Annette Brockhoff
Vom art-gerechten Umgang mit Walen
Es wird aber doch, fürcht ich, ein seltsames Buch werden; Tran bleibt nun einmal Tran; obwohl man Öl daraus gewinnen kann, quillt doch die Poesie so zäh daraus hervor wie der Saft aus einem erfrorenen Ahornbaum ... (Herman Melville über Moby-Dick)
Denn der Amerikaner hat das Weltgefühl des Römers. Die Welt ist sein, damit er über sie verfüge. Er schreitet sie aus, der Besitzer. Sein Grund und Boden. Hat er sie nicht mit seinen Maschinen erobert? Er beugt ihre Ressourcen unter seinen Willen. Der Friedenskuß der Legionen? Die Amerikanisierung der Welt. Wer sonst ist Herr? (Charles Olson, Shakespeare oder Moby-Dick wird entdeckt; in: Schreibheft 37, 1991)
... der grundsätzliche irrtum des übertragenden ist dass er den zufälligen stand der eignen sprache festhält anstatt sie durch die fremde sprache gewaltig bewegen zu lassen ... (Rudolf Pannwitz; zit. in: Walter Benjamin, Die Aufgabe des Übersetzers)
Es war vielleicht das schönste Schreibheft,
jenes weiß-beschilderte Heft 37, in dem Norbert Wehr vor zehn Jahren
der amerikanischen Gegenwartsliteratur auf den Grund gegangen war, indem
er Herman Melville als einen ihrer wichtigsten Stammväter entdeckte.
Es war vielleicht auch eins der gelungensten, weil es sich, alle Facetten
des Melvilleschen Lebens und Schreibens auffächernd, von vorne bis
hinten wie ein Text lesen läßt. Mit dem Titel Vom Leichentuch
des Meeres beliehen die Herausgeber das berühmte Kapitel über
die Farbe Weiß aus Melvilles Moby-Dick
und stießen mit Neuübersetzungen auch von Teilen der späteren
Werke weiter ins Herz Melvillescher Finsternis vor.
Von Moby-Dick,
1851 in großer Hast vollendet, führte für den 32jährigen
Melville kein Weg zurück in die leichten Südseeromane, mit denen
er bekannt geworden war; von Moby-Dick
aus schrieb er sich in die unaufhebbaren Ambiguitäten von Pierre
und Maskeraden und in die Erfolglosigkeit
hinein. Auf der Folie des Abenteuerromans, gegründet auf sich fortzeugenden
Walfängerlegenden, entstand ein verwegener Intertext mit dem gewaltigen
Stauraum eines Containerschiffes. Zitate, Predigten und Prophezeiungen,
Compilationen und Etymologien, Logbuch und Bibel, Theaterdonner und Quäkerstil,
Passagen über Seile, Taue und Trossen, cetologische Betrachtungen,
wissenschaftliche Abhandlungen und Poesie, Abschweifungen, lose Enden
und stille Teilhaber alles, so Jean-Pierre Lefebvre in seinem fulminanten
Essay Die Arbeit des Wals in Schreibheft
37, alles gehört zu den kontingenten Formen der Vollständigkeit,
auf- und ineinandergestapelt, um die Dämonen des Irrtums zu verscheuchen
und sie dadurch und das zielt auf die Modernität Herman Melvilles
unablässig zu nähren. Im Zentrum dieses monströsen
Entwurfs eines Entwurfes ein wahnsinniger Kapitän, geboren
aus dem Geiste Lears und Macbeths, der nicht nur eine Rechnung mit einem
Wal offenhat, sondern der in einer Art archetypischem Kampf mit dem gespenstischen
weißen Meeressäuger Moby Dick der trügerischen Erscheinungswelt
die Maske herunterreißen will auf die Gefahr hin, daß
dort nichts wäre daß der erbärmliche Ungläubige
sich blind (starrt) an dem monumentalen weißen Bahrtuch, welches
die ganze Aussicht ringsumher einhüllt. Mit Moby-Dick
hatte ein desillusionierter Melville einen Kosmos ohne echte Katharsis
geschaffen, eine Walstatt, auf der einzig das Hyänengelächter
eines verwaisten Erzählers widerhallt.
