N.N.
Der weiße Wal
Der weiße Wal, besser bekannt unter dem Namen Moby Dick, den ihm
der amerikanische Schriftsteller Herman Melville für seinen 1851
erschienen enzyklopädischen Roman gab, ist wenn ihn man mit
dem Hündischen vergleicht das ozeanische Pendant zum (schwarzen)
Zerberus, dem Höllenhund der antiken Mythologie. Kapitän Ahab
verfolgt das mörderische Monstrum über die Weltmeere (wie der
Teufel sprichwörtlich die arme Seele, wobei in Melvilles
grandiosem Buch gar nicht so klar ist, wer Teufel und wer Seele in diesem
Giganten-Kampf ist) , und wenn Ahab das Objekt seiner Jagdbegierde
endgültig gestellt hat, wird er, samt dem Schiff, das er nur zu diesem
Zwecke befehligt hatte, von Moby Dick in die Tiefe des Ozeans gerissen;
und Ismael, der Erzähler, der als einziger der Katastrophe entkam,
um von ihr zu berichten, hat endlich seine Ruhe. Melville aber, der zuvor
ein erfolgreicher Autor war, der sich einbildete, er könne nun mit
Büchern wie dem Moby-Dick
seinen Lebens-Unterhalt verdienen, steuerte fortan auf die Armutsgrenze
zu, und die Erfolglosigkeit blieb sein intimster Partner, der ihn ins
Verderben riß.
Als der wahrhaft Große Amerikaner starb, wußte
keiner seiner Landsleute mehr, wer er war: nämlich der größte
Schriftsteller der USA im 19. Jahrhundert und zumindest sein Epos
über den Weißen Wal: Weltliteratur. Das Buch war einmal, was
man heute ein Highlight und ein Absolutes Must
nennt, d.h. wer über Literatur mitreden wollte, mußte Moby-Dick
kennen und wäre es auch nur in der gekürzten Fassung
als Abenteuer-Roman für Jugendliche. Denn der weiße Wal Moby
Dick ist ein literarischer Mythos wie Odysseus, Hamlet oder Faust. Selbst
Spielbergs weißer Hai zehrte noch von diesem Mythos.
Zwar gab und gibt es das Buch auf deutsch schon lange,
aber das 1991, zum 100.Todestag des Amerikaners, erschienene Schreibheft
37 versammelte einen ganze Reihe von Aufsätzen, Erstübersetzungen
und Essays zu Melville und seinen großen Romanen. Es fand nicht
nur bei Lesern der Avantgarde-Publikation, die das Gras der neuen Literatur
überall wachsen hört, bevor die deutschen Verlage ans Heumachen
denken, große Resonanz, sondern in diesem Fall auch beim C. Hanser-Verlag.
Der zeigte sich nämlich von den Neu-Übersetzungsproben, die
der Joyce-Beckett- und Arno-Schmidt-Kenner Friedhelm Ratjen von zwei zentralen
Kapiteln des Moby-Dick angefertigt
hatte, so beeindruckt, daß er mit den Schreibheft-Herausgebern
eine auf 8 bis 10 Bände angelegte Werkausgabe Melvilles mit Neuübersetzungen
plante.
Aber Rathjens vollständige Übersetzung des
Romans vom Weißen Wal, die 1993 vorlag, fand offenbar keine Gegenliebe
bei Hanser. Rathjens deutsches Äquivalent für Melvilles
sperrigen Stil, die wechselnden Tonlagen, die exzessive Rhetorik und die
ungewöhnliche Interpunktion schien Hanser, wie jetzt die Schreibheft-Herausgeber
mitteilen, für die Zielgruppe einer ausschließlich deutschsprachigen
Leseausgabe zu esoterisch und eigenwillig. Nachdem sie sich enttäuscht
von der Herausgeberschaft zurückgezogen hatten, hat ihr Nachfolger
Rathjens ursprüngliche Übersetzung derart verändert, daß
Rathjen die Urheber-Rechte an seinem von dem jetzigen Hanser-Übersetzer
Matthias Jendis überschriebenen Manuskript zurückverlangte.
So wird nun in diesem Herbst bei Hanser endlich der
neu übersetzte Moby-Dick erscheinen
und unter dem Titel Die Weiße des Wals das weiße
Schreibheft 57, in dem die mit
ihrem Autor und Übersetzer solidarischen Herausgeber umfangreiche,
wichtige Kapitel des Melville-à-la-Rathjen vorlegen, samt
einem Rechenschaftsbericht des Übersetzers und einer Einschätzung
Paul Ingendaays. Über zwei neue deutsche Moby-Dicks
kann und darf nun also gestritten werden ..., beschließen
die Schreibheft-Herausgeber ihre
Ankündigung. Man darf gespannt sein, was uns da erwartet.
in: www.titel-magazin 7/2001