Schreibheft. Zeitschrift für Literatur

Bruno Preisendörfer
Der weiße Wal schwimmt wieder
Zwei neue Übersetzungen eines monströsen Sprachkunstwerks:
Moby-Dick von Herman Melville

Tarzan und Graf Dracula, der Baron Münchhausen, Lolita, Frankenstein und Don Quixote mit seiner Rosinante gehören in die Reihe jener Auserwählten unter den literarischen Gestalten, die berühmter sind als ihre Erfinder, die ihren Schöpfern über den Kopf gewachsen und zu modernen Mythen geworden sind. Auch der weiße Wal zählt zu diesen Romanfiguren. „Lolita ist berühmt, nicht ich“, hat Nabokov einmal bemerkt, Herman Melville könnte heute das gleiche über sich und Moby Dick sagen. Zu seinen Lebzeiten allerdings ahnte er nichts von dem ungeheuren Ruhm, der dieses Untier und das Buch, das seinen Namen trägt, kanonisiert hat.
   Als Melville im September 1891 mit 72 Jahren starb, war er ein vergessener Schriftsteller, der nach rasch verloderter Anfängerberühmtheit eine Dekade lang wie besessen gearbeitet und dann an der Unwiederholbarkeit seiner ersten Erfolge verzweifelnd aufgegeben hat. Bei Melvilles Tod lag sein letzter Roman, The Confidence-Man, annähernd 35 Jahre zurück, der gewaltige Moby-Dick; or, The Whale, wie es auf dem Deckblatt der ersten New Yorker Ausgabe heißt, sogar 40 Jahre. In seiner letzten Lebenssphase hat Melville hin und wieder einen Gedichtband im Privatdruck herausgebracht, und nach seinem Tod fand sich in einer Schublade das unvollendete Manuskript einer Geschichte über den Matrosen Billy Budd, das von der Witwe beiseite geräumt und erst 1924 im Rahmen der ersten Londoner Werkausgabe veröffentlicht wurde.
   Melville selbst hat sein literarisches Schicksal früh und präzise vorausgesagt. In einem Brief an den bis zur Zudringlichkeit verehrten Nathaniel Hawthorne schrieb er: „Lieber Freund, ich habe so eine Ahnung – ich werde schließlich verschlissen sein und zugrunde gehen wie eine alte Muskatnuß-Reibe, die durch ständigen Gebrauch in Stücke geht.“ Und: „Was kommt eigentlich dabei heraus, wenn man an einer so kurzlebigen Sache wie einem modernen Buch so intensiv arbeitet? Und wenn ich in diesem Jahrhundert die Evangelien schriebe, ich würde doch im Rinnstein sterben.“
   Im Rinnstein ist Melville nicht gestorben. Aber nach seinem Abschied aus dem ungeliebten Dienst eines Zollinspektors im Hafen von New York, den er nach dem Scheitern seiner literarischen Laufbahn hatte antreten müssen, war der leidenschaftliche Leser und Sammler auf die 25 Dollar angewiesen, die ihm seine Frau pro Monat aussetzte, damit er Bücher und Kupferstiche kaufen konnte.
   Was aber die Evangelien angeht, an die er dachte, als er Hawthorne von der Arbeit am „Wal“ erzählte, so ist diese Assoziation weder willkürlich noch anmaßend. Wenn überhaupt ein Roman den Anspruch erheben darf, eine Art Evangelium des amerikanischen 19. Jahrhunderts zu sein, dann Moby-Dick. Allerdings ist dieser mythische Abenteuerroman nicht auf die Evangelien des Neuen, sondern die Bücher des Alten Testaments bezogen, allen voran Das Buch Hiob und Das Buch Jona, in dem erzählt wird, wie ein von Jahwe geschickter Wal den streikenden Propheten verschluckt und dann, ebenfalls auf Gottes Befehl, den unverdauten Menschenhappen wieder an Land spuckt, damit Jona seinen Job macht und Ninive bekehrt.
