Schreibheft. Zeitschrift für Literatur

Dieter E. Zimmer
Adolf Atta Ahab
Vor 150 Jahren erschien Herman Melvilles Roman Moby-Dick
Nach langem Streit gibt es jetzt zwei neue Übersetzungen.
Welche ist besser?

Herman Melvilles Moby-Dick ist ein Monstrum von einem Buch, wie es weder vorher noch nachher eines gegeben hat. Als es 1851 erschien, vor genau 150 Jahren, stieß es auf nicht mehr als ein reserviertes Befremden. Seine Verleger und sein Publikum erwarteten nichts seinesgleichen von Melville, sondern jene bunten Abenteuergeschichten aus der Südsee, die er auf keinen Fall mehr schreiben wollte. Bei seinem Tod vierzig Jahre später waren Moby-Dick und er selber lange vergessen. Erst nach dem Ersten Weltkrieg begannen Wiederentdeckung und Rehabilitation, und sie machten nicht nur den Kanon der klassischen amerikanischen Literatur um ein originelles, komplexes, tiefes Prosawerk reicher. Vor allem dank ungezählter Bearbeitungen für die Jugend und mehreren Verfilmungen löste sich die Idee von Melvilles Text und gravierte sich dem westlichen Bewußtsein als eines jener Urbilder ein, die sich heute ausnehmen, als hätte es sie schon immer gegeben: der grauhaarige einbeinige Kapitän, der verbissen und vermessen ein furchterregendes Ungeheuer über die Weltmeere jagt und von ihm am Ende in die Tiefe gerissen wird – ein negatives Gegenbild zu den eleganten strahlenden Drachenbesiegern Sankt Georg oder Siegfried.
   Seine damalige Befremdlichkeit – und seine heutige Modernität – verdankt Moby-Dick vor allem dem Umstand, daß die Action-Story aus der Seefahrt immer wieder unterbrochen und streckenweise ganz verdrängt wird, bis Moby-Dick drei Bücher in einem ist: eine robuste Abenteuergeschichte, eine naturhistorische und mythologische Abhandlung über den Wal (aus der Perspektive seiner Jäger) und eine moralphilosophische Reflexion über die Natur des Menschen – in Melvilles Sicht ein gefährliches Wesen, beherrscht von unberechenbaren tiefen Leidenschaften, an denen alle optimistischen Utopien zunichte werden müssen.
   Es ist fast unmöglich, die Geschichte von Kapitän Ahabs Verfolgung des weißen Wals nicht als eine Parabel zu verstehen. So hat ihr Autor – immer darauf aus, hinter der singulären Oberfläche allgemeine Bedeutungen zu lesen – sie gewiß auch gemeint.
   Aber als Parabel wofür? Ist es eine Parabel auf den heroischen einsamen Kampf gegen das Böse, das in jenem unheimlich weißen Leviathan verkörpert ist? Oder ist das Böse hier im Gegenteil jener Kapitän selbst, der einer fixen Idee nachjagt und ihr alles opfert, seine Mannschaft und sich selbst? Melville konnte sich offensichtlich nicht entscheiden, und die wahre innere Spannung des Romans geht auf ebendiese Unentschiedenheit zurück. Hätte er sich entschieden, so wäre das Werk ein flacher Traktat von heute nur noch historischem Interesse geworden. Seine Unentschiedenheit aber verleiht ihm eine produktive Mehrdeutigkeit, an der sich nicht nur die Interpreten bis heute die Zähne ausbeißen, sondern die ihm auch eine Art dauerhafter Aktualität sichert.

Größe allein eignet sich nicht als Symbol des Bösen
   Die Exposition eröffnet beide Optionen. Jener Kapitän Ahab ist zunächst eine geheimnisvolle, nahezu unsichtbare Präsenz auf der Pequod, vielleicht ein Kämpfer, der es mit größeren Gefahren aufnimmt als sonst einer, vielleicht aber nur ein Besessener, so wie der weiße Wal ebenso sehr Gegenstand der Furcht wie der Bewunderung ist. Dann setzen die ausführlichen naturkundlichen und walfanghistorischen Erörterungen ein. Melville, selber hin und her gerissen zwischen mythisierendem und nüchtern-„amerikanischem“ Weltverständnis, hatte ihnen wohl die Funktion zugedacht, das Meerungeheuer durch genaue, fast wissenschaftliche Beschreibung noch ungeheuerlicher erscheinen lassen. Am Ende aber erreichten sie das Gegenteil – sie entdämonisierten den Wal. Ein Leviathan, der anders als ältere Chaosdrachen nur ein normales, allerdings großes Tier ist, das keinerlei Gemeingefahr darstellt, dem nur vorgeworfen werden kann, daß es sich nicht geduldig abschlachten läßt, und das von seiner großen Kraft und seiner kleinen Intelligenz Gebrauch macht, wenn ein Jäger es mit Harpunen spickt, eignet sich schlecht als Symbol des schlechthinnigen Bösen in der Welt.
