Schreibheft. Zeitschrift für Literatur

Uwe Pralle
Das Amerika der Ozeane
Herman Melvilles Moby-Dick oder Der Wal, neu übersetzt

Zwei höchst unterschiedliche Neuübersetzungen von Moby-Dick, die eine kürzlich bei Hanser erschienen, die andere zumindest auszugsweise im Schreibheft vorgestellt, geben Anlaß, sich erneut der sprachlichen und inhaltlichen Innovationskraft von Melvilles großem Roman bewußt zu werden.

Melvilles berühmtester Roman, durch den sein Name wohl heller vom Sternenhimmel der Weltliteratur strahlt als der jedes anderen amerikanischen Schriftstellers des 19. Jahrhunderts, ist ein merkwürdiges Exemplar seiner Gattung. Einer speziellen Form des Romans läßt er sich nicht eindeutig zuordnen. Und es ist sogar mehr als zweifelhaft, ob es sich bei Moby-Dick überhaupt um einen Roman – jedenfalls in dem Mitte des 19. Jahrhunderts geläufigen Sinne – handelt. Denn wie sollte das erst seit den zwanziger Jahren des letzten Jahrhunderts wiederentdeckte Meisterwerk Melvilles eigentlich genau bezeichnet werden? Etwa als Abenteuerroman, ähnlich wie seine literarischen Fingerübungen in den beim Publikum vorher so erfolgreichen Südsee-Erzählungen Typee und Omoo?
   Mit den vielen Kapiteln, in denen alles Wissen auffunkelt, das einem jungen – und walfangerprobten – Amerikaner wie Melville im Jahr 1851 über den seine Phantasie mitreißenden Meeresriesen überhaupt zugänglich war, könnte Moby-Dick ebenso gut als ein Essay von den imposanten Ausmaßen des unermüdlich umkreisten Leviathans selbst angesehen werden. Andererseits steckt in der Schilderung vom Schicksal des Kapitäns Ahab und seiner Besatzung bei ihrer Jagd nach dem legendenumwitterten weißen Wal auch eine große Parabel – die unheimliche Vision, wie ein eigentlich der Selbsterhaltung dienendes Unternehmen wie der Walfang sich zur selbstzerstörerischen Obsession steigern kann.

Die Modernität von Moby-Dick
   Solchen damals gewohnte Erzählformen sprengenden Werken wird man zu Beginn des 21. Jahrhunderts allerdings um einiges weniger irritiert begegnen als Melvilles Zeitgenossen. Die damaligen Abwehrreflexe angesichts der Inkommensurabilität dieses bahnbrechenden Romans werden durch die im 20. Jahrhundert angesammelte Erfahrung gemildert, zu welch verschlungenen Erkundungsreisen in neue Kontinente von Lebensverhältnissen, Sprache und Phantasie der moderne Roman aufzubrechen fähig war.
   Führt man sich etwa die Sprach- und Stilvielfalt von Joyces Ulysses vor Augen, so wirkt das Spiel, das Melville in Moby-Dick mit literarischen Stilen und Formen, aber auch mit aus wissenschaftlichen oder dokumentarischen Quellen gewonnenem Material entfesselt hat, längst nicht mehr so befremdlich, wie es vor hundertfünfzig Jahren der Fall gewesen sein muß. In dieser Fluchtlinie erscheint es sogar konsequent, daß die Wiederentdeckung von Moby-Dick – drei Jahrzehnte nach Melvilles Tod am 28. September 1891 – zu einer Zeit einsetzte, als aus dem Laboratorium des modernen Romans gerade neue Sprachformen, Erzähltechniken und Kompositionsweisen hervorsprudelten.