   Wie Jona ist auch Melvilles einbeiniger Kapitän Ahab ein Gotteshaderer. Aber der Wal, mit dem er es zu tun hat, ist weiß, weiß wie der Teufel, wie Ahab fluchen könnte, denn für ihn ist dieser Albino-Wal, der ihm das Bein abgebissen hat, die Verkörperung des Bösen. Es muß gejagt und zur Strecke gebracht werden. Nicht eher will Ahab ruhen, als bis der Leviathan tot am Rumpf seines Schiffes Pequod schaukelt und der riesige weiße Leib nach und nach in den Trankesseln zu Öl verkocht ist. Doch fragt sich mancher unter der Besatzung, ob nicht Moby Dick, sondern Ahab das Ungeheuer ist. Zum Schluß versinken Ahab und sein Schiff, und mit ihm die gesamte Mannschaft, mit Ausnahme des Erzählers, der seinen Bericht von Ausfahrt und Untergang der Pequod mit einem der berühmtesten Anfangssätze der Weltliteratur beginnt: „Call me Ismael.“
   Moby Dick, der weiße Wal, ist eine Berühmtheit, zu der auch Leuten etwas einfällt, die mit dem Namen Herman Melville nichts anzufangen wissen. Moby-Dick, das Buch, ist fast eine unbekannte Größe. Mit dem Don Quixote teilt es das Schicksal eines zum Jugendbuch verstümmelten Klassikers, den man ausgeschlachtet und solange bearbeitet hat, bis nur das Skelett der Abenteuerhandlung übrig blieb. Diesem Ungeheuer von einem Buch erging es wie den Ungeheuern des Meeres, um die es kreist: Seine erhabe Wildheit wurde gezähmt, seine Freiheit beschnitten, seine Wucht gemildert. Der Moby-Dick, den Melville geschrieben hat, ist nicht das leicht zu lesende Buch, als das es in den Jugendbibliotheken steht. Wer sich an dieses monströse Sprachkunstwerk, das Melville in explosionsartigen Anfällen geschrieben hat, heranwagt, muß sich auf einiges gefaßt machen.
   Auch das, was die Übersetzer mit Melvilles Sprache angestellt haben, verharmloste das Romanmonster Moby-Dick zu so etwas wie einem dressierten Free Willy der Unterhaltungsliteratur. Aus diesem Grund haben vor zehn Jahren, veranlaßt durch Melvilles hundertsten Todestag, der Übersetzer Friedhelm Rathjen, einer der strengsten Diener fremder Sprachen in Deutschland, und Norbert Wehr von der gar nicht genug zu preisenden Zeitschrift Schreibheft einen fulminanten Vorschlag gemacht, wie Moby-Dick übersetzt und doch in seiner Wildfremdheit bewahrt werden könnte.
   Dieser Vorstoß führte schließlich zu der Bereitschaft des Hanser-Verlages, eine Neuübersetzung des Romans im Rahmen einer Werkausgabe in Einzelbänden in seine Obhut zu nehmen. Nach langen Verwicklungen und nach einer noch längeren Phase, in der das Projekt abgetakelt in Hansers Hafen liegen blieb, zogen sich Paul Ingendaay, Hermann Wallmann und Norbert Wehr als Herausgeber zurück. Hanser bestallte als neuen Herausgeber den Melville-Forscher Daniel Göske, der wiederum den Übersetzer Matthias Jendis mit ins Boot nahm, um die bereits abgeschlossene Moby-Dick-Übersetzung Friedhelm Rathjens zu redigieren.
   Nun stellte sich aber heraus, daß Jendis und Rathjen zwar am selben Tau zogen, aber in verschiedene Richtungen: Rathjen wollte die, wie er es ausdrückt, „oft ungelenke, in vielfacher Hinsicht inkonsistente, nach landläufigen Vorstellungen handwerklich völlig verkorkste Melvillesche Textur“ eben nicht in „einen einigermaßen homogenen, syntaktisch klaren, fast eleganten“ Duktus bringen. Das habe bereits die auf ihre Weise gelungene Übersetzung von Alice und Hans Seiffert geleistet, was eine Wiederholung dieser Leistung erübrige.
