Helmut Heißenbüttel
Das Telephonbuch
In einem Kriminalroman, dessen Autorennamen und Titel ich vergessen habe, pflegt der Privatdetektiv, wenn er mit verstellter Stimme über das Telephon Auskünfte erlisten will, in einer Telephonzelle mehrere Seiten aus dem Telephonbuch herauszureißen, zu einem Knäuel zusammenzupressen und in den Mund zu stecken. Umgang mit Büchern? Umgang mit einer bestimmten Sorte von Buch? So ungewöhnlich und so unappetitlich uns der Vorgang anmutet, wohl jedem, der irgendwann in seinem Leben öffentliche Telephonzellen benutzt hat, erscheint ein Bild vorm inneren Auge: der Anblick von Telephonbüchern, auf einem schrägen Pultbrett liegend, angekettet, mehr oder weniger verschmutzt, es fehlen tatsächlich Seiten, von irgendjemandem herausgerissen, nicht zum In-den-Mund-stecken, aber wohl zum Memorieren. Erinnerung an andere Kriminalromane, an Krimifilme, in denen eine bestimmte Buchstabenverbindung, bestimmte Namensketten gesucht werden, eine Spalte, aus dem Telephonbuch herausgeschnitten, als Unterlage benutzt, Tatort-Serie im ersten Programm des Deutschen Fernsehens zum Beispiel.
Telephonbücher gehören wie das Telephon zum Alltag unserer Welt, der Welt der technischen Zivilisation. Telephon und Telephonbücher sind ein Indiz für die Reichweite dieser technischen Zivilisation. Die Vereinheitlichung der Erdkultur wird unter anderem dadurch gekennzeichnet sein, daß jeder tatsächlich jeden telephonisch erreichen kann. Ist es so? Das „Amtliche Verzeichnis der Ortskennzahlen“ der deutschen Bundespost von 1974 enthält auch die Vorwahlzahlen außerdeutscher Staaten, und der Städte in ihnen, die im Selbstwählverkehr von uns erreicht werden können. Es gehören Japan, die USA oder Ungarn dazu. Nicht die DDR, nicht Sowjetunion und schon gar nicht die Volksrepublik China oder Saudi-Arabien. Auf der anderen Seite enthält auch der in der Bundesrepublik verbreitete Fernsehkurs zum Erlernen der russischen Sprache eine besondere Folge über den Umgang mit sowjetrussischen öffentlichen Telephonen und Telephonbüchern.
Telephonbücher sind wie das Telephon in die Literatur eingedrungen, die, wie es heißt, unsere Welt spiegelt. Gibt es Gedichte über das Telephon oder das Telephonbuch? Es gibt Schlagertexte. „The telephone rang my sister calling i got to run i said nonononono“, der Anfang eines Psychosongs von Dory Previn. Telephone und Telephonbücher spielen in Kriminalromanen eine weit größere Rolle als in der sogenannten ernsten Literatur. Wer kann sich Philip Marlowe, den Detektiv, der von Raymond Chandler erfunden wurde, ohne Telephonbuch vorstellen? Von dem belgisch-französischen Krimi- und Psychoautor Georges Simenon wird erzählt, daß er lange Zeit mit Packen von Telephonbüchern gereist sei, damit er, wenn er eine Erzählung an einem bestimmten Ort spielen lassen wolle, auch immer die für diesen Ort korrekten Namen verwenden könne. Das Telephonbuch also als die Basis, vielleicht sogar als die Keimzelle für die möglichen Beziehungen und Verwicklungen von Romanfiguren?
Das Telephonbuch ist ein Buch, das aus unserer Umwelt nicht wegzudenken ist. Seine Auflagenhöhen übersteigen die normaler Bücher bei weitem. Sie sind aber nicht genau festzustellen, da es keine Angaben oder Statistiken darüber gibt. Das Lesen des Telephonbuchs, wenn man von Lesen sprechen kann, wird von Kindern nicht in der Schule gelernt, aber in vielen Fällen früher als das von normalen Büchern. Die Benutzung des Telephonbuchs, die Bezeichnung Benutzung scheint angemessener als die des Lesens, und die, die die Benutzbarmachung der Literatur anpreisen, könnten vielleicht im Telephonbuch ein Leitbild erkennen, die Benutzung des Telephonbuchs gehört zu den Verrichtungen, die in unserer Welt nicht zu umgehen sind. Ich kann mich weigern, einen Führerschein zu machen und Auto zu fahren, aber ich kann mich nicht weigern, das Telephonbuch zu benutzen.