   Da andererseits der auf ihn fixierte Kapitän während der ernüchternden walkundlichen Enthüllungen immer besinnungsloser in wahnhaftem Aberglauben versinkt und immer ausschließlicher von bloßer persönlicher Rachgier getrieben wirkt (der betreffende Wal hatte ihm bei der Jagd einst ein Bein abgetrennt), sinkt die allegorische Waage entschieden auf die eine Seite. Da kämpft kein einsamer, unbeugsamer, aufopferungsvoller Held einen übermenschlichen Kampf gegen das Böse, da hat ein verblendeter Fanatiker ein Schiff samt Mannschaft in seine Gewalt gebracht und reißt sie einem deplatzierten privaten Rachedurst zuliebe mit sich in den Untergang. Adolf Atta Ahab. Aber kurz vor dem Ende macht der Autor eine Kehrtwende. Die frühere Auch-Bewunderung für Ahab meldet sich zurück, und er läßt den monomanischen Wahnsinnigen den Verstand wiederfinden, den verbitterten, haßerfüllten, unnahbaren Kapitän in einem unerwartet zartsinnigen Geständnis schmelzen. Ich bin nicht härter als andere, gesteht Ahab sinngemäß, und ich weiß, daß meine Jagd unvernünftig ist – aber ich kann nicht anders, ich muß kämpfen und untergehen. Und was dem Leser bleibt, sind zwei gegenläufige Parabeln – oder eine schillernde Metaparabel über die Fragwürdigkeit manichäischer Dämonisierungen.
   Seine heterogene sprachliche Textur macht Moby-Dick zu einer großen Herausforderung für die Übersetzung. Es amalgamiert die literarische Hochsprache seiner Zeit, nautische und zoologische Partien, Bibel- und Predigtton, Shakespeare-Pastiches, die Pidgins der zusammengewürfelten Mannschaft, Juristen- und Amtssprache, pedantische Umständlichkeiten und geschmeidigste, klingende Poesie. Wer voraussetzt, daß eine Übersetzung nicht nur den Sinn wiedergeben, sondern die sprachliche Textur des Originals abbilden sollte, zumindest näherungsweise, der wird sich jedenfalls einen geglätteten Moby-Dick in flüssigem heutigem Normaldeutsch verbitten.

Wann ist eine Übersetzung richtiger als eine andere?
   Zum Jubiläum von Moby-Dick sind gleich zwei neue deutsche Übertragungen auf den Plan getreten, nicht nebeneinander, sondern gegeneinander. Es ist wieder einmal ein „Fall“ aus der Übersetzerszene, die üblicherweise keine Schlagzeilen macht – und diesmal einer, der sich lohnt, denn er hat keine Schurken und führt schnurstracks zu der Grundfrage, die sich jedem stellt, der eine Übersetzung beurteilen will: Wann ist eine Übersetzung richtiger als eine andere?
