit gebrochen. Als mich 1953 der damalige Verlagslektor Georg Göpfert fragte, welchen lebenden deutschen Lyriker ich für den bedeutendsten hielte, nannte ich ohne zu zögern, Brecht, was Göpfert, wie ich mich erinnere, irritierte. Er fragte mich auch, was ich von dem Titel Akropolis für eine neu zu gründende literarische Zeitschrift, deren einer Herausgeber Günter Eich sein sollte, halte. Als ich antwortete, ich würde unter diesem Titel eher eine archäologische Publikation erwarten, irritierte auch das. Die Zeitschrift hieß dann, ohne Eich, mit Höllerer und Hans Bender, Akzente. 1978 gestand Höllerer mir, wieviel Pseudonyme er und Bender benutzt hatten, um die Seiten zu füllen. Davon ist nie die Rede gewesen bei den verschiedenen Jubiläen. Ich selber wurde dort zunächst nur angekündigt, unter dem Vornamen Werner, was später zu irrtümlichen biographischen Angaben geführt hat. Usw.Stichworte zu „meinen“ fünfziger Jahren. Stichworte der Erinnerung, vielleicht hier und da ein wenig abgekürzt, aber korrekt in der Substanz und in den Namen. Ich war einer von denen, die in diesem Jahrzehnt angefangen haben, Literatur zu publizieren, denen damals die Chance gegeben wurde, Literatur zu veröffentlichen, und wenn ich das sage, muß ich hinzufügen, wieviel Dank die verdienen, die damals Literatur vermittelt haben: Weyrauch zum Beispiel, unermüdlich im Entdecken, aber, auch Brenner, Richter selber oder, in einer ganz anderen Richtung, Kurt Leonhard, der Piontek, Bächler, Härtling, Poethen den Start erleichterte, oder, in wieder anderer Richtung, Alfred Andersch und Max Bense, der eine mit Texte und Zeichen, der andere mit dem augenblick. Allen diesen bin auch ich zu Dank verpflichtet.
Durch Andersch kam ich zum Süddeutschen Rundfunk nach Stuttgart, 1957, wurde dort 1959 sein Nachfolger. Er vermittelte mich weiter an Otto Walter und den Walter Verlag, in dem für mich mit Textbuch 1, 1960, die sechziger Jahre anfingen. Jene sechziger Jahre, die vielleicht einmal mit einigem Recht die goldenen genannt werden könnten, weil in ihnen die Freizügigkeit am größten war, weil in ihnen die Chance gegeben schien, daß die literarisch-künstlerische Alternative in eine politische umgewandelt werden könne. Was ein Irrtum war. Was ein ganz grundsätzlicher Irrtum war, und die Gründe dafür, daß es zu diesem Irrtum kommen konnte, sind auf allen Seiten zu suchen.
So würde ich nicht, wenn ich ein Fazit aus „meinen“ fünfziger Jahren ziehen sollte, sagen, damals gab es ein ungebrochenes Zutrauen in Literatur, Kunst und Musik, sondern würde sagen, dieses Zutrauen war noch nicht auf die Probe gestellt worden. Verglichen mit der Realität vor 1933 zeigten die fünfziger Jahre zuerst einmal, daß es wieder möglich war, sich zu artikulieren, sich ohne Beeinträchtigung, und sei es nur für sich selbst, auszusprechen. Wichtig war dabei nicht nur, was auszusprechen möglich war, sondern ebenso, wie das geschehen konnte. Die zwanziger Jahre erschienen als ein Erbe der Vermischung von Literatur und Politik, Kunst und Politik. Die Botschaft von Tucholsky, wie die von Brecht, wie die von Benjamin (wie, für mich persönlich, auch die von Rudolf Borchardt und Ezra Pound) war lediglich eine Projektion, deren Ausprägung ins eigene Bemühen merkwürdig vage, flüchtig und verwischbar blieb. Selbst noch die Wiederentdeckung Franz Kafkas litt unter dem politischen Akzent.
Die fünfziger Jahre waren auf der anderen Seite gekennzeichnet durch das, was sich Existenzialismus nannte. Dabei wurde der Dramatiker und Erzähler Sartre deutlicher aufgenommen als der Philosoph und Politiker. Der Literat Sartre wurde eher gesehen in Parallele zu Giraudoux oder Anouilh; Adamov, Schehadé, Ionesco, Beckett als deren Nachfolger, der nouveau roman unmittelbar im Existenzialismus wurzelnd. Die politische Polemik gegen Heideggers Kniefall vor dem Nationalsozialismus läutete erst die sechziger Jahre ein. Die politisch-historische Großperspektive, die sich im Werk Sartres ab Mitte der sechziger Jahre deutlicher ablesen ließ, wird, was Heidegger betrifft, bis heute kaum gesehen. Dennoch sind die Schriften, in denen sie von Heidegger formuliert worden ist (Holzwege, Brief über den Humanismus) in den fünfziger Jahren publiziert worden. Der Existenzialismus der fünfziger Jahre, der als das auffälligste Schlagwort dieses Jahrzehnts gelten kann, hat doch nur ein merkwürdiges Zwielicht verbreitet, in dessen Schein vieles eher verwischt als hervortritt.
