Schreibheft. Zeitschrift für Literatur

Wieland Freund
Der Bindestrich des Wals
Der Hanser Verlag und das Schreibheft streiten
um den besten deutschen Moby-Dick

Man sagt das so daher: Ich habe Moby-Dick gelesen, bleibt doch gerade in der Epoche der erleichterten Kommunikation (so ähnlich: Goethe) nicht einmal den Texten ihre Gestalt. Nie hat man den, sondern immer nur einen Moby-Dick gelesen und schert sich zum Wohle der Fiktion nicht um ein zweifelhaftes Komma auf Seite 304, das, ahnt ein gewitzter Editor, dem mutmaßlich letzten oder ursprünglichen Willen eines Autorgottes nicht entspricht. Sogar das realisiert man prinzipiell ungern: daß ein Text von einer fremden in die eigene Sprache transportiert worden ist und dabei kein einziger Buchstabe hinter dem anderen geblieben.
   Und so gesehen, als Quittung einer Spedition, hat es sein Gutes, daß nun gestritten wird über den neuen deutschen Moby-Dick, der plötzlich einen Bindestrich im Namen trägt. In beiden Neuübersetzungen übrigens: in der, die der Hanser Verlag nun herausbringt, und in der, die Friedhelm Rathjen vor Jahren für den Hanser Verlag anfertigte und jetzt nur auszugsweise im aktuellen Schreibheft veröffentlichen kann. Das Problem ist nicht neu, aber es wird einmal mehr augenfällig: meist beißt den Text sein bestimmter Artikel, oder, wie es ein englischer Editor zu formulieren pflegte: Es gibt keinen Text – nur Texte.
   Melvilles Roman vom großen weißen Wal jedenfalls gibt es weltweit wohl mehrhundertmal. In verschiedenen Stadien der Edition, in unterschiedlichen Längen, das heißt: Kürzungen, in historischen oder historisierenden, in neutralisierenden oder modernisierenden Übersetzungen. Allein vier Übertragungen waren bislang im deutschen Buchhandel erhältlich, und ein Sammler brächte es mühelos auf ein Dutzend. Einen wissenschaftlich edierten deutschen Text aber, eine ordentlich kommentierte Melville-Ausgabe gar, gab es bis jetzt nicht. Herman Melville, das paßt zu ihm und auch zum glatten deutschen Lesekanon, war hierzulande bislang ein Unbehauster.
   Vor allen Dingen das wollte man in der Schreibheft-Redaktion und ihrem Umfeld vor mehr als zehn Jahren ändern. Aus einem Melville-Heft ging der Plan einer Melville-Ausgabe hervor und bald war mit dem Hanser Verlag ein seriöser Partner gefunden. Drei schnell beauftragte Übersetzer machten sich an ihre Arbeit, darunter Friedhelm Rathjen an den Moby-Dick. Und dann – passierte gar nichts. Zum einen, weil die Uhren in Verlagshäusern immer etwas langsamer gehen als sonstwo auf der Welt, zum anderen, weil die Euphorie ein schlechter Ratgeber ist. Eine Edition braucht nun einmal einen Editor mit editorischem Handwerkszeug und einigen Prinzipien, und der kam, in Person des Amerikanisten und Melville-Kenners Daniel Göske, erst an Bord des Walfängers, als Rathjens Übersetzung im Verlag schon ein knappes Jahrfünft lag.
   Um eine lange Wartezeit größer also war die Enttäuschung des Schreibheft-Zirkels und seines Übersetzers, als Göske Rathjens Text in der vorliegenden Form für nicht publizierbar hielt. Und auch, wenn hier Gentlemen miteinander verhandelten, am Ende waren Rathjens Prinzipien als Übersetzer nicht mit den editorischen Daniel Göskes vereinbar. Rathjen zog sich zurück, im Hanser Verlag erscheint eine Übersetzung von Matthias Jendis, und das Schreibheft liefert mit seiner aktuellen Ausgabe nur einige Kapitel von Rathjens deutschem Moby-Dick aus. Soll doch die Kritik den Lotsen spielen und in Melvilles (und Rathjens und Jendis’) ungeheuren Sätzen halb ersaufen.
