Schreibheft. Zeitschrift für Literatur

Joachim Kalka
Als sei der gewaltige Nichtstuer der kunstvolle Werber
Von der Sehnsucht, der Natur zu gehorchen:
Herman Melvilles Moby-Dick in neuer deutscher Übersetzung

Es hat lange gedauert, bis die Welt bemerkt hat, was für ein Buch ihr da geschrieben worden ist. 1851 erschien es, lange Jahrzehnte lang blieb es weitgehend unbekannt und unverstanden. Knapp zwanzig Jahre nach dem Erscheinen von Melvilles Moby-Dick wurde ein anderes, auf andere Art großes Buch vom Meere veröffentlicht (eigentlich von Vorgängen „sous les mers“): Jules Vernes Zwanzigtausend Meilen unter dem Meer. Und in diesem Roman (1869) lesen wir auf den ersten Seiten, wie das wiederholte Auftauchen jenes geheimnisvollen und destruktiven Meeresungeheuers (das, wie wir wissen, sich als das Unterseeboot von Kapitän Nemo herausstellen wird) die Weltpresse, die gelehrten Gesellschaften und die Variétés beschäftigt. „Man sah in den Zeitungen ... all die imaginären und riesenhaften Wesen wieder erscheinen, vom weißen Wal, dem fürchterlichen Moby Dick der hyperboräischen Regionen, bis zu dem maßlosen Kraken, dessen Fangarme ein Schiff von fünfhundert Tonnen umfassen und in den Abgrund des Ozeans zerren können“, und kurz darauf werden noch einmal die Auslassungen der Sensationspresse mit Bezug auf „die Kraken, die Seeschlangen, die Moby Dicks und andere Hirngespinste delirierender Seeleute“ erwähnt. Die größte Blasphemie ist der Plural – „des serpents de mer, des Moby Dick“! Nein, „Moby Dick“ ist kein Gattungsbegriff, ist keine generische Bezeichnung für seltsame Meeresungeheuer, „Moby Dick“ ist ein Singular. Es handelt sich um einen der ganz großen Romane der Welt.
   Insbesondere natürlich um einen der großen Romane Amerikas. Neben Mark Twains Huckleberry Finn war dieses Buch in jener nicht enden wollenden Diskussion, welches denn nun „the great American novel“ sei, eigentlich immer der einzige wirklich ernstzunehmende Kandidat, bis Thomas Pynchon die Parameter verschob. Der große amerikanische Roman, in dem Neuengland in See sticht, um mit dem Walfang viel Geld zu verdienen und sich auf einer Fahrt auf Leben und Tod wiederfindet, bei der der weiße Wal, das große Andere, der Satan, die Natur selbst gejagt werden soll – und ein großer Traum, eines jener Bücher, die der oft töricht gebrauchten Kategorie „Psychodrama“ ein neues Leben geben könnten, ein Buch von Wasser und Wiedergeburt, von monströser phallischer Gewalt und Kastration, von Liebe und Haß und vom Tod. Ein von Särgen gerahmtes Buch: der Held bemerkt auf der ersten Seite, er müsse auf See, um seine Mißlaunigkeit zu kurieren, zu deren Symptomen es unter anderem gehört, daß er automatisch vor jeder Sarghandlung stehen bleibt – und beim Untergang des Schiffes mit Mann und Maus und mit dem großen Seevogel, den Tashtego noch mit seinem letzten Hammerhieb an die versinkende Mastspitze nagelt, rettet ihn der auf den Wellen treibende leere „lebensrettende Sarg“, den sein Kamerad Queequeg für sich angefertigt hatte. Ein finsteres, sinisteres, großartig befreiendes Buch: „Ich habe“, schreibt der Autor in einem berühmten Brief an Nathaniel Hawthorne, „ein sündhaftes Buch geschrieben und fühle mich fleckenlos wie das Lamm.“
