Schreibheft. Zeitschrift für Literatur

Elke Biesel
Vom Umgang mit der „Monstrosität“
Streit um eine Melville-Übersetzung

„In manchen Fällen ist dem Leser die Übersetzung wichtig, in anderen nicht so sehr (und manche Leute kümmert sie nie).“ Eine lakonische Feststellung, die der Kritiker Paul Ingendaay da trifft, aber die meisten Leser werden sich ertappt fühlen. Sie suchen zwischen den Buchdeckeln nach der Geschichte, der Verzückung, dem Grusel und machen sich kaum Gedanken darüber, daß sie ihr Lesevergnügen häufig der Übertragungsarbeit eines Übersetzers verdanken.
   „Es ist derselbe Text“, kommentiert der zweisprachige Autor Georges-Arthur Goldschmidt die eigene Übersetzung seiner jüngst erschienenen Biografie. „Dennoch wird er ganz anders, da die Zielsprache eine ganz andere ist.“ In dieser Arbeit liege immer ein Rätsel und ein Risiko. Wie also übersetzen? Eine alte philologische Faustregel lautet: so nah am Text wie möglich und so frei wie nötig. Doch jeder, der in frühen Studienzeiten einmal veranlaßt wurde, deutsche Klassiker (bevorzugt Thomas Mann) in eine Fremdsprache zu kleiden, der weiß, daß dieser Hinweis nichts als eine Grobheit ist. Weise klingt da ein Satz des professionellen Lesers Ingendaay: „Ich glaube nicht mehr an die eine Übersetzung und entsprechend auch nicht an die allein selig machene Übersetzungsmethode.“ Nachzulesen ist dieser Satz in der jüngsten Ausgabe der Literaturzeitschrift Schreibheft – und er wirkt wie ein Kommentar zu einer Auseinandersetzung, die eigentlich gar keine sein will.
   Für eine letztlich „uninteressante Frage“ hält Wolfgang Matz, Lektor im Hanser-Verlag, den Vorgang, in dessen Mittelpunkt ein literarischer Klassiker steht: Moby-Dick von Herman Melville (1819-1891). Sowohl bei Hanser als auch im aktuellen Schreibheft werden neue Übersetzungen des Buches erscheinen: die eine von Matthias Jendis gefertigt (für Hanser), die andere von Friedhelm Rathjen (erscheint in Auszügen). Auch Rathjen, geschult an Joyce, Beckett und Arno Schmidt, hatte seine Melville-Übersetzung für den Hanser-Verlag gemacht – vor gut acht Jahren im Zuge einer Werkausgabe, die die Schreibheft-Redaktion angeregt hatte und auch als Herausgeber betreuen wollte. Doch Rathjens Melville-Version stieß im Verlag auf Kritik.
   Die einzelnen Punkte will man bei Hanser heute nicht mehr ausführen, aber indirekt sind sie aus Rathjens Antwort im neuen Schreibheft zu erschließen: zu starke Orientierung an der englischen Syntax und „sklavisches Kleben am Original seien ihm vorgeworfen worden, heißt es da, zu viele Manierismen. Zwei Jahre lang, so Matz, habe man sich immer wieder zu Arbeitsgesprächen getroffen, doch die Überarbeitung der Übersetzung, für die damals Matthias Jendis verantwortlich war, ging Rathjen zu weit. Der Verlag aber wollte Rathjens Originalentwurf nicht drucken. „Wir waren schließlich in einer Sackgasse und haben uns getrennt“, sagt Matz. Vom Zwang zum Kompromiß befreit, fertigte Matthias Jendis eine eigene Übersetzung an, die von einem neuen Herausgeber, Daniel Göske, betreut wurde. Zwei Übersetzungen – doch wer wollte entscheiden, welche Melville gerechter wird?
   Ein Beispiel aus dem Kapitel 42 („Die Weiße / Das Weiß des Wals“) verdeutlicht die Unterschiede. Bei Rathjen heißt es: „Die unergründliche Wesenheit ist’s, welche den Gedanken der Weiße, sobald von freundlicheren Assoziationen geschieden und mit irgendeinem in sich fürchterlichen Gegenstande vermittelt, dazu veranlaßt, jene Schrecknis bis zu den äußersten Grenzen zu steigern.“ Jendis übersetzt: „Diese Ungreifbare ist es, was dazu führt, daß der Gedanke an die Farbe Weiß, sobald er freundlicherer Verbindungen entkleidet ist und mit etwas in sich Schrecklichem gepaart wird, diesen Schrecken bis zum Äußersten steigert.“
   Auf gar keinen Fall, schreibt Friedhelm Rathjen, habe der Übersetzer eines literarischen Textes interpretierend, verdeutlichend, richtigstellend oder korrigierend in den Text einzugreifen. Moby-Dick sei im Original ein „absolutes Unding, eine Monstrosität, ein Bastard“, ein „Meisterwerk der manieristischen Exzesse“. Also könne auch die Übersetzung nichts anderes sein. Daß seine Übersetzungspraxis „zu einer gewissen Erschwerung der Lektüre“ führen kann, nimmt Rathjen in Kauf.
   Manches an dieser Methode hält Ingendaay für „überflüssige Marotte“, andererseits aber habe das laute Lesen ihm „Ohren und Augen für die Wucht und Klarheit des Textes“ geöffnet. Und so wird die Frage „Welcher Melville ist der beste?“ wohl offen bleiben bis zur nächsten Übersetzung.

in: Kölner Stadtanzeiger, 2. 10. 2001

zurück zur Liste