Das scheint unbestreitbar. Und gerade weil es so unbestreitbar und selbstverständlich scheint, daß wir Telephonbücher nicht umgehen können, ist es umso verblüffender, wie wenig man sachlich und faktisch über dieses Telephonbuch erfahren kann. Die erste Überraschung besteht darin, daß diese Bezeichnung zwar überall gebraucht wird, zum Beispiel in den verschiedenartigen fremdsprachlichen Wörterbüchern, jedoch nicht im amtlichen der deutschen Sprache, im Duden. Wenn man sagen würde, es gibt die Dinge nicht, die im Duden nicht aufgeführt sind, so gäbe es das Telephonbuch nicht. Denn auch unter der amtlichen Bezeichnung Fernsprechbuch ist dies Ding nicht im Duden aufgeführt. Die zweite Überraschung besteht darin, daß es amtlich auch nicht das Telephon gibt, weder mit ph noch mit f, sondern nur den Fernsprecher. Diese Deutschtümelei geht in die Anfangszeit des Telephons zurück. Schon 1878 war in der satirischen Zeitschrift Kladderadatsch folgende Reimerei zu lesen:
Noch spricht wohl hier und dort, mein Sohn,
Das Volk von einem ’Telephon’.
Du siehst, erfahren wie du bist,
Sogleich, daß dies ein Fremdwort ist.
Und weißt daher – du kennst mich ja –
Für dich ist dieses Wort nicht da.
Ob ’Telephon’ es jeder nennt,
Für dich heißt dieses Instrument
’Fernsprecher’ nur; du mußt gestehn,
Germanisch lautet dies und schön.
Aber auch als Fernsprechbuch ist dieses Buch nur schwer in Nachschlagewerken zu finden. Im alten Brockhaus fehlt es ganz. In der neueren Brockhaus-Enzyklopädie ist es in die allgemeine Information über das Telephon, das heißt den Fernsprechverkehr, eingeschlossen. Daten über die technische Entwicklung, die Funktion und die Ausbreitung des Telephons selbst finden sich allenthalben, in der weitverbreiteten Taschenbuchausgabe des Rowohlt-Duden-Lexikons etwa wieder unter dem Stichwort „Telephonie“, mit ph; man kann nachlesen, daß schon am 26. Oktober 1861 ein gewisser Philipp Reis einen Vortrag hielt über die Erfindung Telephon, daß das erste Patent vom 14. Januar 1876 jedoch von dem Amerikaner Graham Bell stammt. Dieses Patent wurde denn auch von dem deutschen Generalpostmeister Heinrich von Stephan benutzt; am 5. November 1877 wird die erste deutsche Telephonleitung in Betrieb genommen.
Man kann in deutschsprachigen Lexiken allerdings auch über das Telephon nur das erfahren, was für den deutschen Bereich gilt und muß schon die Encyclopädia Britannica zu Rate ziehn, wenn man wissen will, wie es in anderen Ländern zugegangen ist. Man erfährt dort zum Beispiel, daß das Deutsche Reich einer der wenigen Staaten war, die das Telephon von Anfang an als Staatsmonopol betrieben. In den USA wird es bekanntlich heute von privaten Gesellschaften verwaltet.
