Kristina Maidt-Zinke
Die Wirrnis des Walfangs
Der Streit um die Salzkruste und der schreckliche Sprung im Schädel:
Zwei deutsche Übersetzer im Kampf um Moby-Dick
Nennen wir ihn Ismael. Der biblische Name brandmarkt ihn als Außenseiter und vaterlandslosen Gesellen. So hieß Abrahams illegitimer Sohn, vom Vater verstoßen und entrechtet, der in die Überlieferung des Islam als Stammvater der Araber eingegangen ist. Die wohl berühmteste literarische Inkarnation dieses mythischen Vertriebenen bricht um die Mitte des neunzehnten Jahrhunderts von Nordamerika aus zu einer Seereise auf, die nach dem Spielplan der Vorsehung zwischen zwei Ereignisse von weltpolitischer Bedeutung fällt: Das erste ist ein Hartumkämpfter Wahlgang um die Präsidentschaft der Vereinigten Staaten, das zweite eine Blutige Schlacht in Afghanistan. Die Seefahrt wird zur Jagd, zur wahnhaft besessenen Verfolgung eines weißen Ungeheuers, das dem Kapitän des amerikanischen Schiffes als Ursprung und Inbild alles Bösen gilt, seit es ihn grausam verstümmelt hat. Im Entscheidungskampf gegen das mörderische Monstrum, das wie ein verhülltes Phantom seine Jäger narrt und stets entkommt, sinkt das Schiff mit Mann und Maus. Der einzige Überlebende ist der Erzähler Ismael, verwaist und unbehaust auf ewig, beheimatet nur in der Unabhängigkeit seines Denkens, für das die Weite des Meeres als Metapher steht: Er verweigert sich, wie manche Interpreten des Romans hervorgehoben haben, dem heilsgeschichtlichen Anspruch, mit dem Amerika sein nationales Selbstverständnis in die Welt trägt, und schwimmt deshalb am Ende oben.
Ein Projekt läuft aus dem Ruder
Auch ohne die wundersamen Anklänge an gegenwärtiges
Geschehen gäbe es Gründe genug, Herman Melvilles Moby-Dick
wieder zu lesen oder überhaupt zu lesen, sofern man, was ja
vorkommen soll, die Geschichte vom Weißen Wal nur aus der Verfilmung
mit Gregory Peck oder aus einer der zahlreichen Kurzversionen für
die Jugend kennt. Daniel Göske, Herausgeber der jetzt bei Carl Hanser
erschienenen Neuübersetzung, legt in seinem Nachwort ein Fangnetz
für neue Leserschwärme aus, indem er so anschaulich wie anregend
erläutert, warum dieser Walbulle im Karpfenteich der Romanliteratur
in seiner kalkulierten Unvollkommenheit, seiner grandiosen Vielstimmigkeit
und Vieldeutigkeit ein zeitloses, in mehrfacher Hinsicht hochmodernes
Meisterwerk ist. Daß die Überführung eines solchen Kolosses
in fremde Sprachgewässer ein waghalsiges, niemals befriedigend abzuschließendes
Unternehmen bleiben muß, ergibt sich aus Göskes Hinweisen von
selbst; zugleich wird deutlich, weshalb der Roman, den Melville den Entwurf
eines Entwurfs nannte, Übersetzer in jeder Generation neu herausfordern
kann.
Im deutschen Sprachraum dümpelte der Wal bis dato
in fünf mehr oder weniger vollständigen Übersetzungen aus
den vierziger und fünfziger Jahren, von denen mindestens zwei, die
von Fritz Güttinger (Zürich 1944) sowie die von Alice und Hans
Seiffert (Leipzig 1956), noch im Handel sind, letztere mit einem dialektisch-materialistisch
gestimmten Nachwort für Nostalgiker. Vor zehn Jahren, als man Herman
Melvilles hundertsten Todestag beging, war es fraglos an der Zeit, eine
neue deutsche Fassung mit adäquatem Kommentarteil in Angriff zu nehmen.
Das Projekt einer acht- bis zehnbändigen Melville-Werkausgabe kam
damals von Redakteuren und Mitarbeitern der Literaturzeitschrift Schreibheft
um Norbert Wehr. Als Übersetzer, dem man zutraute, den eigenwilligen
Stil und die kühne Metaphorik, die abrupten Tonlagenwechsel und rhetorischen
Exzesse des Originals endlich auch deutschen Lesern sinnfällig zu
machen, war der mit Joyce und Beckett, Gertrude Stein und Arno Schmidt
vertraute Friedhelm Rathjen vorgesehen. Er hatte das Privileg, als erster
Sprachfährmann für Moby-Dick
von einem wissenschaftlich gesicherten Quelltext ausgehen zu können,
der 1988 in Chicago erschienenen Northwestern-Newberry-Edition.