   Der Moby-Dick ist mit der seltsamen „Heirat“ von Ishmael, dem auf See ausfahrenden Erzähler, und dem Südsee-Harpunier Queequeg und ihrer bis zum Untergang der „Pequod“ andauernden innigen Beziehung eine jener großen amerikanischen Liebesgeschichten von unschuldiger Homosexualität, wie sie die Cultural Studies für eine bemerkenswerte Reihe amerikanischer Romane des neunzehnten Jahrhunderts herauspräpariert haben. Doch beginnt Kapitel XXIV zwar damit, daß es heißt, „Sintemal Queequeg und ich nun richtig in dieses Walfanggeschäft eingestiegen sind ...“ – von nun an wird aber diese sentimentalische Liebesgeschichte in den Hintergrund treten und der riesige Schatten Kapitän Ahabs wird über das Deck fallen, auf das Schiff, auf die Weltmeere, und wenn es einen dunkelhäutigen Geliebten gibt, so ist es der geheimnisvolle Fedallah, der mit seinen parsischen Feueranbetern das Walfangboot des Kapitäns bemannt und vor der blutigen Harpunentaufe seinen Fluch oder seinen Segen über das Schmiedefeuer murmelt. Denn dieses große Melodrama, das sich nach seiner langen Ouvertüre an Land, wo spukhafte Vorzeichen drohend aufscheinen, und nach dem langen Warten, bis der geheimnisreiche Kapitän sich endlich einmal auf Deck zeigt, trotz aller komischen und idyllischen retardierenden Passagen und aller nautischen Akribie stetig bei Blitz und Donner und in ungeheuerlichen Stürmen und Wasserwirbeln steigert, ist auch eines der großen Bücher des Satanismus, neben dem Faust das wichtigste zwischen Milton und Dostojewski. Ein Buch, dessen vom Maul des Wals verkrüppelter Held bei der Taufe seiner magischen Harpune brüllt: Ego non baptizo te in nomine patris, sed in nomine diaboli! Als Ahab in dem großen sechsunddreißigsten Kapitel „Das Achterdeck“ (wo er die ekuadorianische Dublone als Lohn für den Ausguck, der ihm den weißen Wal zuerst meldet, an den Mast nagelt und alle Männer auf seinen wilden Kampf gegen Moby Dick einschwört) von seinem Offizier Starbuck zur Rede gestellt wird, ein unvernünftiges Tier aus Rachedurst wie einen menschlichen Todfeind zu jagen, sei nahezu Blasphemie – da folgt einer der großen exaltierten Ausbrüche des Kapitäns. Hinter der Maske dieses Tieres liegt etwas anderes, vielleicht liegt dort auch gar nichts mehr – aber: „Wenn der Mensch schlagen will, so schlage er durch die Maske! Wie kann der Häftling denn ins Freie, wenn er die Mauer nicht durchbricht? Für mich ist der weiße Wal die Mauer, dicht vor mich hingestellt ... Ich würde selbst die Sonne schlagen, wenn sie mich beleidigt.“
   Ahab ist ein titanischer, aber verrückter Wille, der mit einem jener erstaunlichen, jenseits der unfreiwilligen Komik bereits wieder unheimlichen Sätze Melvilles das Elsmfeuer anherrscht: „Inmitten des personifizierten Unpersönlichen steht hier eine Persönlichkeit!“ Nicht Carlyle, nicht Emerson, nicht Nietzsche haben – wie Newton Arvin bemerkt – die Ekstase des idealen Individualismus je mit größerem Pathos ausgedrückt. Das Buch gehört zu den Grenzformen der Erhabenheitsästhetik, die es gleichzeitig zerbricht. Und es ist von einer großartigen Widersprüchlichkeit – Ahab, der nicht mehr weiß, ob er gegen den grausamen Vatergott des Puritanismus kämpft oder gegen die ungeheure, ungerührte Natur, deren paradoxer Weiße sich alle Wahnvorstellungen einbeschreiben lassen; der Roman, der am Ende nicht mehr zu wissen scheint, wer das Ungeheuer ist: der wahnsinnige Seemann, der noch im Tode „aus dem Herzen der Hölle“ nach dem Wal sticht, oder das titanische Stück Meeresleben, spielerisch, heimtückisch, unbegreiflich.