Aber weiterhin nichts über das Telephonbuch. In Sprachwörterbüchern erfährt man, daß im Englisch-Amerikanischen dasselbe Wort gebraucht wird, das bei uns Adreßbuch heißt; daß im Französischen das Wort Jahrbuch verwendet wird; daß das Russische unser Buch und das englisch-amerikanische Adreßbuch kennt. Usw. Im achten Band von Meyers Enzyklopädischem Lexikon von 1973 kann ich lesen: „Fernsprechbuch. Amtliches Verzeichnis aller Fernsprechteilnehmer eines Fernsprechbereichs. Das Fernsprechbuch enthält einen Auszug aus der Fernmeldeordnung und der Fernsprechgebrauchsordnung. Neben dem eigentlichen Fernsprechbuch gibt es noch örtliche Fernsprechbücher, in denen nur die Fernsprechteilnehmer eines Ortsnetzes aufgeführt sind.“ Aber ob das immer so war, wann etwa das erste Fernsprechbuch gedruckt wurde, ob es in anderen Ländern anders ist, wer dort das Buch herausgibt, an wen es geliefert wird usw., davon erfährt man nichts. Es gibt keine umfassende, es gibt nicht einmal eine notdürftige Information über dieses Buch, das so außerordentlich weit verbreitet ist. Wer etwas erfahren will, muß eigene Forschungsarbeit leisten oder es dem Zufall überlassen, wenn er Näheres wissen will.
Zufällig kam mir ein Buch in die Hand mit dem Titel Rund um den Fernsprecher von Hermann Heiden, 1937 mit Copyright der Firma Siemens und Halske zuerst veröffentlicht, letzte Auflage 1963. Dort erfahre ich endlich, daß das erste deutsche Telephonbuch im Juni 1881 als „Verzeichnis bei der Fernsprecheinrichtung Betheiligten“ von der „Fernsprech-Vermittelungs-Anlage in Berlin“ herausgegeben wurde. Es enthielt 94 Anschlüsse, 9 davon an der Börse. Weiter heißt es:
„Wer war unter den 94, die ... aufgeführt wurden? Bankhäuser, große Geschäftshäuser, die Preußischen und Reichs-Minister, allerdings ohne das Kriegsministerium, die Güterannahme des Anhalter Bahnhofs als einzige Bahnstelle, der Reichstag und das Polizeiministerium (mit zwei Nummern!). Ein Handwerker war fortschrittlich genug, mitzumachen und sich dafür als Narr ansehen zu lassen, ein Maurermeister Bethge aus der Elsässer Straße war es. Auch der berühmte Hofkonditor Kranzler war angeschlossen. Er hat wohl als erster Geschäftsmann Buch über die Geschäftsbelebung durch den Fernsprecher geführt. Ergebnis: Umsatzverdoppelung, obwohl das Gespräch damals 50 Pfennig kostete. Vertreten war auch die Große Berliner Pferdebahn-Aktiengesellschaft und selbstverständlich Siemens und Halske. Es fehlten dagegen die Krankenhäuser, die Theater, Diplomatie, Künstler und Wissenschaftler.“ Soweit der Chronist Meiden.
War dies der Ursprung, auch in der Art der Zusammensetzung der Teilnehmer, aus dem sich der Stammbaum der Telephonbücher bis heute entwickelt hat? Bezeichnend ist hier, ähnlich wie bei der Einführung des Rundfunks gut vierzig Jahre später, daß der innerste Stamm der Telephonierenden aus denjenigen bestand, die an der schnellsten Übermittlung von geschäftlichen Informationen interessiert waren. Von 1881 bis heute ist Börsengeschäft zu einem entscheidenden Teil Telephongeschäft. Heute zeigen gelegentlich Fernsehberichte, daß Devisenhändler oder Angestellte von internationalen Großzwischenhändlern die erstaunlichsten Telephonvirtuosen sind. Nachrichten im Telephonverkehr wie im Rundfunk waren zunächst Nachrichten über Kursbewegungen in aller Welt. Neben der geschäftlichen Dienstleistung, das zeigt das erste Berliner Telephonbuch, spielte die Repräsentation die zweite Rolle. Wo beides, Geschäft und Repräsentation, wie bei Kranzler, sich vereinigen ließ, wuchs der öffentliche Ruhm. Nicht berücksichtigt wurde der soziale und kulturelle Dienst. Information als private Mitteilung spielte im Anfang die letzte Rolle.