Zehn Jahre nach Norbert Wehrs Pioniertat
liegen nun zwei Wale vor uns wie ein doppelte(r) Zyklop
(Lefebvre): Der eine, Moby-Dick oder Der
Wal, übersetzt von Matthias Jendis, als erster Band einer
Reihe von ausgewählten Werken, die im Hanser Verlag erscheinen soll;
der andere, ein weiteres, wal-weißes Schreibheft
mit dem Titel Die Weiße des Wals / Moby-Dick; oder: Der Wal.
Kapitel XXIV LII in der Übersetzung von Friedhelm Rathjen.
Viel mag schon über den siamesischen Auftritt der beiden Mobys
spekuliert worden sein. Hierzu so viel: Mit Schreibheft
37 war es nicht nur gelungen, Herman Melville als Vorläufer
und entscheidenden Impulsgeber der amerikanischen Literatur lesbar zu
machen, sondern auch das Interesse an einer Neuübersetzung seiner
Werke nachhaltig zu wecken, mehr noch: eine wenn nicht vollständige,
so doch zumindest eine Ausgabe der wichtigsten Werke Melvilles vorzulegen.
Das Projekt, vom Carl-Hanser-Verlag zunächst enthusiastisch aufgegriffen,
scheiterte. Der Wal strandete im flachen Wasser unterschwelligen Desinteresses
und wohl auch ungeklärter Finanzierung. Die Herausgeber Norbert Wehr,
Paul Ingendaay und Hermann Wallmann warfen 1996 enttäuscht das Handtuch.
Aber da war Moby-Dick,
universell, allgegenwärtig und nirgendwo, der offenbar
keine Ruhe gab und dem es beliebte, am Ende doch noch aufzutauchen, nicht
ohne als Elefant im Porzellanladen einiges Tafelgeschirr zerschlagen
zu haben. Was war geschehen? Bereits unter dem alten Herausgeber-Trio
hatten einige Übersetzer sich auftragsgemäß ans Werk gemacht
und ihre Übersetzungen vorgelegt. 1993 beendete Friedhelm Rathjen
seinen Moby-Dick, von dem eine
beeindruckende Kostprobe in Schreibheft
37 erschienen war. Wie kein anderer schien er geeignet zu sein,
dem schiefmäuligen Phantom mit seinen theoretischen Harpunen,
verhedderten Trossen und literarischem Kleingetier (Lefebvre) ein
artgerechtes Weiterleben zu sichern.
So sah es damals offenbar auch der Hanser-Verlag, ohne
aber in irgendeiner Weise zu seinem Projekt zu stehen, was er, wie man
bei der Schreibheft-Redaktion erfahren kann, schlußendlich auch
zugab. Nachdem man die alten Herausgeber endgültig verprellt hatte
immerhin waren inzwischen über sechs Jahre ins Land gegangen
machte man sich auf die Suche nach einem neuen Herausgeber und
fand ihn in Melville-Kenner Daniel Göske, der mit Matthias Jendis
den Übersetzer der vorliegenden Ausgabe als Lektor ins Spiel brachte.
Daß damit die Weichen für die Ausgabe neu gestellt wurden,
läßt sich denken. Ob vorauszusehen oder gar intendiert war,
auch noch den leidgeprüften Übersetzer über Bord zu werfen,
bleibe dahingestellt. Tatsache ist, daß Friedhelm Rathjen am Ende
die Rechte an einer Übersetzung zurückverlangte und zurückbekam,
mit der er sich angesichts des Ausmaßes der redaktionellen Eingriffe
nicht mehr identifizieren konnte.