   Jendis und Göske wiederum beharrten gegenüber der bis ins Extreme getriebenen „Quelltext“-Treue Rathjens darauf, daß, wie Göske schreibt, „die häufig angemahnte oder beanspruchte Originaltreue einer literarischen Übersetzung, wenn sie nicht genau spezifiziert wird, immer eine naive und kurzschlüssige Vorstellung ist. Im Fall des Moby-Dick ist die Idee eines quasiheiligen Originals besonders absurd, denn weder Melvilles Manuskript noch die korrigierten Fahnenabzüge des Romans sind erhalten“, und außerdem, auch darauf weist Göske hin, weichen die New Yorker und die Londoner Erstausgaben in einigen nicht unwesentlichen Punkten voneinander ab.
   Das Ergebnis dieser übersetzerischen Differenzen ist nun zweifach nachlesbar: Einmal in der Übertragung des Romans durch Matthias Jendis, die bei Hanser erschienen ist und aus deren editorischer Notiz der Herausgeber Göske eben zitiert wurde. Und einmal in der neuen Ausgabe des Schreibhefts, in dem die Kapitel 24 bis 52 in Rathjens Fassung präsentiert werden, ergänzt durch hinreißend unnachgiebige „Öffentliche Erinnerungen und Bekenntnisse eines selbstgerechten Übersetzers“, wie der Text überschrieben ist, aus der die vorhin zitierte Charakterisierung der Melville’schen „Textur“ durch Rathjen stammt.
   An dieser Stelle hätte nun eigentlich ein Vergleich der beiden Übersetzungen anhand ausgewählter Passagen zu erfolgen. Aber bei einem Riesenbuch wie dem Moby-Dick ist die Auswahl kurzer Passagen hoffnungslos willkürlich. Ein Übersetzungsvergleich auf dieser Basis beweist gar nichts, oder nur das, was man von vornherein als bewiesen dargestellt sehen möchte. Beide Übersetzungen sind große Leistungen, die von Jendis die „lesbarere“, die von Rathjen die „originellere“.
   Beide Übersetzungen haben darüber hinaus ihre unangenehmen Seiten: Rathjens Nachbildung der wuchtigen Unbeholfenheiten Melvilles hat im Deutschen manchmal etwas Artifizielles, fast Affektiertes, was dem Original völlig fremd ist. In diesen Momenten führt fatalerweise gerade die Rigorosität der Treue zur Distanzierung vom „betreuten“ Text. Jendis wiederum neigt dazu, Melville zu „verbessern“, wie ein überkorrekter Deutschlehrer, der in Schüleraufsätzen die Wortwiederholungen rot unterkringelt. Außerdem hat man mitunter den Eindruck, daß Jendis bestimmte Sprachgesten nur deshalb macht, um sich den deutschen Moby-Dick von Rathjen, den er ursprünglich nur redigieren, nicht ersetzen sollte, vom Leib zu halten.
   Was die Hanser-Ausgabe betrifft, seien noch das instruktive Nachwort des Herausgebers und die ebenfalls hilfreichen Texterläuterungen erwähnt. Als die beiden nächsten Etappen der Werkausgabe sind der Roman Pierre und ein Band mit Briefen angekündigt. Wer jetzt schon Lust hat, Melville beim Schreiben über die Schulter zu blicken, sei auf die Reisetagebücher hingewiesen, die in diesem Jahr, eingedeutscht von Alexander Pechmann, bei der Achilla-Presse erschienen sind. Zu den beiden Übersetzungen des Moby-Dick läßt sich mit den Worten aus dem Epilog des Roman sagen: „The drama’s done.“ Mit Sicherheit hat es uns deutschen Lesern Melvilles Weltbuch ein gutes Stück nähergebracht.

in: Frankfurter Rundschau, 27. 11. 2001

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