Schreibheft. Zeitschrift für Literatur

Gregor Dotzauer
Melvilles Walverwandte

Manche betreiben Lesen als Extremsport. Mit fast perverser Lust huldigen sie dem Verstiegenen – als bliebe ein kleines, bestechend klar geschriebenes Stückchen Kafka am Ende nicht rätselhafter als ein typografisch aufgeschwemmter Großroman wie Arno Schmidts Zettels Traum, dessen Interpunktionswucherungen man am liebsten mit einer Klinikpackung Clearasil zu Leibe rückten möchte, bevor man seinen Stoffmassen ins finstere Auge blickt.
   Natürlich ist Verständlichkeit, jenau wie Unverständlichkeit, keine brauchbare Kategorie von Kunst. Und es gibt einen Populismus, der Verständlichkeit so dumpf reklamiert, daß er am liebsten jeden Dichter über den handwerklich-journalistischen Leisten schlagen würde. Vielleicht kann man sich aber darauf einigen, daß selbst einige der größten Autoren es einem über Gebühr schwer machen. Nicht jeder Widerstand in einem Text bürgt gleich für ästhetische Erkenntnis.
   Herman Melville macht es einem ganz schön schwer. Was außerhalb von Amerika nur keiner so recht weiß, weil er über die geglätteten, auf den Geschmack von Freiheit und Abenteuer reduzierten Jugendbuchversionen von Moby-Dick hinaus immer noch nicht beim breiten Publikum angekommen ist. Und eine späte Meistererzählung wie Bartleby, der Schreiber, der der Philosoph Gilles Deleuze einen glänzenden Essay gewidmet hat, kommt im Verhältnis so handlich und konzis daher, daß man sich von einem abschweifungswütigen, wild durchs Material pflügenden Brocken wie Pierre keine Vorstellung macht. Melville, das ist Literatur als Verhau. Und man will zu ihrer Verteidigung nicht ständig darauf hingewiesen werden, daß sie damit die postmodernen Schinken von William Gaddis und Thomas Pynchon vorweggenommen habe und daß in James Joyces Finnegans Wake vermutlich die Lektüre von Melvilles Billy Budd eingegangen sei.
   Das Herzstück von Schreibheft 57 sind die von Friedhelm Rathjen neu übersetzen Kapitel 24 bis 52 des Moby-Dick, die von der Fremdheit, der im Muttersprachlichen angesiedelten Fremdsprachlichkeit, dieses zu Lebzeiten (1819-1991) gescheiterten Dichters einen genaueren Eindruck vermitteln, als es im Deutschen jemals möglich war. Und Rathjen tut das mit der ganzen Raffinesse eines an Joyce und Schmidt geschulten Übersetzers, der noch das winzigste etymologische Detail nachbildet. Das Ganze sind die Überreste eines editorischen Unglücks, das seinen Ausgang vor zehn Jahren nahm, als im Schreibheft 37 Melville so nachhaltig empfohlen wurde, daß eine deutsche Gesamtausgabe bei Hanser in greifbare Nähe zu rücken schien.
   Wenn nun bei Hanser eine Moby-Dick-Übersetzung von Matthias Jendis erscheint, geht sie auf Rathjen zurück: Der sollte sein Manuskript zum Zweck der Lesbarkeit soweit bearbeiten, daß er mit dem Ergebnis nichts mehr zu tun haben wollte. Sein Ethos hat er in einem klugen Essay festgehalten. Rathjen singt, gegen seine Vorläufer, das alte Lied vom traduttore traditore: „Bei Literatur und ihrer Übersetzung geht es nie darum, was gemeint ist, sondern immer darum, was gesagt wird – und das heißt: wie es gesagt wird.“ Gut gemeint – aber nur die Festschreibung einer Form-Inhalt-Unterscheidung mit verändertem Akzent. Übersetzungen haben, wie Paul Ingendaay erklärt, auch einen Kommunikationsauftrag. Spannende Lektüre – und Gelegenheit, über Vermittlungstradition nachzudenken. Jedenfalls würden die hier hochgehaltenen Ikonen Hans Wollschläger und Arno Schmidt mit dem, was sie Edgar Allan Poe haben angedeihen lassen, zum Englischabitur nie zugelassen.

in: Der Tagesspiegel, 6. 10. 2001

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