Wenn man das erste Berliner Telephonbuch so zu lesen versucht, fragt man nach einer in diesem Namens- und Adressen-Verzeichnis vorhandenen erkennbaren sozialen Struktur. Und zweifellos gab es im Anfang so etwas wie eine soziale Struktur. Diese Struktur nun, das ist bezeichnend für die Entwicklung des Telephonverkehrs und des Telephonbuchs, das diesen Verkehr spiegelt, setzt sich nicht durch. In erstaunlich kurzer Zeit verblaßt sie oder wird aufgesogen von der immer größeren Zahl der Teilnehmer. Die reine Zuwachsrate der Fernsprechteilnehmer läßt bereits nach vergleichsweise sehr kurzer Zeit eine soziale Struktur nicht mehr erkennen. Schließlich, heute, ist so etwas wie Struktur nur abzuleiten aus dem statistischen Häufigkeitsverhältnis bestimmter im jeweiligen Fernsprechbereich vorkommender Namen als in irgendwelchen sozialen Strukturkriterien. Und auch die heute gedruckten Branchen-Fernsprechbücher sind nicht in Hinblick auf eine kommerzielle Struktur zu erfassen, sondern übernehmen den rein statistischen Gesichtspunkt von den allgemeinen Telephonbüchern. Anders gesagt: was in den Telephonbüchern in Form von Berufsbezeichnungen, Geschäftsangaben, Behördenhierarchien usw. sozialstruktural enthalten ist, wird in der Form des Buches nicht wirksam, sondern wirksam ist allein das statistische Prinzip des Alphabets.
In der Ordnung, die sich nach den ersten drei oder vier Buchstaben des Namens herstellt, verschwinden gesellschaftliche, biologische, intellektuelle, einkommensmäßige Unterschiede. Wenn man annimmt, daß in einem Telephonbuch eine abgrenzbare Gruppe von Menschen zusammengefaßt ist, so ist diese Gruppe, von der Form, in der sie erfaßt ist, dem Telephonbuch, bestimmt allein durch zwei Kriterien: 1. die Abgrenzung des Wohngebiets und die damit gegebene Zugehörigkeit zu einem Fernsprechbereich und 2. die alphabetische Aufzählung nach dem Nachnahmen. So gesehen fände im Telephonbuch eine äußerste Gleichstellung statt nach dem Zufallsprinzip der Namensgebung. Das Branchenfernsprechbuch hat dagegen, wenn man so will, noch einen altmodischen Zug, insofern es das Alphabet nach ständischen Gruppierungen unterteilt. Die Reihenfolge der Berufsgruppen ist allerdings auch wieder vom Alphabet bestimmt.
Wenn man, wie es getan worden ist, sagt, das Telephonbuch sei so etwas wie das umfassendste Rollenverzeichnis für das Stück, das Leben heißt, so hätten alle Mitspieler dieses Stücks, vom Verzeichnis her, gleiche Chancen. Jede Verbindung wäre möglich. Es ist vorausgesetzt in diesem Verzeichnis, daß jeder mit jedem kommunizieren kann. Was an konkreten Beziehungen, Verhältnissen, Verwicklungen, Lösungen, Zuspitzungen usw. hinter dem Verzeichnis tatsächlich verborgen ist, könnte aber erst für den zum Vorschein kommen, der in der Lage wäre, pausenlos die im Telephonbuch angelegten Verbindungen zu verfolgen.