   Seiner Zeit voraus und modern nicht nur im Sinne des literarischen 20. Jahrhunderts war Moby-Dick in mehr als einer Hinsicht. Es beschreibt nur eine der sprachlichen Seiten dieser Modernität, daß Melville, der unter erheblichem Zeit- und Geldmangel in achtzehn Monaten aus dem Nucleus einer an die früheren Erfolge anknüpfenden Abenteuererzählung diesen vielschichtigen Romankosmos schuf, dabei seine rastlos gesammelten Lesefrüchte aus der Weltliteratur – von der King-James-Version der Bibel über die Prosa Smollets oder Carlyles bis hin zu Shakespeares Blankversen und der Sprachalchimie eines Jean Paul – als Fermente seiner Sprachkraft benutzte. Das ästhetische Spiel mit den von der Weltliteratur gebotenen Sprachmöglichkeiten war in Moby-Dick aber keineswegs nur ein formaler Modernismus. Vielmehr hat Melville, der wie viele große Schriftsteller literarisch ein enthusiastischer Autodidakt gewesen ist, die überall bereitliegenden Sprach- und Erzählformen gewissermaßen als Sonden verwendet, um eine vorher so noch nie dargestellte Welt bis in ihre keineswegs nur ozeanischen Tiefen zu erforschen.

Amerika und die Natur
   Denn was ist es, was die in Moby-Dick erkundete Welt so faszinierend, aber für Melvilles Zeitgenossen auch so befremdlich gemacht hat? Jedenfalls nicht nur der Versuch, auf damals romanübliche Ingredienzen wie eine Liebesgeschichte oder auch ein versöhnliches Bild von den Wechselfällen des menschlichen Lebens zu verzichten und die tragische Obsession Ahabs bis in ihre letzten Abgründe zu verfolgen: jenes Kapitäns Ahab, den Melville zum ersten Steuermann Starbuck, seinem einzigen Antagonisten an Bord der Pequod, einmal sagen läßt: „Sprich du mir nicht von Gotteslästerung, Mann; ich würde selbst die Sonne schlagen, wenn sie mich beleidigt.“
   Es gibt in Moby-Dick mehr als diese eine Spur, daß Ahab mit der Hybris des im Grunde „gottlosen, gottgleichen Mannes“ die beanspruchte absolute Macht über die Schöpfungswelt mit der Jagd auf Moby Dick auch gegen die sich widersetzende Natur durchsetzen will. Dieses schon für sich atemberaubende Thema eines wütenden Krieges gegen die Natur ist von Melville außerdem in ein Geflecht weiterer Motive verwoben, die nicht allein mit den Geheimnissen des Walfangs, sondern auch mit dem Selbstverständnis der Vereinigten Staaten von Amerika zu tun haben. Von ihrer Gesellschaft gibt die zu ihrer mehrjährigen Reise auslaufende Pequod ein Abbild – so wie das Schiff ja in der Literatur ein alter Topos für solche komplexen Gebilde ist. Zwar fehlt in Moby-Dick eine Hälfte dieser Gesellschaft völlig, nämlich die weibliche. Doch gibt die – nach einem von puritanischen Siedlern ausgerotteten Indianerstamm benannte – Pequod sehr genau die ethnische Hierarchie im amerikanischen melting pot wieder.
   Ebenso wie die Schiffseigner Bildag und Peleg sind Kapitän Ahab, die drei Steuerleute Starbuck, Stubb und Flask und übrigens auch der Erzähler Ismael puritanische Neuengland-Weiße. Von den drei ihnen untergeordneten Harpunieren ist Tashtego „ein reinrassiger Indianer“, der riesige Dagoo ein Schwarzer, während Queequeg, der unter seinen Tätowierungen nahezu unsichtbar ist, aus der Südsee stammt. Dazu kommt, in Gestalt von Fedallah und den Malaien, die Ahab heimlich an Bord gebracht hat, noch die asiatische Komponente; und ähnlich vielfältig präsentiert sich das bunte Gemisch der übrigen Matrosen. Diese „Konföderierten eines Kiels“ müssen bei einem Vorhaben zusammenwirken, das nicht ihrer gewohnten Aufgabe entspricht, die Fässer im Laderaum mit Walöl zu füllen, sondern vor allem Ahabs wahnwitziger idée fixe dient. Wie es Ahab bei einem seiner ersten Auftritte im Roman – nach über zweihundert Seiten – gelingt, die Besatzung trotz Starbucks Einwänden auf die Jagd nach dem weißen Wal einzuschwören, ist geradezu ein Sinnbild für die immer wieder zu lösende Aufgabe der USA – und das „E pluribus unum“ in ihrem Wappen –, die vielen auf das selbst begründete Projekt zu einigen. Aber dieses 36. Kapitel, „Das Achterdeck“, zeigt gleichzeitig, daß dabei auch politische Verführung im Spiel bleibt, die ebenso in den Strudel gefährlicher Obsessionen ziehen kann. Ahabs Mittel auf dem Achterdeck sind zwei wesentliche Elemente der amerikanischen Gesellschaft: Rhetorik und Geld. Rhetorik ist ein politisches Mittel der Demokratie und Geld das Antriebsmittel der Wirtschaft. Ahab hämmert der Crew nicht nur rhetorisch ein, daß Moby Dick der Inbegriff des Bösen ist, das es zu vernichten gilt, sondern nagelt auch eine Golddublone für den an den Mast, der den weißen Wal zuerst sichtet.
