Johannes Saltzwedel
Duell der Wale
Schon ein harter Brocken, dieser Moby-Dick:
Immer wieder sind Übersetzer an Herman Melvilles sprachmächtigem
Klassiker ehrenvoll gescheitert; fast so wie im Roman der dämonische
Kapitän Ahab, der Mannschaft, Schiff und sich selbst dem weißen
Wal opfert.
Noch jetzt, 150 Jahre nach Erscheinen des Originals,
zeigt das Ungetüm seine Tücken. Denn die jetzt erscheinende,
nobel ausgestattete Übersetzung des Göttinger Seefahrt-Kenners
Matthias Jendis (Hanser-Verlag) beruht im Kern auf einer weit herberen,
oft radikal wörtlichen Version, die sein Kollege Friedhelm Rathjen
schon 1993 bei Hanser ablieferte. Ein langes Hickhack um Finessen folgte;
Jendis durfte ändern, Rathjen protestierte, Herausgeber und Verlag
stöhnten mit dem Ergebnis, daß die 29 zentralen Kapitel
von Rathjens zurückgezogener Fassung nun zeitgleich dort herauskommen,
wo alles anfing: in einer weißen Sondernummer der Zeitschrift Schreibheft
(Rigodon-Verlag), deren Mitstreiter das Hansersche Melville-Projekt einst
in Gang gebracht hatten.
Der Wettstreit zwischen Rathjens krauser Poesie (bezimbelt,
Scharfsinnskräfte) und Jendis Prosa-Gründlichkeit
fällt letztlich unentschieden aus. Melville Fans wird es freuen:
Sie können aus dem öffentlichen Duell der Übersetzer ein
Duett machen zur Ehre des Original-Wals, den doch keiner zähmt.
in: Der Spiegel 39 / 2001