Und es geht zunächst eins aus diesem Umstand hervor: daß der statistische Ausgleich in Sachen Kommunikation, die Sozialisierung der Kommunikation, wenn man so will, unter dem Prinzip der äußersten Gleichstellung aller lediglich als Möglichkeit darstellbar ist, nicht aber in der Form der konkreten Kommunikation. Und wenn Bertolt Brecht einst vom Rundfunk gefordert hatte, er solle aus einem Distributionsapparat in einen Kommunikationsapparat verwandelt werden, so kann man in der Übertragung dieser Forderung auf die Möglichkeiten des Telephons ganz unmittelbar erkennen, wo Kommunikation ihre Grenze hat. Technisch bereitgestellt werden kann nur die Möglichkeit. Die Ausnützung im konkreten Austausch von einer konkreten Person zur andern ist sinnvoll nur innerhalb der Grenzen, die der Aufnahmefähigkeit jedes Kommunizierenden gesetzt sind. Brecht schließt an seine Forderung, so seine Formulierung, „den Hörer als Lieferanten zu organisieren“, als Lieferanten von Kommunikation, den Satz an: „Sollten Sie dies für utopisch halten, so bitte ich Sie, darüber nachzudenken, warum es utopisch ist.“
Es ist, so kann man dem Kommunikationsmodell des Telephons entnehmen, utopisch, weil auch in der technischen Erweiterung des Kommunikationsapparats die Grenzen des Gesprächs, die Grenzen, so würde man heute wissenschaftlich sagen, der Interaktion nicht überschritten werden können. Die Bereitstellung des Telephons für die mögliche Kommunikation zwischen allen Teilnehmern kann niemals zur allgemeinen Kommunikation führen.
Mit der Überlegung, was sich aus dem strukturellen Bild des Telephonbuchs ablesen läßt, habe ich mich scheinbar weit von meinem Gegenstand entfernt. Ich habe das Buch, mit dem ich mich beschäftigen wollte, verlassen, um einer bis ins Utopische führenden Spekulation über die Möglichkeit der technischen Apparatur Telephon in Hinblick auf die Verständigung der Menschen untereinander nachzugehen. Wie weit habe ich mich entfernt? So weit wie es die in dem hier zur Frage stehenden Buch vertretene Sache zuläßt. Ich habe also über den Inhalt des Telephonbuchs spekuliert. Hat denn dieses Buch einen Inhalt in dem Sinne, in dem wir bei anderen Büchern von Inhalt sprechen? Ist nicht soetwas wie Inhalt durch Zusammenhang, Differenzierung, Gliederung gekennzeichnet? Ist nicht Inhalt, etwa bei einem Roman, bei Gesetzbüchern, bei Bilderbüchern, das, was in diesen Büchern aufbewahrt wird und damit über jede mündliche Weitergabe hinaus überlieferbar bleibt, solange Schrift entzifferbar ist?
Wenn ich so frage, muß ich einen Schritt zurück- und dem nachgehen, was das Telephon als Buchtypus verkörpert. Tatsächlich wird in diesem Buch nicht etwas Sprachliches, das sonst mündlich weitergegeben werden könnte, für eine größere Zeitspanne und für eine größere Leserschaft aufbewahrt. Das Telephonbuch ist nicht in erster Linie ein Mitteilungsvehikel. Es ist ein Register. Es ist ein Verzeichnis. Darin gleicht es Wörterbüchern, auch dem Kursbuch der Eisenbahn, Katalogen, Nachschlagewerken; an der Grenze zwischen Registern und Mitteilungsbüchern könnte man juristische Kompendien sehen. Das Telephonbuch ist aber auch ein Periodikum. Ein veraltetes Telephonbuch hat nicht einmal historischen Wert, es sei denn jenes erste Berliner Verzeichnis von 1881, dieses aber auch nur deshalb, weil in ihm noch eine andere Struktur zu erkennen ist als die im Telephonbuch von heute. Als Periodikum unterliegt das Telephonbuch einem ununterbrochenen Wechsel. Die korrekte Angabe der Fernsprechteilnehmer macht dieses Buch zu einem Spiegel von Veränderungen in Zahl und Zusammensetzung der Bevölkerung in einem bestimmten Wohngebiet. Allerdings ist diese Veränderung dem Buch nicht ohne weiteres abzulesen, es verbirgt sie als eine Fluktuation, die ihr immanent ist, ein Schwanken, so könnte ich sagen, das ich niemals im Ganzen, als tatsächliche Bewegung, wahrnehmen kann, auf deren Auswirkung ich aber unvermittelt stoßen kann, wenn ich einen Teilnehmer suche, der nicht mehr geführt wird, wenn ich die Neuregistrierung einer Telephonnummer entdecke.