   Die Pequod ist ein Amerika en miniature, auf sich allein gestellt, von Ozeanen umgeben und wie ein Projektil in diesem Welt-Raum das elementarste amerikanische Ziel verfolgend: Raum und Natur zu beherrschen. Ahabs blinder Zorn auf den weißen Wal, die dämonisierte Gestalt der „stummen“ Natur, treibt dieses Ziel nur so weit auf die Spitze, sich sogar für ihren Widerstand zu rächen. Wie sehr Melville versucht hat, dieses hybride Projekt auf die USA zu beziehen, so daß nicht nur eine amerikanisch-demokratische Variante zu Shakespeares großen Dramen entstehen würde, sondern auch ein moderner Roman über die Gesellschaft in dem der Zeit vorauseilenden Sinn, ihre inneren Strukturen und Potenziale zu reflektieren, tritt immer wieder zutage.
   So ruft der Erzähler Ismael etwa am Schluß des 26. Kapitels einmal vorsorglich den „Geist der Gleichheit“ und den „großen, demokratischen Gott“ gegen mögliche Kritiker zu Hilfe, weil er sich schließlich nicht gescheut habe, „auch gemeinen Seeleuten und Abtrünnigen und Verstossenen edle, wenn auch dunkle Eigenschaften zuzuschreiben“. An dieser Stelle geht es gar nicht einmal so sehr um Ahab, sondern die Mannschaft der Pequod und vor allem um Starbuck, von dem es heißt, sein außerordentlicher Mut auf See habe nur einem nicht standhalten können, nämlich „jenen schrecklicheren, weil inneren Schrecken (...), welche bisweilen von der gefurchten Stirne eines mächtigen, vor Wut rasenden Mannes drohen“. Das heißt nichts anderes, als daß Starbuck versäumt habe, Ahabs profanen Kreuzzug gegen die Natur zu stoppen: durch einen Aufstand oder sogar Tyrannenmord, der diese Diktatur des Wahnwitzes beendet hätte.

Die Walfang-Industrie
   Ahabs Tyrannei kann sich – anders, als es in den politischen Fundamenten des „Landes der Freien“ eigentlich angelegt ist – ungehindert entfalten und die Pequod in den Untergang reißen; wobei ja auch ihre Besatzung – wie die USA selbst – aus „Abtrünnigen und Verstossenen“ verschiedenster Herkunft besteht, um deren „demokratische Würde“ es unter anderem in Moby-Dick geht. In diesem hellsichtigen Roman von einer der möglichen Tragödien der Demokratie hat Melville offenbar schon geahnt, daß auch die Demokratie in Amerika einmal vor dem Phänomen der Tyrannei – und sogar des Tyrannenmords – stehen könnte. Solche Konstellationen, die wenige Jahre vor dem Schock des Civil War – und am Ende der blutigen Kolonisierungsgeschichte Amerikas – an der politischen Unschuld des Projekts USA rüttelten, mögen dazu beigetragen haben, daß Moby-Dick zu seiner Entstehungszeit als rätselhaft galt – oder auch lieber nicht allzu genau verstanden wurde.