   Der Fall hat eine unfrohe elfjährige Geschichte. 1991 erschien eine Melville gewidmete Ausgabe der Literaturzeitschrift Schreibheft, die den Hanser Verlag bewog, eine neue deutsche Melville-Ausgabe ins Auge zu fassen. Er setzte ein Herausgeberkomitee ein, die Schreibheft- Herausgeber Norbert Wehr und Hermann Wallmann sowie Paul Ingendaay, und diese schlugen für Moby-Dick Friedhelm Rathjen vor, Übersetzer von Robert Louis Stevenson und Mark Twain und Herold einer extrem wortgenauen Übersetzung. 1993 lieferte Rathjen seine tausend Seiten Moby-Dick ab. Der Verlag zögerte jedoch, und als er 1996 immer noch keine Anstalten zur Veröffentlichung machte, traten die drei Herausgeber zurück. Der Hanser Verlag aber hatte keineswegs das Interesse verloren; er hatte nur Zweifel, ob Rathjens Übersetzung sich für die geplante Werkausgabe eigne. Alsbald ernannte er einen neuen Herausgeber, den Göttinger Melville-Kenner und Joseph-Conrad-Übersetzer Daniel Göske, der ihn in den Zweifeln an der Eignung von Rathjens Fassung bestärkte und den Übersetzer Matthias Jendis mit ihrer Redaktion beauftragte, der selber zur See gefahren war und sich durch die Übertragung mehrerer seekriegshistorischer Romane von Patrick O‘Brian empfohlen hatte. Jendis redigierte, Rathjen akzeptierte die Eingriffe nicht und zog seine Fassung ganz zurück. Wodurch Jendis freie Bahn erhielt und, beraten von Göske, den ganzen Roman vollständig neu übersetzte. Es ist seine Übersetzung, von Göske mit einem vorzüglichen Anmerkungsapparat versehen, die jetzt im Hanser Verlag erschienen ist. Gleichzeitig legte das Schreibheft einen erheblichen Teil, 28 Kapitel, von Rathjens Fassung vor.
   Im Vorwort dazu erweckt die Zeitschrift den Eindruck, die Nichtverwendung von Rathjens Moby-Dick sei irgendwie unethisch, handele es sich doch um nichts Geringeres als die „erste adäquate deutsche Melville-Übersetzung“: „Es war sein (Rathjens) standhaftes, jeder Versuchung zur explikativen Überdeutlichkeit, zum eleganten Synonym wehrendes Übersetzen, das uns überzeugt hatte; sein „Ich möchte lieber nicht“, das er den Vertretern einer (falsch verstandenen) Lesbarkeit entgegenhielt, sein Ethos des Verzichts auf Ungenauigkeit ...“
   Es sind also verteufelt prinzipielle Fragen, vor die die beiden neuen Moby-Dick-Texte den Leser stellen: Wann ist eine Übersetzung „genau“? Ist die genauere Übersetzung auch die „adäquatere“? Übersetzungsphilosophische Trockenübungen verlieren sich leicht ins Unergründliche. Die eine oder andere provisorische Antwort findet sich nur anhand von konkreten Textproben. Also: Welche der beiden Übersetzungen des folgenden Satzes ist genauer, welche adäquater?
   Melville (Kapitel 28): „But the Pequod was only making a passage now; not regularly cruising; nearly all whaling preparatives needing supervision the mates were fully competent to, so that there was little or nothing, out of himself, to employ or excite Ahab, now; and thus chase away, for that one interval, the clouds that layer upon layer were piled upon his brow, as ever all clouds choose the loftiest peaks to pile themselves on.“
   Rathjen: „Aber die Pequod befand sich jetzt erst auf Passage; kreuzte nicht regulär; beinah aller Walfangvorbereitungen, die der Oberaufsicht bedurften, waren die Maate voll und ganz befähigt, so daß es da nun wenig oder gar nichts gab, um Ahab weg von sich selbst zu beschäftigen oder aufzuregen; und solchermaßen wenigstens für dieses Zwischenspiel die Wolken fortzujagen, die sich Schicht auf Schicht auf seiner Stirne türmten, wie immerdar alle Wolken die erhabensten Gipfel wählen, um sich daran aufzutürmen.“
   Jendis: „Aber die Pequod befand sich jetzt bloß auf der Überfahrt; sie kreuzte nicht in den Fanggründen, und fast alle Vorbereitungen für den Walfang, die der Aufsicht bedurften, konnten bestens von den Steuerleuten erledigt werden, so daß es außer ihm selbst zur Zeit kaum etwas gab, das Ahab Arbeit oder Ablenkung hätte verschaffen und wenigstens vorübergehend das Gewölk hätte vertreiben können, das Schicht um Schicht auf seiner Stirne lag, so wie die Wolken stets die erhabensten Gipfel wählen, um sich an ihnen zu ballen.“

Ein befremdliches, verkorkstes Deutsch
   Beide Übersetzungen geben den Sinn des Satzes vollständig und im Großen und Ganzen richtig wieder. Aber kein Zweifel, Rathjen ist genauer; er bildet sogar seine Syntax und Interpunktion nach. Jendis dagegen ist „explikativ“ (etwa wenn er in den Fanggründen hinzufügt), er wählt das elegante Synonym (lag, ballte statt zweimal türmen). Andererseits ist Rathjens größere Genauigkeit hier und da nur Schein: Die wörtlichste Übersetzung von to pile wäre häufen, nicht türmen, supervision wäre mit Aufsicht (statt Oberaufsicht) richtiger und dazu wörtlicher übersetzt, ein Zwischenspiel ist etwas anderes als eine Zwischenzeit (interval), und kreuzte regulär scheint zwar wortgenau, aber regulär ist ein Fauxami von regularly und trifft dessen Bedeutung nicht wirklich. Der unübersehbare Hauptunterschied zwischen beiden Fassungen besteht jedoch darin, daß die von Jendis in der Tat gut lesbar ist, die von Rathjen nur mit etlicher Mühe. Sind Jendis und der Hanser Verlag also einer „falsch verstandenen Lesbarkeit“ aufgesessen?