Das Telephonbuch zeigt mir die Art und den Umfang einer technischen Dienstleistung an, die für mich bereitgestellt worden ist, noch nicht sehr lange, im deutschen Sprachgebiet seit 97 Jahren, der hundertste Geburtstag steht noch aus, und diese Dienstleistung kann ich ausnutzen, wenn ich, durch Aufstellen eines Apparats, durch Anschluß an das Leitungsnetz, durch Bezahlen der Fernsprechgebühr und durch Benutzung des Telephonbuchs, in den Zirkel der Dienstleistung eingetreten bin. Dies ist ein Charakteristikum unserer Zeit. Wir verbinden uns mit der Mehrheit, der absoluten Mehrheit unserer Mitbürger zu dieser Teilnehmerschaft am Fernsprechnetz. Den Umfang dieser Teilnehmerschaft, die korrekten Namen und Adressen meiner mit mir teilnehmenden Mitbürger kann ich im Telephonbuch nachschlagen. Ich kann sie nachlesen. Ich kann aus ihnen auslesen. Ich kann den, den ich suche, heraussuchen. Ich kann Geschäftsvorgänge, Berufsvorgänge, Aktenvorgänge beschleunigen, indem ich das Telephonbuch benutze. Ich kann mich orientieren, indem ich die Auskunftsmöglichkeiten dieser Dienstleistungsapparatur nutzbar mache. Ich kann Rat, Hilfe, soziale Dienste erreichen, Notarztwagen, Überfallwagen, Feuerwehr usw. stehen mir über Telephon und Telephonbuch zur Verfügung.
Das Telephonbuch gehört zu jener Kategorie von Büchern, die meine erweiterte Orientierungsmöglichkeit in der Welt der technischen Hilfsmittel garantieren. Zugleich bin ich selber in ihm erfaßt und unterliege der Registratur und Verwaltung. Der Vorteil, der mir als dem Subjekt und Benutzer des Telephonbuchs gewährt wird, hat als Kehrseite, daß ich in diesem Telephonbuch auch als Objekt erscheine, als der passiv Vorhandene, der jederzeit erreichbar ist. Telephonanrufe können auch verhängnisvolle Züge annehmen. Die Nachricht, die ich nicht hören will, der Zugriff, dem ich mich entziehen möchte, kann mich erreichen, weil auch ich im Telephonbuch registriert bin. Das gehört, so meine ich, mit ins Bild. Auch dieser Zug des Bildes läßt sich im Telephonbuch ablesen. Deutlich wird er allerdings nur denen, die eine konkrete Auffassung von Zahlen haben. Der Sinn des Telephonbuchs ist ja auch, wenn ich das so sagen darf, die Zuordnung einer Zahl zu meinem Namen, ich könnte auch sagen, die Verwandlung meines Namens in eine Nummer. Diese Nummer, und nur so läßt sich die Zahl der Verbindungen und die ins Vielfache der Erdbevölkerungszahl wachsende Anzahl der Telephongespräche organisieren, unterliegt bestimmten Systematisierungsvorgängen. Diese Systematisierungsvorgänge beruhen auf dem einfachen Prinzip, daß ich umso weiter differenzieren kann, je mehr Stellen die Zahl hat, unter der ich registriert bin. Beziehungsweise umgekehrt: je weiter ich das Netz über die Erde spanne, das für alle gleichberechtigt Erreichbarkeit garantiert, also im Selbstwählverkehr, umso mehr Zahlengruppen muß ich meiner individuellen Endzahl voranstellen. Das heißt aber zugleich, daß ich die zwei oder drei Endzahlen, die innerhalb meines Bezirks und Unterbezirks meinen Apparat bezeichnen mit umso mehr anderen Teilnehmern gemein habe, je umfangreicher das Selbstwählnetz wird.