   Doch alle politischen oder philosophischen Konstellationen, mit denen Melvilles Phantasie in diesem als Instrument der Welterkundung verstandenen Roman spielt, lösen sich niemals wirklich von dem eigentlichen Schwerpunkt seiner Konstruktion ab: von dem Wal, der bis zur kleinsten Faser seiner Schwanzflossen viviseziert wird, sowie von dem Geschäft seiner Jäger. Melvilles Besessenheit, diese Welt mit allen literarischen Mitteln zu durchdringen, kann fast mit der idée fixe von Ahab konkurrieren. Die Streifzüge dieser Phantasie – von der einleitenden Zitatsammlung eines „Unter-Unterbibliothekars“ aus Büchern über den Wal bis zu Kapiteln über „Cetologie“, die Anatomie oder die „ungeheuerlichen Zerrbilder“ vom Wal – bleiben mit ihren ständigen Abschweifungen und Impromptus aber stets auf einem hartnäckigen Kurs des Realismus. Auch in dieser Fluchtlinie zeichnet sich in Moby-Dick wiederum eine erst im folgenden Jahrhundert hervortretende Romanform ab: jene Romane, die wie Frank Norris’ The Octopus oder Upton Sinclairs The Jungle auch die Welt der großen Industrien darzustellen begannen.
   Als Moby-Dick erschien, war der Walfang die drittgrößte Exportindustrie der USA. Es gibt kaum einen Aspekt der industriellen Verwertung des Wals, den Melville dort nicht behandelt hätte – von der Geschichte des Walfangs sowie den Lebensbedingungen der Wale und ihrer Jäger ganz zu schweigen. Nur die im engeren Sinn ökonomische Seite dieser Industrie ist allenfalls am Rande berührt. Doch in den scheinbar immer wieder von der eigentlichen Erzählung abschweifenden Kapiteln vor allem über den Pottwal als „Rohstoff“, die Techniken der Jagd oder die Verarbeitung in den Tranöfen an Bord entsteht das Bild von einer „der erfolgreichsten Maschinen“ im Kampf mit Raum und Natur, die – wie Charles Olson schrieb – „die Amerikaner bis zu jener Zeit perfektioniert hatten – das Walfangschiff“.
   Im Jahre 1851 stand diese Maschine allerdings kurz davor, von weit mächtigeren abgelöst zu werden, die bis heute die Lebensverhältnisse nicht nur der USA bestimmen: die Fördertürme des Erdöls. Bis 1859, als das Petroleum sehr schnell zu einem der wichtigsten Grundstoffe der modernen Industriegesellschaften wurde, hatte das Walöl lange Zeit dem beträchtlichen Fett- und Ölmangel in der Neuen Welt abgeholfen, aber in Europa und Amerika auch für Beleuchtung gesorgt – und, wie Melville mit einem kleinen, in der englischen Erstausgabe jedoch wegzensierten „Postskriptum“ spöttisch anmerkte, in der Alten Welt auch dazu gedient, die „königlichen Häupter“ bei ihrer Salbung einzuölen wie einen „Kopf Salat“.
   Die moderne Energie des Petroleums, die in der industriellen Zivilisation zuerst das künstliche Licht heller leuchten ließ und dann vor allem auch ihre Maschinenwelt anzutreiben begann, drängte den Walfang sehr schnell in eine Randexistenz zurück. So ist Melvilles Perspektive in Moby-Dick auf mehrfache Weise höchst anachronistisch: auf dem Höhepunkt der amerikanischen Walfangindustrie, die damals über 80 Prozent der weltweiten Kapazitäten stellte, hat er an Ahabs in den Untergang rasendem Unternehmen gleichzeitig den Niedergang dieser Industrie sowie die Gefahren durch die amerikanische Versuchung vorweggenommen, mit perfektionierten Maschinen der Natur immer erbarmungsloser auf den Leib zu rücken: ein Vorblick auf die Aporien der industriellen Moderne. Umgekehrt wird in Moby-Dick aber an dem schon bald veralteten und geradezu archaisch wirkenden Walfang mit einer Erzähltechnik experimentiert, die dem noch phantastisch anmutenden Spektrum von Kräften, Konflikten und Katastrophen in der heraufziehenden Welt bereits gerecht zu werden suchte: ein Vorgriff auf die literarische Moderne.