   Der reine Stümper übersetzt holterdipolter und Wort für Wort, so wie er sie in seinem Gedächtnisschwamm oder notfalls im Wörterbuch vorfindet: wie jemals alle Wolken die luftigsten Gipfel wählen ... Der fortgeschrittene Stümper bemerkt, daß diese Methode Unsinn erzeugt, verdreht und verkürzt den Satz nach seinem Gusto, bis er einen Anschein von Sinn ergibt, und kaschiert seine Stümperei durch poetisierende Umschreibung: Zwar, alle Wolken haben die Neigung, die höchsten Gipfel zu umwallen (Möckli von Seggern, 1942).
   Ein richtiger Übersetzer geht ganz anders vor. Als Erstes fragt er: Was bedeutet dieser Satz? Im Kopf, nicht auf dem Papier erzeugt er sich mit allen ihm zu Gebote stehenden Hilfsmitteln eine vollständige Bedeutung des Satzes, in der einzelne Wörter gleich welcher Sprache nur sozusagen als Platzhalter fungieren. Als Zweites stellt er die entscheidende Frage, die der Stümper niemals stellt: Und wie sagt man das nun auf Deutsch? Da die Sprachen einzelne Bedeutungen mit ganz verschiedenen Mitteln ausdrücken, muß er sich an diesem Punkt oft von den Wörtern, der Idiomatik und der Grammatik des Originals lösen. So kommt er immerhin zu einer näherungsweise „richtigen“ Übersetzung.
   Der wahre Könner begnügt sich dann aber nicht mit der Abbildung der Bedeutung. Er versucht auch, die Sprachtextur abzubilden, und stellt sich sofort eine dritte Frage: Sagt „man“ es in der Quellsprache eigentlich so wie in der Vorlage? Wie weit und in welche Richtung weicht diese von der heutigen Normalsprache ab? Dann versucht er, seinem Text die gleiche Distanz einzubauen.
   Rathjens Übersetzung wirkt wie ein Versuch, die zweite Frage („Wie sagt man das auf Deutsch“) unbedingt zu vermeiden. Er geht davon aus, Melvilles Text sei „eigenwillig, dunkel, ungehobelt; fremd“, „handwerklich völlig verkorkst“, und unternimmt es, das Befremdende an der Sprache des Moby-Dick in ein ebenso befremdendes, verkorkstes Deutsch zu überführen. Tatsächlich ist vieles im englischen Moby-Dick gewollt und ungewollt befremdlich. Aber so radikal befremdlich, wie Rathjen meint und wie sich seine Übersetzung nun liest, ist Melville keineswegs und wirkte er auch auf die Leser seiner Zeit nicht. Wäre er es gewesen, so wäre er als jemand, der ein durch und durch verkorkstes Englisch schrieb, vergessen und niemals rehabilitiert worden. Aller Walfangvorbereitungen befähigt (für fully competent to all whaling preparatives), weg von sich selbst (für out of himself) – in der Tat ist Melvilles Satz nicht ganz geheuer gebaut, aber so schwer verständlich wie bei Rathjen ist er nicht. Seine Fassung führt Melvilles stilistische Unebenheiten wie unter der Lupe vor, als gälte es den Nachweis, daß Melville ein miserabler Schriftsteller war.