   Das hat Züge einer im neunzehnten Jahrhundert endgültig untergehenden Form: der Allegorie. Melville hat in einem Brief an Sophia Hawthorne mit undurchdringlicher Höflichkeit bemerkt, erst seit dem Brief ihres Gatten sei ihm klar geworden, daß das Ganze seines Romans durch und durch allegorischen Charakter habe. Das ist ironisch. Er hat den so staunenswert sorgfältig geplanten und in seinen einzelnen Partien so raffiniert verknüpften Roman von Anfang an als großes allegorisches Kunstwerk angelegt, doch mit komplexem, uneindeutigem „vielfachem Schriftsinn“. Der Moby-Dick ist ein Weltbuch, und nicht umsonst ist die ganze Welt an Bord des Yankee-Schiffes „Pequod“ gegangen, Seeleute aus China und von den Azoren, aus Dänemark und Tahiti, Sizilien und Belfast, Frankreich und Malta sind an Bord, und die drei Harpuniere sind ein Indianer, ein Neger und ein Polynesier. Alle gehen sie mit dem amerikanischen Schiff unter. Bis auf den Erzähler, der das Buch Hiob zitiert: „Und ich allein bin entronnen, daß ich dir’s ansagte.“
   Das Singuläre des Romans liegt in der Verflechtung dieses grellen und profunden Mysterienspiels mit einer fast wissenschaftlichen Präzision der Metereologie, Zoologie, Soziologie, so daß es nicht ganz verwunderlich ist, wenn das Buch in manchen amerikanischen Bibliotheken des neunzehnten Jahrhunderts unter „Walfang“ stand. In barocker Einkleidung werden all diese Einzelheiten kunstreich verfremdet präsentiert, vor allem das biologische Detail des Romans wird oft humoristisch oder symbolisch aufgefaßt, aber alles ist von einer reich ausgeführten Genauigkeit, einer Welthaltigkeit und Welthaftigkeit, deren Dichte wirkt wie ein spezifischer Lösungsversuch des amerikanischen Idealismus für seine Anschauungsprobleme. Kürzlich hat Niels Werber virtuos die seltsamen Verknüpfungen des Moby-Dick mit jener politischen Reflexion vorgeführt, die sich von Hobbes bis Schmitt auf das metaphorische Bild des Leviathans konzentriert hat. Auch das ökonomische Substrat breitet der Roman in hinreißendem Detail von Gewinnanteilen und Schiffszwiebacksrationen aus; deutlich geschildert und für unsere Generation gewiß besonders eindrücklich wahrnehmbar ist ebenfalls der ökologische Kontext einer gierigen, Tiere schlachtenden, die Welt nach Beute durchstreifenden Industrie. Und die Naturbeute wird vom verrückten Helden des Unternehmens als bedrohliches Anderes, als zu vernichtender Feind phantasiert. Die Worte des braven Starbuck bleiben vergeblich, als der Wal davonzuschwimmen scheint: „Ach, Ahab! ... Noch ist es nicht zu spät, um abzulassen, selbst jetzt am dritten Tage nicht. Sieh nur, Moby Dick stellt dir nicht nach. Du bist’s, der ihm in deinem Wahne nachstellt!“
   Wie so viele berühmte und kanonische Bücher wird auch der Moby-Dick, der beides nunmehr schon lange ist, selten gelesen. Jetzt ist, würdige Feier der hundertfünfzigsten Wiederkehr des Erscheinungsjahres, eine neue Übersetzung erschienen – und als ihre Kritik, ihr weißer Schatten, gleich eine zweite, die sozusagen einmal die erste war und nun eine leidenschaftliche Gegenrechnung aufmacht. Beide Versuche scheinen mir, so sehr sie immer noch gegensätzlich sind, bedeutend. Wie einige andere große Bücher – der Don Quijote mag davon das größte darstellen – dürfte der Moby-Dick zwar ein Text sein, dem auch durch die unzulänglichen Übersetzungen der Vergangenheit, in welchen die meisten der Leser ihm zuerst begegnet sein werden, nicht wirklich zu schaden war. Die Wogen des Romans – wenn ich den berühmten Schlußsatz abwandeln darf – rollten weiter dahin, wie vor hundertundfünfzig Jahren. Doch war eine möglichst genaue und durchdachte Übersetzung natürlich ein großes Desiderat, das nun quasi doppelt und mit agonaler Dramatik eingelöst worden ist. Daß diese zwei Übersetzungen aufeinandertreffen, ist von besonderem Interesse, weil sie beide auf hohem Niveau noch einmal (in sich) die Auseinandersetzung mit dem Schleiermacherschen Postulat führen, das Fremde sei nicht dem Eigenen anzuverwandeln, sondern zu betonen.