Ich komme zu der paradoxen Tatsache, daß ich registriert bin einmal mit immer mehr anderen Teilnehmern unter der gleichen Vorwahlnummer, der des Bezirks, der der Stadt, der des Staates, daß ich aber zugleich überall in der Welt Teilnehmer finden kann, über die verschiedensten Bezirke, Städte Staaten verteilt, die mit mir die gleiche Endnummer haben. Diese doppelte Gleichheit in der Registratur ist charakteristisch nicht nur für die Welt der technischen Dienstleistungen, sie ist ebenso charakteristisch für den Zustand der Verwaltung. Und das läßt sich für den, der Zahlen nicht nur mechanisch oder als Zufallsprodukte auffaßt, sondern der ihrer Zusammenstellung das System abzulesen vermag, in jedem Telephonbuch erkennen.
Eine merkwürdige Art Buch also, dieses Telephonbuch. Ein Buch, das ich niemals ganz durchlesen kann, obwohl es Witzbolde gegeben hat, die dazu aufforderten. Ein Nachschlagewerk. Aber nicht eins, in dem ich, nachschlagend und nachlesend, mein Wissen erweitern kann. Eine Registratur. Jedoch kein Register, das in verschlossenen Räumen für den Spezialisten bereitsteht, der sich in diesem oder jenem Fachbereich zurechtfinden will. Eine Registratur, die jedermann zugänglich ist, die die meisten im Haus herumliegen haben, in der ich, in Namen und Zahl ausgedrückt, selber vorhanden bin. Eine Registratur, in der ich indirekt Handel und Wandel, Leben und Tod sich spiegeln sehen könnte, hätte ich nur Übersicht, Zeit und Geduld genug, die in diesem Buch sich abbildende Fluktuation in den wechselnden Jahrgängen dieser Registratur zu beobachten.
Wenn Bücher heute noch eine Botschaft vermitteln können, welches könnte die Botschaft des Telephonbuchs sein? Oder ist es unsinnig, überhaupt so zu fragen? Karl Steinbuch, Physiker und Nachrichtentheoretiker, hat in seinem Buch Die informierte Gesellschaft das zusammengenommen, was ich in der Ableitung des Telephonbuchs getrennt hatte, Information und Kommunikation. Das erste Berliner Verzeichnis von 188l bildete den reinen Informationsdienst des Telephons in seiner Ausgangslage ab. Das Aufgehen des Informationsdienstes in die zunehmende Zahl der Fernsprechteilnehmer ließ das Telephonbuch zum Abbild weltumspannender Kommunikationsmöglichkeit werden. Steinbuch geht von der wachsenden Zahl der Fernsprechteilnehmer aus und sagt: „Die absoluten Zahlen sind erstaunlich: werden doch in den USA in einem Jahr etwa hundert Milliarden Ortsgespräche geführt, und sogar in der Bundesrepublik sind es noch etwa vier Milliarden Ortsgespräche und etwa eineinhalb Milliarden Ferngespräche. Hinter diesen Zahlenangaben muß man sich eine ungeheuere gesellschaftliche Kommunikation vorstellen. Sie illustrieren die Feststellung, Information sei Anfang und Grundlage der Gesellschaft.“
In einer solchen Ineinssetzung von Kommunikation und Information, in der Annahme, diese Ineinssetzung von Information und Kommunikation sei die wahre Basis der Gesellschaft, und das heißt der zukünftigen Weltgesellschaft zu sehen, wird das Thema Telephonbuch auf eine neue Ebene gehoben. Läßt sich darin die Botschaft erkennen, die diesem Buch abzulesen ist?
Ich lasse die Frage unbeantwortet und stelle stattdessen fest, daß die Kehrseite einer solchen Utopie natürlich auch darin besteht, daß dieses Buch mißbraucht werden kann. In seinem Roman Tynset hat Wolfgang Hildesheimer von einem Mann erzählt, der nächtlich aus dem Telephonbuch ausgesuchte Nummern wählt und die sich meldenden Teilnehmer mit Drohungen verfolgt. Auch dies ließe sich weiter ausmalen. Eine Gesellschaft von Gestörten, die pausenlos mithilfe des Telephonbuchs einander belästigen und ängstigen. Sollte man nicht bei allen Möglichkeiten, die unsere technische Welt öffnet, die versteckte Drohung mit einkalkulieren?
(1974)