Es wird eine Zeit kommen, in der
diese Geschichte vergessen sein wird. Es wird eine Zeit kommen, in der
Jendis Moby-Dick als die
für unsere Zeit maßgebliche Übersetzung in die Literaturgeschichte
eingegangen sein wird, und das sicher mit einigem Recht. Niemand wird
es wagen können und wollen, über kurz oder lang mit einem weiteren
Übersetzungsversuch auf den Markt zu kommen, geschweige denn mit
einem solchen Anmerkungsapparat.
Zur Zeit aber wird der Blick auf die zwei Mobys
eines enthüllen: was eine deutsche Ausgabe hätte sein können,
wenn Rathjens Übersetzung die Basis geblieben wäre. Denn wenn
einer die Übersetzungsprinzipien wirklich ernst genommen hat, die
sich Göske in seiner eher dürftigen Editorischen Notiz
auf die Fahnen geschrieben hat, dann ist es sicherlich Friedhelm Rathjen:
Im Gegensatz zu den früheren Übersetzungen versucht diese
Ausgabe jedoch Melvilles Roman als höchst eigenartiges, heterogenes,
vielstimmiges Sprachkunstwerk und als Melange verschiedenster Textsorten
ernst zu nehmen. Die entstehungsbedingten Brüche und Widersprüche
sollen ebenso erkennbar bleiben wie Melvilles eigentümlicher Stil,
seine kühne Bildersprache sowie die rhetorisch aufgeladenen und die
lyrischen Passagen des Buchs. Eine stilistische Glättung oder Entschärfung
nach heutigem Geschmack ist nicht beabsichtigt.
Die Jendis-Übersetzung hat, indem sie viele Grundsatzentscheidungen
Rathjens revidiert hat, jedoch genau dies getan. Um eines vorwegzunehmen:
Die mit dem wunderbaren weißen Schreibheft
trotzig hingeworfene Schwanzflosse Moby-Dicks
halte ich für so inspiriert wie verbesserungsbedürftig im Sinne
eines sensiblen Lektorats. Vielerorts weichen Rathjens Lösungen ohne
Not von den eigenen der Wörtlichkeit verpflichteten Übersetzungsmaximen
ab, deren Kandarre ihm an einigen anderen Stellen ebenso unnötig
die Bewegungsfreiheit nimmt. Auf Archaisierungen wie das so
für that, where oder who hätte
ich bis auf wenige Ausnahmen verzichtet. Auch Wörter wie insonderheit,
währenddem etc. scheinen mir angesichts der heute noch
üblichen englischen Entsprechungen den Text über das erforderliche
Maß mit Patina zu überziehen und auch unter kompensatorischen
Gesichtspunkten nicht gerechtfertigt.
Rathjens Schreibheft-Beitrag
Fährendienste. Öffentliche Erinnerungen und Bekenntnisse
eines selbstgerechten Übersetzers ist indirekt zu entnehmen,
daß dem Dissens der uralte Streit um Wort und Sinn, um das, was
gemeint ist, und das, was gesagt wird, zugrundelag zwei Welten,
die nach der Trennung weiter auseinandergedriftet sein mögen, als
es dem Werk dienlich sein konnte.
Die Sätze, über die ich entscheide,
zielen nicht auf Lesbarkeit, sondern auf wortgetreue Entsprechungen. Sie
sind Stufen im Eis, Kletterhaken im nackten Fels der Genauigkeit.
Deutliche Worte, die hier einer sprach, der es gewagt
hatte, eine Ikone der russischen Literatur, das fragile Gerüst
des Versepos Eugen Onegin durch
wörtliche Übersetzung ins Englische unbekannten und unberechenbaren
Gefahren auszusetzen und sich mit diesem Sakrileg den heiligen Zorn
einer Riege von Übersetzern zugezogen hatte: Dagegen lauern
Argwohn und Bluthunde dem hageren, ungraziösen Anhänger der
Wörtlichkeit auf, wenn er sich bei der Suche nach dem verborgenen
Wort vorwärts tastet, nach dem Wort, das seiner leidenschaftlichen
Wahrheitsliebe genügt, und der dabei einen Reichtum an Informationen
anhäuft, der die Verfechter gehübschter Camouflage bangen oder
spötteln läßt.