Existenzialismus hieß auch: zurückgehn. Zurückgehn auf Grundpositionen, auf Restbestände, hieß Bestandsaufnahme, Registratur, Rückorientierung. Das umfaßte sowohl das Schlagwort vom „Kahlschlag“, wie es von der Gruppe 47 verbreitet worden war, als auch die Theorie Robbe-Grillets von der Dingbezogenheit der Erzählsprache. Es umfaßt jenen Rückbezug auf politische Grundtatbestände, wie er in den Romanen von Böll, Koeppen oder Andersch, aber auch in den Gedichten von Bachmann, Enzensberger oder Rühmkorf eine Rolle spielte, wie auch die Reduzierung formaler Mittel im Ansatz der konkreten Poesie.
Ich meine heute, daß man diese Erscheinungen und Bemühungen zusammen sehen muß, nicht in der Vereinzelung der Gruppierungen und Parteiungen, die sich daraus abgelöst haben. Die fünfziger Jahre waren, für Literatur, für bildende Kunst, für Musik, ein Versuchsfeld, auf dem das meiste schon ausprobiert worden ist. Das wird konkreter, wenn ich für den deutschsprachigen Bereich einen Namen nenne, in dessen Initiative und Werk bereits damals alle Keime angelegt waren: Franz Mon. Seine Anthologie movens hat, noch innerhalb der fünfziger Jahre, zum erstenmal die Zusammenfassung aller Elemente riskiert, was nur negativ polemisch in dem Schlagwort von Enzensberger-Unseld von der „Movensbande“ wirkungsvoll rezipiert worden ist. Franz Mons herzzero ist ganz aus den fünfziger Jahren erwachsen und faßt im Grunde alle Elemente zusammen, die für dieses Jahrzehnt bezeichnend sind. herzzero als Basis? Das fände ich nicht schlecht.
Man kann nach beiden, wenn nicht nach allen Seiten relativieren. Der Übergang in die sechziger Jahre würde außerdem plausibler. Daß es ein Buch ohne Ruhm ist, oder ein Buch nur mit dem Ruhm der sogenannten Insider, spielt keine Rolle, macht es eher noch exemplarischer. Denn die Kritik der fünfziger Jahre war noch offizielle Kritik, ihre Stars Sieburg und Holthusen, die Vermittlung in den herrschenden bürgerlichen Konsensus funktionierte vorzüglich, sie ließ das Wichtige aus. Man müßte heute die Jahrgänge der Wochenzeitung Die Gegenwart nachlesen, um dieses Funktionieren begreifen zu können. Es schützte die „freie“ Restauration im Unterschied zur diktierten Restauration im Faschismus. Die kontroverse Diskussion ist erst ein Kennzeichen der sechziger Jahre. Leider hat sie nur wieder eine quasi offizielle Kritik etabliert, die, zugegeben, Lücken hat.
Sehe ich es richtig? Verschleiert sich mein Blick nostalgisch? Es war eine Möglichkeit, was uns in den fünfziger Jahren offenzustehen schien. Eine Möglichkeit des Anfangens. Des Neuanfangs? Es war eine gute Zeit, weil das Herz, wie man sagt, dabei war. Aber ist nicht gerade das etwas, was sich immer wieder wiederholt, zu verschiedensten Zeiten, in verschiedensten Situationen? Ja und nein. Dies hatte etwas Spezifisches. Und zwar etwas, das zu jener Zeit noch nicht erkennbar war und heute erst allmählich, so scheint mir, deutlicher wird. Der, wenn ich einmal so weit gehen darf, Optimismus, ja, die Naivität, mit denen wir in den fünfziger Jahren auf Literatur und Kunst vertrauten, darauf vertrauten, daß es noch einmal möglich sei, Antwort zu finden auf das Fragwürdige, das unsere Welt ganz und gar verworren machte, beruhte am Ende in der Zuversicht auf den historischen Fortschritt. Unsere Formulierung selbst, unsere Einsicht im Medium dessen, was uns formulierbar war, hat uns gezeigt, daß das Fragezeichen an der Wurzel anzubringen ist. Die Verbindlichkeit des möglichen historischen Ausdrucks selbst erscheint heute zweifelhaft. Das ist nicht, und ich sage dies ganz deutlich, um Mißverständnisse zu vermeiden, ein Rückfall in so etwas wie den eklektischen Kulturpessimismus Benns, es ist eher schon das Zeugnis der zunehmenden Wortkargheit Brechts mitten in den fünfziger Jahren, seine Auskunftslosigkeit.
Dies ist auch ein Versuch zu sagen, was denn zu lernen ist aus jenem Jahrzehnt. Skepsis. Vorbehalt. Vorbehalt des Vorbehalts. Mißtrauen. Personen wie Mittteln wie Chancen gegenüber. Nicht Alternativen wie Sieg oder Kapitulation, Durchsetzung oder Anpassung. Sondern mit einem Schritt seitwärts davon, quer dazu. Versuchen, nicht feste Richtungen zu wählen, sondern ganz fest und absolut zu sagen: woanders hin. Dieses Woanders als Schlagwort, wenn überhaupt Schlagworte nötig sind.