Es heißt, daß bei den Dreharbeiten zu John
Hustons Film vor der Küste Südirlands die kunstreich gefertigte
Wal-Atrappe sich eines Tages losriß und so weit ins Meer hinausschwamm,
daß sie wieder eingefangen werden mußte. Wo Moby Dick im Spiel
ist, scheint leicht etwas aus dem Ruder zu laufen. Im Fall des Hanser-Projekts
war es so, daß der als Betreuer angeheuerte Anglist Daniel Göske
mit Friedhelm Rathjens Übertragung nicht warm wurde, weil sie ihm
allzu kompromißlos knorrig und angestrengt archaisierend erschien.
Er zog Matthias Jendis hinzu, der zunächst den Text nur redigieren
sollte, dann aber, nachdem eine Kooperation der Beteiligten gescheitert
war, allein die übersetzerische Verantwortung übernahm. Seine
Version, die der Rathjenschen Fassung viel verdankt, liegt nun als schön
gestaltete Ausgabe vor, während der Kollege mit den Früchten
einer zweijährigen Fron auf Tauchstation gehen mußte, korrekt
entlohnt, aber um den Ruhm gebracht und ohne Verlagsheimat, ein Ismael
des Buchbetriebs. Das Schreibheft
hat daraufhin achtundzwanzig Kapitel aus dem verschmähten Moby-Dick
in einer Sondernummer abgedruckt, nebst einem Aufsatz, in dem Rathjen
seine Kriterien für den Sprachtransfer darlegt und sein Verfahren
rechtfertigt.
Schnaps saufen, Deck polieren
Was der Ausgebootete dort zu bedenken gibt, leuchtet
nachgerade verführerisch ein. Jede Eigenart des Originals, nicht
nur inhaltlicher, sondern auch sprachlicher, stilistischer, formaler Natur,
sei in der Übertragung zu bewahren, so gut es eben geht.
Bei Melvilles Meisterwerk bedeute dies, daß Brüche und Ungelenkheiten,
Errata und Inkonsistenzen vom Übersetzer nicht ausgemerzt und geglättet,
sondern mitvollzogen, nachgebildet werden müssen, daß ferner
die historische Fremdheit und monströse Widerborstigkeit des Ausgangstextes
mit allen verfügbaren Mitteln in die Zielsprache gerettet und nicht,
wie etwa in der vielgelobten Seiffert-Fassung, einer trügerischen
Homogenität und Eleganz des Resultats geopfert werden sollten. Dieser
Roman sei die literarische Wirrnis schlechthin, was er, Rathjen,
dem geneigten Leser nun erstmals habe vermitteln wollen.
Jener Leser wird, wenn er sich probeweise auf das Abenteuer
des Rathjen-Textes einläßt, oft genug das Gefühl haben,
auf einem unaufgeräumten Schiffsdeck herumzulaufen, wo man über
Taue stolpert, auf Fischabfällen ausglitscht und sich im Segeltuch
verfängt, wo alles von einer Salzkruste überzogen ist und auch
mal eine leere Schnapsflasche über die Planken rollt. Dagegen nimmt
sich die von Matthias Jendis gewählte Lösung vielfach aus wie
das komfortable, blankpolierte Sonnendeck eines Kreuzfahrtschiffs
doch längst nicht immer und überall. So wie ja andererseits
das Original keine einheitlich sperrige, unwegsame Textur aufweist, sondern
durch den Wechsel von kraftvoll fließenden, stürmisch aufgewühlten
und mutwillig schaukelnden Passagen, von tastendem Tiefgang und dröhnender
Diesseitigkeit, von ungehobelter Rauheit und sirenischem Wohllaut seekrank
macht.