   Matthias Jendis’ gelungene Übersetzung, die sich erstmals auf einen gesicherten Originaltext bezieht, stellt sich auf die Seite der Lesbarkeit – aber nicht in dem trivialen Sinne einer Nivellierung des Fremden. Sie geht sehr weit ins Idiosynkratische. Sie beeindruckt durch eine genaue Herauspräparierung der vielen Einzelformen und Sprachfelder, derer sich Melville bedient, der chronikalischen, theatralischen, juristischen, theologischen und so weiter; zu den Einzelheiten findet man noch einen wertvollen, über hundert Seiten langen Kommentaranhang von Daniel Göske, dem Herausgeber der Werkausgabe. Es ist hier so viel Sorgfalt auf das Detail verwendet worden, daß es nicht kleinlich wirken kann, wenn ich sage, daß vieles trotzdem noch unpräzise geblieben ist und einige wenige zusätzliche kritische Hinweise hersetze. Der durchgängige Bezug auf den von Melville so sehr verehrten Shakespeare scheint manchmal nicht erfaßt; ich beschränke mich auf ein einziges, mir besonders sinnfällig erscheinendes Beispiel: Die „blasted heath“ die sich gleich in Kapitel III auf dem Wirtshausschild abzuzeichnen scheint, ist ein Macbeth-Zitat und sollte wohl nicht als „verbrannte Heide“, sondern als die berühmte „dürre Heide“ der ersten Hexenbegegnung in Dorothea Tiecks Übersetzung wiedergegeben werden. – Die versteckten Blankverse Melvilles sind ein Problem eigener Art. In Kapitel CII wird (mit den für mich schönsten der heimlichen Verse) ein gigantisches Walskelett beschrieben, das auf einer der Arsakideninseln ruht und ganz von grünen Ranken überwachsen ist. Der tote Wal selbst scheint in seiner müßiggängerischen Ruhe der kunstreiche Weber der eigenen Vegetationshülle zu sein: „The mighty idler seemed the cunning weaver, / himself all woven over with the vines.“ Im Gegensatz zu anderen Stellen ist hier bei Jendis nichts von der Kadenz des Originals übriggeblieben; er schreibt einfach: „da schien es so, als sei der gewaltige Nichtstuer selbst jener kunstvolle Weber, über und über in Ranken verwoben ...“ Hier könnte etwa stehen – um es zu wagen und eine auch nicht vollkommen befriedigende, aber immerhin präzisere Version vorzuschlagen: „Der große Schläfer schien der kluge Weber, selbst gänzlich überwoben von dem Grün“. Doch all das kann eigentlich nur belegen, daß eine solche Arbeit niemals ganz an ihr Ziel kommen kann.
   Belle infedele, brutte fedele – Übersetzungen sind wie Frauen, will eine ungalante italienische Wendung wissen, entweder schön und untreu oder unschön und treu. Im alten Kampf der beiden Richtungen der Übersetzungsästhetik verkörpert die andere Übersetzung von Friedhelm Rathjen die Position der brutte fedele geradezu auftrumpfend. Er will der bruttezza eine neue Bedeutung verleihen, dem Original unter Verzicht auf eine eigen ausgeprägte Sprache unbedingt „replizierend“ folgen, er privilegiert das „Distanzbetonende“ zuungunsten des „Näheschaffenden“. Das hat eine großartige Radikalität, und er schreibt mit einer Offenheit, die der Kritik viel von ihrem Wind aus den Segeln zu nehmen sich anschickt: „Daß dabei ein ausgesprochen schlechter Sprachstil herausgekommen ist, ist mir nicht nur klar, sondern ja gerade die Absicht.“ Er hat zur Erhärtung seines Anspruchs eine substantielle Partie (Kapitel XXIV bis LII) jener Übersetzung, die ursprünglich für eben die Hansersche Ausgabe der „Ausgewählten Werke“ bestimmt war und dort dann nicht veröffentlicht werden sollte, nun in der weißen Nummer 57 von Norbert Wehrs stets interessanter Zeitschrift Schreibheft erscheinen lassen. Sie ist dort Kernstück eines Melville-Heftes, das an die erste diesem Autor gewidmete Nummer aus dem Jahre 1991 anknüpft. Rathjen wird in der Danksagung der Hanser-Ausgabe (S. 910) gewürdigt: „Eine erste Übersetzung ... wurde von Friedhelm Rathjen erstellt, welcher der Übersetzer und der Herausgeber zahlreiche und wichtige Anregungen verdanken. Beide und der Verlag danken <ihm> für seine überaus konstruktive und kollegiale Zusammenarbeit ...“ Das ist, glaube ich, nicht nur Höflichkeit. Ich meine, daß man nicht ganz fehlgehen wird, wenn man Rathjens Einfluß trotz des Zerwürfnisses in der Hanser-Übersetzung zu erkennen glaubt: in der entschiedenen Bereitschaft von Matthias Jendis, sich vom Gefälligen zu entfernen und eine relativ rauhe Textoberfläche zu bieten.