Während Vladimir Nabokov zum generellen Gegenschlag
gegen die Paraphrastengilde ausholte und mit einem noch holperigen
Englisch drohte, mit abschreckenden Barrikaden aus eckigen Klammern
und zerschlissenen Fahnen verwerflicher Wörter, hatte Rathjen,
sicher auch nicht ohne Hybris, sich aber einiges an konstruktiven Kompromissen
abhandeln lassen. Es war wohl wesentlich die andere Seite, die sich an
die Vereinbarungen nicht hielt. Entfernt wurde alles Bockige, allem voran
das Semikolon. Wer meint, dies sei belanglos und seine Nachbildung mache
im Deutschen keinen Sinn, hat wenig gelesen (auf keinen Fall Thomas Mann)
und ist offenbar auch des Englischen nicht mächtig, in dem es ebenso
überflüssig ist. Mithilfe der Schreibheft-Synopse
von Originaltext und Übersetzung des berühmten Kapitels 42 und
der Hanser-Ausgabe ist jeder interessierte Leser jetzt imstande, sich
ein eigenes Urteil zu bilden, nicht zuletzt über den physiognomischen
Stellenwert von Satzzeichen, ihrem eigenen Ausdruck, der,
wie Adorno in seinem diesbezüglichen Essay ausführt, zwar
nicht zu trennen ist von der syntaktischen Funktion, aber doch keineswegs
in ihr sich erschöpft. In der Version von Matthias Jendis,
der die aufrechten Semikola zwischen den schier endlosen Parataxen eliminiert
und durch Gedankenstriche ersetzt, wird diese Glättung
zum Symptom für den ganzen Text. Die harte Fügung,
sie ist Jendis Sache nicht.
Unter Verdikt fiel schließlich auch die Nachbildung
englischer Partizipialkonstruktionen, ein Beispiel für Rathjens Versuche,
den deutschen Text an der englischen Syntax entlangzuschreiben. Auch wenn
es bei ihm an Satzkonstruktionen nicht mangelt, die die Grenzen des Partizipialen
für meinen Geschmack sprengen, so finden sich ebenso viele ein, die
eine mit keinem Relativ- oder Hauptsatz dieser Welt nachzuschaffende Aura
entfalten. Jendis Prinzip, fast alles in Relativsätze auslaufen
zu lassen, kanalisiert und dämpft aber vor allem die Wucht der Melvilleschen
Prosa. Melvilles Eloge auf den verhüllten Kern des Menschseins in
jeder noch so schäbigen Kreatur übersetzt Jendis: Jene
unbefleckte Mannhaftigkeit, welche wir in uns verspüren, so tief
in unserm Innern, daß sie unberührt bleibt, mag auch ihr sichtbares
Äußeres vergangen scheinen, blutet in bitterster Pein beim
unverhüllten Anblick eines Mannes, dessen Seelenstärke gebrochen
ist. Bei Rathjen, der hier dem Partizip treu bleibt, heißt
es: blutet in bitterster Pein beim unverhüllten Anblick eines
in seinem Mute zerstörten Menschen.