Übersetzungswege
   Als Roman ist Moby-Dick ein Provisorium, und Melville selbst hat dafür das oft zitierte Stichwort gegeben, als er mit dem Stoßseufzer „Ach Zeit, Kraft, Geld und Geduld“ schrieb: „Mein ganzes Buch ist nur ein Entwurf – nein, nur der Entwurf zu einem Entwurf.“ Die Spuren des Provisorischen, zum Teil auch durch den Zeitdruck bedingt, unter dem er die in achtzehn Monaten mehrmals veränderte Konzeption auszuführen suchte, lassen sich bis in kompositorisch und sprachlich ungefüge Details verfolgen. Manche grammatischen Fehler und Eigentümlichkeiten im Satzbau, aber auch Ungereimtheiten der Komposition gingen allerdings wiederum auf eine Flut von Satzfehlern – in der amerikanischen Erstausgabe – oder Eingriffe des Lektors – in der englischen – zurück, der Melvilles um zeitgenössische Erwartungen ziemlich unbekümmerte Prosa häufig entschärfte. Weil das Manuskript verloren ging, wurde der Roman so später auch zu einem textphilologisch schwierigen Fall.
   Für die in den zwanziger Jahren einsetzende Geschichte der deutschsprachigen Übersetzungen von Moby-Dick ist es eigentlich ein Glücksfall, daß jetzt zwei höchst verschiedene Übersetzungen erschienen sind. Beide fußen zwar auf der seit 1988 vorliegenden soliden Northwestern-Newberry Edition, lassen aber erkennen, welche Spielräume der Roman auch so noch für übersetzerische Strategien bietet. Die Übersetzung von Matthias Jendis eröffnet bei Hanser eine Edition ausgewählter Werke von Melville, die schon in den neunziger Jahren im Gespräch war, aber offenbar einige Jahre auf Eis gelegen hatte. Auf eine Initiative von Paul Ingendaay, Hermann Wallmann und Norbert Wehr in Melvilles 100. Todesjahr zurückgehend ist geplant, nach Moby-Dick unter anderem den Roman Pierre sowie Melvilles Briefe herauszubringen, deren neue Übersetzungen schon seit Jahren abgeschlossen sind.
   Reibungslos ist dieses Projekt nicht gerade verlaufen. Das zeigt sich schon daran, daß jetzt Daniel Göske, ein Experte für Melville und seine Übersetzungsgeschichte, als Herausgeber fungiert, nachdem sich die einstigen Initiatoren enttäuscht zurückgezogen hatten, als Mitte der neunziger Jahre beim Verlag plötzlich jedes Interesse geschwunden schien. Aber vor allem ist bei Hanser jetzt nicht die eigentlich geplante und 1993 fertiggestellte Übertragung Friedhelm Rathjens erschienen, sondern die von Matthias Jendis. Entstanden ist sie, weil Rathjens Übersetzung auf Einwände gestoßen war und Jendis sie zuerst eigentlich nur überarbeiten sollte. Doch als das Ergebnis nicht mehr Rathjens Maßstäben entsprach und er sich aus dem Projekt zurückzog, ist Jendis einer eigenen Übersetzungsstrategie gefolgt.
   Worin sich diese Übersetzungen unterscheiden, läßt sich jetzt nachprüfen, weil in der Zeitschrift Schreibheft zumindest die Kapitel 24 bis 52 von Rathjens Übersetzung abgedruckt sind, begleitet unter anderem von einem Text, in dem Rathjen die Methode seiner an Moby-Dick geleisteten „Fährendienste“ erläutert hat. Für das heutige Verständnis der literarischen Eigentümlichkeiten Melvilles ist es recht aufschlußreich, daß zwei verschiedene Wege denkbar sind, den Roman zu übersetzen. Rathjen setzt auf einen Purismus gegenüber dem Originaltext, der die „einzige Richtschnur“ beim Übersetzen sei – und dieser Purismus führt ihn unter anderem zu folgender Konsequenz: auch „das, was an einemText schlecht oder gar falsch ist, muß der Übersetzer richtig schlecht und richtig falsch replizieren“. Rathjen hat also den Text mit allen Mitteln in seiner Ursprünglichkeit sichern wollen, unbekümmert um spätere Konventionen von Sprache, Semantik, Syntax oder Stil, so daß gerade das historisch Fremde an Moby-Dick in voller Schärfe zutage treten könne.