Das Ideal eines Übersetzers müßte es
wohl sein, durch die Gesamtheit seiner Maßnahmen und Unterlassungen
im Gemüt des Lesers eine Wirkung zu erzeugen, die der des Ursprungswerkes
möglichst nahe kommt indes, der Wirkung auf wen? Auf ein zeitgenössisches
oder ein heutiges Publikum, auf ein mehr oder minder gebildetes, auf Landsleute
des Verfassers oder sprachkundige Kosmopoliten? Eine Übersetzer-Kontroverse
wie diese ähnelt ein wenig der Debatte um die historische Aufführungspraxis
in der Musik: Die Theorie mag noch so überzeugend oder widerlegbar
sein, entscheidend ist das Klangergebnis, das wiederum von Hörer
zu Hörer unterschiedlich wahrgenommen wird.
Sprachlabor und Wortmuseum nennt Paul Ingendaay,
einer der Initiatoren der Rathjen-Übersetzung, den dabei entstandenen
Text, und er charakterisiert damit auch das bemüht Puristische, das
kauzig Fremdelnde, das der geschmeidigeren Fassung von Jendis abgeht.
Versucht man jedoch, die Differenz an Details festzumachen und daraus
ein Werturteil abzuleiten, gerät man bald auf schwankenden Grund,
weil es hier wie dort kaum einen Satz gibt, der beim Vergleich mit dem
Original nicht noch Wünsche offen ließe. Je nachdem, ob man
das Gewicht eher auf Rhythmus oder Klangfarbe, auf semantische oder syntaktische
Entsprechungen, stilistische oder atmosphärische Valeurs legt, wird
man immer wieder diese oder jene Entscheidung anfechtbar finden, und nicht
selten verblüfft der Eigensinn, mit dem beiderseits Chancen verschenkt,
unnötige Widerhaken eingebaut, brauchbare Lösungen von Vorgängern
verworfen oder betuliche Umwege gewählt wurden.
Wie man Zweisilber entert
Es wäre ein hoffnungsloses, unendliches Unterfangen,
all diese Dinge einzeln aufzuführen. Eine Handvoll soll ausreichen,
heißt es passend im Roman: Gehören Manierismen wie dessentwegen
(für therefore) und währenddem (für
while) bei Rathjen zum Konzept, so darf man bei Jendis rätseln,
warum er am Anfang von Kapitel 24 das englische as plötzlich
altertümelnd mit sintemal wiedergibt. Wählt Jendis
vorausschauende Umsicht für far-gazing solitudes,
so entfernt er sich weiter von der Wortbedeutung als Rathjen mit seinen
weitstarrenden Bekümmertheiten, bleibt aber näher
am Sinn. Versperrt Rathjens Wörtlichkeitssucht im berühmten
Kapitel 42 den Zugang zur Weiße des Wals mit einer syntaktischen
Umstandskrämerei, die den Effekt der englischen Stelle eher verfälscht
(Abgesehen von jenen Moby Dick berührenden offensichtlicheren
Überlegungen, so sie allenfalls bisweilen in irgendeines Mannes Seele
eine gewisse Unruhe hervorzurufen vermochten ...), so übersetzt Jendis
den dort ständig wiederkehrenden Zweisilber whiteness
mit dem einsilbigen Weiß und setzt sich so über
ein wichtiges klangstrukturelles Element hinweg. Wenn in Kapitel 8 a
man of a certain venerable robustness bei Jendis als ehrwürdiger
Mann von echtem Schrot und Korn auftritt, bevorzugen wir, wohl auch
im Sinne Rathjens, den Mann von gewissermaßen ehrwürdiger
Robustheit in der alten Seiffert-Version. Endlos ist die Liste der
Fragen, die beim vergleichenden Lesen aufgeworfen werden, gar nicht zu
reden vom Problem der Dialektwiedergabe oder davon, daß nach aktuellem
Forschungsstand mehr als 160 Texte der Weltliteratur in Moby-Dick
anklingen.
Jede zur Zeit verfügbare Übersetzung hat ihre
Marotten und ihre Meriten. Matthias Jendis, soviel ist sicher, schießt
als Kenner der Seemannssprache den Wal ab. Die vorliegende deutsche Ausgabe,
allein von der philologischen Ausstattung her ein enormer Gewinn, wird
jedenfalls die freie und unbekümmerte Desperado-Philosophie
dieses merkwürdigen Meisterwerkes wieder in Erinnerung bringen, und
die ergänzende Lektüre des Schreibhefts
kann Melville-Experten wie Greenhorns zu der in Kapitel 17 niedergelegten
Einsicht verhelfen ... in gewissem Sinne haben wir all einen
schrecklichen Sprung im Schädel und bedürfen dringlich der Heilung.
in: Süddeutsche Zeitung, 10. 10. 2001