   Die Leser können, wenn sie es wünschen, Melville nun im Vergleich der beiden Versionen – und wenn sie es vermögen, gleich mit dem in die Mitte zu legenden Original dabei – lesen. Meistens können sie mit Jendis hochzufrieden sein; viele werden außerdem Rathjens vertrackte Übersetzung als Stimulans empfinden: Er macht uns das kostbare Geschenk seiner Melville-Besessenheit. Doch exemplifiziert, das muß man sagen, sein Vorgehen auch die Gefahren, die für den Übersetzer im Besitz einer Theorie liegen. Rathjen scheint gelegentlich geradezu zum Zwecke der Illustration seiner Theorie zu übersetzen. Diese hat er in dem faszinierenden Aufsatz „Fährendienste“ im Schreibheft dargelegt, aus dem ich oben zitiert habe. Es ist gut, daß das Schreibheft mit Paul Ingendaay in diesem Heft auch einen Autor zu Wort kommen läßt, der große Sympathie für Rathjens Projekt mit einem scharfen Blick für die Momente seines Scheiterns verbindet.
   Eine konkrete Probe, die ich nach dem Prinzip des Bibelstechens ausgewählt habe, sei den Lesern nicht vorenthalten. „In one of the mighty triumphs given to a Roman general upon his entering the world’s capital, the bones of a whale, brought all the way from the Syrian coast, were the most conspicuous object in the cymballed procession.“ (Kapitel XXIV) Jendis: „Auf einem der großen Triumphzüge, die einem römischen General bei seinem Einzug in die Hauptstadt der Welt gewährt wurden, waren die Knochen eines Wals, die man den ganzen langen Weg von der syrischen Küste herbeigeschafft hatte, das auffälligste Schaustück des zimbelklingenden Festzugs.“ Rathjen: „Bei einem der mächtigsten Triumphzüge, wo einem römischen General bei seinem Einzug in die Hauptstadt der Welt dargeboten, waren die Knochen eines Wals, den ganzen langen Weg von der syrischen Küste hergeschafft, das augenfälligste Schaustück in dem bezimbelten Festzug.“ Beide Übersetzer wollen die Wiederholung des „bei“ vermeiden, das sich in „bei seinem Einzug“ aufdrängt, und schreiben deshalb entweder „auf“ (statt: „in“) „einem der ... Triumphzüge“, oder, besonders unschön, „wo einem römischen General ...“: ein Rathjensches „wo“, das man häufig antrifft (auf derselben Seite: „Harpuniere ..., wo noch auf den heutigen Tag das widerhakige Eisen schleudern...“). Der große/mächtige Triumphzug (kein Superlativ, „mächtigste“ ist nicht richtig) wird jenem römischen General in der Tat vom Senat „gewährt“ (er fährt ja selbst mit), nicht „dargeboten“. „Augenfällig“ finde ich schöner als „auffällig“. Den Verzicht auf das „wurde“ nach dem „dargeboten“ ist nicht ungefährlich, weil diese Form von Archaisierung leicht aufgesetzt wirkt. „Bezimbelt“ finde ich töricht, aber es ist, glaube ich, ein gutes Beispiel für Rathjens sich gelegentlich der Verzweiflung nähernden Versuch des unbeirrten „Replizierens“, bei dem aus den Kontingenzen der Grammatik und Syntax des Englischen ein Prinzip abgeleitet wird, dessen ästhetische Bedeutung mir zwar klar ist, dessen unterstellte Wirksamkeit ich aber trotz allem sehr oft nicht erkennen kann. Man kann getreulich Replik an Replik setzen, und es wird nicht immer ein Echo des Textes antworten. Trotzdem muß man Rathjen das große Verdienst zuschreiben, das Mißtrauen gegen den Primat der „flüssigen“ Lesbarkeit gekräftigt zu haben. Sein Eigensinn hat noch Jendis’ Leistung tief eingefärbt.
   Nun heißt es für die Leser, so oder so oder am besten zwiefach: tollite legite! Lest dieses ungeheure Buch. In seinem Exemplar der Essays von Matthew Arnold hat Melville einen von Arnold zitierten Spinoza-Satz angestrichen, der auf eine paradoxe Art und Weise mit seiner großen Saga von Meer und Teufelspakt zusammenzuhängen scheint: „Unsere Sehnsucht ist nicht, daß die Natur uns gehorchen möge, sondern im Gegenteil, daß wir der Natur gehorchen mögen.“ Sein Walfang- und Teufelsbündlersroman ist profund aufklärerisch. Nicht umsonst erzählt er uns, daß aus Walrat die besten Kerzen gemacht werden, aus Waltran das am hellsten brennende Öl verfertigt wird.

in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 06. 11. 2001

zurück zur Liste