   Das heißt, Rathjen hat die Distanz falsch eingestellt: zu weit weg von der Normalsprache. Seine extrem genaue Übersetzung ist eben darin ungenau und darum inadäquat. Er, der das Dogma vertritt, der Übersetzer dürfe „keine eigene Sprache haben“, sondern müsse sich der des jeweiligen Buches anverwandeln, produziert in einem fort keine „Sprechweise“, wie er meint, sondern ein idiosynkratisches Deutsch, das niemand außer ihm je gesprochen oder geschrieben hat oder schreiben wird. Als Übersetzer ist er das Gegenteil des Stümpers, aber im Effekt ist seine gedankenvolle Hand an vielen Stellen von dessen gedankenloser Pranke leider nicht zu unterscheiden. Auf den ersten drei Seiten eines zentralen Kapitels (41) etwa fährt er auf: Walkreuzer (whale-cruiser), weggefiert (lowered the boats), waren weit herumgegangen (had gone far to), umgruseln (horrify), Abergläubigkeit (superstitiousness), halbausgebildete fötale Mutmaßungen übernatürlicher Agentschaften (half-formed foetal suggestions of supernatural agencies), vitalere praktische Einflüsse (vital practical influences) – zur Hälfte inadäquat, zur Hälfte semantisch rundheraus falsch. Wie nennt man das? Eine pestilenzliche Fopperei (plaguey juggling)? - Nein, „schlecht“ ist Rathjens Übersetzung nicht, dazu ist sie zu reich an durchaus glücklichen Trouvaillen. Sie ist jenseits von Gut und Böse, ein Irrtum.
   Die endgültige, vollkommene Übersetzung gibt es nicht; eine für alle Fälle richtige Übersetzungstheorie ebenso wenig. Übersetzen sollte nicht als ein dogmatisches, sondern als ein pragmatisches Geschäft betrieben werden. Es sollte sich nicht zu schade sein für die Frage: Wozu? Rathjens Moby-Dick erfüllt keinen ersichtlichen Zweck. Wer sich Melvilles Text so nahe besehen will, wie Rathjen ihn heranzuholen meint, hält sich besser an das Original. Der Hanser Verlag handelte nicht unmoralisch, sondern vernünftig, als er vor der Veröffentlichung zurückscheute.
   Ist überhaupt eine neue Übersetzung nötig? Moby-Dick war vorher sechsmal ins Deutsche übertragen worden, und vier dieser Übersetzungen sind immer noch auf dem Markt. Alle schlecht?
   Die erste, 1927 erschienen, hat ein Wilhelm Strüver auf dem Kerbholz; immerhin Thomas Mann zeichnete als ihr Herausgeber. Sie drückt vor allem eins aus: Verachtung für den übersetzten Text. Fast zwei Drittel fand dieser dolmetschende Zensor offenbar so schlecht, daß er sie ganz wegließ. Das Drittel, das Gnade vor seinen Augen fand, scheint ihm aber auch nicht recht gefallen zu haben, denn immer wieder wurde seine Übersetzung zur bloßen Inhaltsangabe. So kulturchauvinistisch würde heute hoffentlich niemand mehr zu übersetzen wagen.
   In der zweiten, die die erste (nahezu) vollständige war, 1942 in der Schweiz erschienen, demonstriert Margarete Möckli von Seggern, daß man nicht übersetzen kann, was man nicht verstanden hat. Wer in Heuler vernarrt ist, hier kann er fündig werden. Einer der hübschen: Aus dem razorback whale (Messerrückenwal) macht die Übersetzerin einen Wal mit rasiertem Rücken.
   Die zwei folgenden Fassungen (Güttinger 1944 und Mutzenbecher & Schnabel 1946) gehörten zum Typ der paraphrasierenden Übersetzung: Sie versuchten das Befremden zu minimieren, indem sie Melville mit teils beachtlicher Sprachfantasie umschrieben.
   Die beiden letzten jedoch (Seiffert & Seiffert 1956, Mummendey 1964) kamen dem recht nahe, was man heute von einer Übersetzung erwartet. Sie wollten es nicht besser machen als der Autor, nur annähernd genauso gut.
   Aber überflüssig ist die neue Übersetzung von Matthias Jendis nicht. Sie merzt – nichts Geringes! – die kumulierten Schnitzer der Vorgängerversionen aus. Sie ist genauer, vor allem bei der nautischen Terminologie und in den essayistischen Exkursionen. Sie ebnet die verschiedenen Tonlagen des Romans nicht ein. Sie markiert den Sprachzustand von Moby-Dick als historisch. Gewiß schönt auch sie das Original, hier und da vielleicht mehr als nötig. Aber das will mir verzeihlicher vorkommen als dessen systematische und dogmatische Verholperung und Verhäßlichung.

in: DIE ZEIT, 15. 11. 2001

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