   Denn selbst ein Ungeheuer ist dieser Moby-Dick und nicht umsonst teilen sich Buch und Wal den Namen. Moby-Dick kann Gedicht sein und Drama, nautisches Lexikon und philosophische Denkschrift, Shakespeare-Exzerpt oder einfach der unvollendete Entwurf seiner selbst. „Da sei Gott vor, daß ich jemals etwas zur Vollendung brächte“, übersetzt Jendis den sich erklärenden Erzähler Melvilles, „mein ganzes Buch ist nur ein Entwurf – nein, nur der Entwurf zu einem Entwurf. Ach“ (Jendis) – „Oh“ (Rathjen) –„Zeit, Kraft, Geld und Geduld“ (beide)!
   Eine „Fremdsprache“, so formulierte es Gilles Deleuze, habe Melville für seinen Wal erfunden, ein „Outlandish“, und Friedhelm Rathjens umstrittene Übersetzung des Moby-Dick scheint gerade syntaktisch dieser Beobachtung auf der Spur zu sein. Sein „Außerländisch“ erhält gern jene im Englischen üblichen Partzipialkonstruktionen, die, so läßt sich vermuten, sogar ein deutscher Melville in Nebensätze gefaßt hätte. Hinter dieser Vorgehensweise steht Rathjens stets mit Verve vorgetragenes, manchmal jedoch widersinniges Konzept der Originaltreue, das, wo Rathjen es für nötig hält, auch die „Generierung neuer Sprechweisen“ im Deutschen legitimiert und dann über sein Ziel der Vermittlung hinausschießt.
   Übersetzer leben von ihrer Sorgfalt, dem Einfall und seiner Zügelung, und der wunderbar kreative und kraftvolle Übersetzer Rathjen bremst sich nur ungern. Beispiele lassen sich in diesem Ziegelstein von Buch, das seinem Übersetzer abertausende von Entscheidungen abfordert, natürlich zuhauf und stets im Sinne eines Für und Wider finden, bezeichnend für Rathjens Manierismen ist es aber dennoch, daß sein Moby-Dick ein einfaches „vicariously“ im Kapitel 28 mit dem absichtlich sperrigen „in Stellvertretung“ wiedergibt. Jendis begnügt sich an gleicher Stelle mit „stellvertretend“, nur so viel sei – stellvertretend eben – angeführt.
   Insgesamt bietet die Jendis-Übertragung den ausgewogeneren Text, der der Fassung Rathjens auch deshalb nicht nachsteht, weil deren mutige Einfälle Eingang finden konnten in den jetzt vorliegenden Hanser-Text. Rathjen hat seine Übersetzung dem Team Göske/Jendis zur Verfügung gestellt, und es ist bedauerlich, daß seine Prinzipienfestigkeit dazu geführt hat, daß er im Anhang nur bedankt wird und sich nicht dazu hat entschließen können, als Co-Übersetzer zu firmieren. Daß ein Publikumsverlag wie Hanser sich nicht hat durchringen können, seinen einen Versuch einer Melville-Ausgabe mit einem Experiment zu beginnen, ist verständlich. So wie es ist jedoch, wäre es schade, wenn Rathjens Übersetzung, die vor allem als außergewöhnliche Melville-Lektüre von Bedeutung ist, nie komplett den Buchhandel erreichen würde und mit ihm die happy few, die ihn genießen könnten.
   Am Ende möchte man den Moby-Dick von Göske und Jendis als Vorspeise auf die Karte setzen, eine ordentliche originalsprachliche Ausgabe als Hauptgang und Rathjens Text als experimentelles Dessert. Der geneigte Leser mag daraufhin den Gott, an den er glaubt, um so viel Lesezeit bitten, und wenn das Beten nicht hilft, kann er sich an jenen erwähnten englischen Editor erinnern: Text ist ein Pluraletantum.

in: Die Welt, 1. 10. 2001

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