   Die Vorstellung von einem Originaltext, der sich in seiner ursprünglichen Form auch noch getreu übersetzen läßt, ist natürlich eine Mystifikation – schon allein, wenn man im Fall von Moby-Dick bedenkt, daß das Manuskript verschollen ist und der Quellentext auf den Konjekturen einer Edition von 1988 beruht. Mit seinem Purismus erreicht Rathjen allenfalls eines: Moby-Dick in eine Textversion zu übersetzen, die den Vorstellungen im späten 20. Jahrhundert von Melvilles literarischer Sprache des Jahres 1851 entspricht – und das ist, bei aller Bemühung des Übersetzers, keineswegs die ursprüngliche Textgestalt. Es ist aber paradox, daß darin auch ein Verdienst von Rathjens Übersetzung liegt. Mit ihrer historisierenden Sprachphantasie voller altertümelnder Wendungen und sperriger Satzbauten zeigt sie, wie sich das dem 19. Jahrhundert zugewandte Gesicht Melvilles aus heutiger Sicht literarisch darstellt.
   Nur ist diese Seite lediglich eine von Melvilles Doppelgesicht, das gerade mit Moby-Dick eben auch mindestens ein halbes Jahrhundert weit in die Moderne vorausblickt. Soweit sich das an den im Schreibheft publizierten Kapiteln von Rathjens Übersetzung beurteilen läßt, verschwindet diese moderne Seite von Melville fast völlig aus Rathjens historisierender Übersetzung. Verräterisch – und geradezu unverzeihlich – ist in dieser Hinsicht Rathjens aberwitzige Behauptung, dieser Roman sei „die literarische Wirrnis schlechthin“. Sie spricht dafür, daß ihm bei seiner sklavisch befolgten Übersetzungsmethode historisierenden Verfremdens entgangen ist, daß Melvilles scheinbar verwirrendes Spiel mit Sprachformen und Sprechweisen dem Versuch entsprang, den Roman näher an die zu ahnenden Bedingungen einer modernen USA heranzurücken und ihn in ihrem Spektrum sprachlicher und literarischer, aber auch politischer und industrieller Realitäten zu verankern.
   In der Übersetzung von Matthias Jendis kommt diese Seite von Moby-Dick weit eindrucksvoller zum Vorschein – ganz abgesehen davon, daß die Hanser-Ausgabe mit ihrem ausgezeichneten Kommentarteil vieles einlöst, was man sich heute von einer deutschsprachigen Moby-Dick- Edition nur wünschen kann, um der überragenden Bedeutung Melvilles als eines ersten „reflexiven“ Schriftstellers der amerikanischen Literatur, ihres solitären Urahns von Nachfahren bis zu Don DeLillo, gerecht zu werden.
   Jendis hat in seiner Übersetzung weder die Sprachzüge des 19. Jahrhunderts noch das Sperrige von Melvilles stilistischen Anstrengungen gänzlich ausgelöscht; aber ebenso wenig sind – wie bei Rathjen – die oft geradezu eleganten Satzrhythmen geopfert, mit denen Melville diesen immer wieder in gewagte Arabesken und Sprachlabyrinthe zu zerfallen drohenden Roman in einem ungeheuren Kraftakt zusammengehalten hat. Die hervorragende Lesbarkeit von Jendis’ Übersetzung liefert keineswegs schon Munition für den Einwand, auf diese Weise die sprachlichen Verwerfungen in Melvilles literarischem Provisorium nachträglich geglättet zu haben. Es mag – wie bei Dialekten und Slangs – manche Bereiche geben, in denen Jendis der Sprachalchimie Melvilles nicht radikal genug gefolgt ist; und ebenso gibt es immer wieder Stellen, wo etwa die lexikalische Phantasie von Rathjen weit mehr als nur interessante Varianten zu bieten hat. Aber das, wodurch sich Melville mit Moby-Dick seine überragende Stellung unter den amerikanischen Schriftstellern des 19. Jahrhunderts gesichert hat, zeichnet sich in der Übersetzung von Jendis am klarsten ab: daß Melville in der noch traditionellen Sprach- und Formenwelt der amerikanischen Literatur zu einer Zeit, als sich der schnelle Übergang der USA zur Weltmacht der Moderne ankündigte, begonnen hat, aus allen weltliterarischen Quellen sich speisende Sprachformen und Formensprachen des Romans durchzuspielen, die brauchbar sein könnten, um die Polyphonien, die Energien und die Gefahren des angebrochenen Zeitalters zu erfassen.

in: Neue Zürcher Zeitung, 13./14. 10. 2001

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