In jedem Werk gibt es neuralgische
Punkte, oft gehörte oder zitierte Passagen, oder einfach Passagen,
an denen man hängt. Ein solcher Nervenpunkt war für mich die
literarische Einschiffung in das Kapitel 24, in dem Melville zu einer
Apologie des anrüchigen Walfanggeschäftes anhebt. Ohne Despektierlichkeit:
Wie kann ein Übersetzer bloß auf die Idee verfallen, diesen
Auftakt mit Sintemal einzuleiten, so als seien wir bei Sindbad,
dem Seefahrer? Wie dann konnte er nach diesen märchenhaften Auftakt
in die sozialpädagogische Fahrrinne ist es mir ein starkes
Bedürfnis schippern; zumal Melville hier mit I am all
anxiety mit einiger Emphase zu Werke geht? Wieso verschmähte
er für embarked das Wort eingeschifft, wählte
stattdessen für unpoetical das sinngemäße
prosaisch, um im despektierlichen Gewerbe völlig
in die sprachliche Schräglage zu geraten? Und eben, wo war das Semikolon
geblieben? Nicht einmal ein Komma, wie noch vor der Rechtschreibreform
obligatorisch, war diesem Satz vergönnt: Sintemal Queequeg
und ich nun richtig in dieses Walfanggeschäft eingestiegen sind und
sintemal diese Walfängerei mittlerweile unter Landratten als ein
reichlich prosaisches und despektierliches Gewerbe gilt, ist es mir ein
starkes Bedürfnis, euch, ja euch Bewohner des Landes, davon zu überzeugen,
daß uns Jägern der Wale damit Unrecht getan wird.
Welche Wohltat ist da selbst die Seiffert-Übersetzung,
gar nicht zu schweigen von Rathjens Version: Da Queequeg und ich
nun richtiggehend in diesem Geschäft des Walfangs eingeschifft sind;
und da es mit diesem Geschäft des Walfangs irgendwie so gekommen
ist, daß es unter Landratten als ein reichlich unpoetisches und
unreputierliches Gewerbe angesehen wird; dessentwegen bin ich ganz versessen
darauf, euch, euch Landratten, von dem Unrecht zu überzeugen, welches
uns Jägern der Wale dadurch angetan wird.
Auch Rathjens Gestaltung der Figurenrede hat der Jendisschen
viel an Vitalität und Variabilität voraus. Ahabs unbeirrbarer
Selbstbehauptungswille, der weder der Profitgier noch dem Glauben an eine
humane Schöpfungsordnung geschuldet ist, artikuliert sich in obsessiven
Tiraden im hohen Ton der Elisabethanischen Tragödie und einem der
Bibel abgelauschtem Quäkeridiom. Nervös, hochgespannt,
so sollte Ahabs Sprechweise nach dem Willen seines Schöpfers sein,
oder wie es Charles Olson in seinem berühmten Essay ausdrückte,
brüchig wie die eines Shakespeare-Helden, dessen Sprache ebenso
wie das Herz oft in der Agonie des vierten und fünften Aktes einen
Sprung bekommt: Dry heat upon my brow? Oh! time was, when
as the sunrise nobly spured me, so the sunset soothed. No more. This lovely
light, it lights not me; all lovelinessis anguish to me, since I can neer
enjoy. Gifted with the high perception, I lack the low, enjoying power;
damned, most subtly und most malignantly! damned in the midst of Paradise!
Good night good night!
Man lese laut, um Klang und Rhythmus der beiden Fassungen
zu vergleichen: Trockne Hitz auf meiner Stirne? Oh! es gab
da eine Zeit, da so, wie mich der Sonne Aufgang edel spornte, mich der
Untergang besänftigt. Nimmermehr. Dies lieblich Licht,
mir leuchtets nicht; all Lieblichkeit ist mir nur Pein, denn niemals
kann genießen ich. Begabt mit höherer Empfindungskraft, fehlts
mir am niederen, genießrischen Vermögen; bin verdammt,
auf höchlichst abgefeimt und höchst böswillge
Art! verdammt in Paradieses Mitten! Gute Nacht gut Nacht!
(F. Rathjen)
Dörrende Hitze auf meiner Stirn? Oh, einst
gab es eine Zeit, da so, wie mich der Sonne Aufgang zu edlen Taten trieb,
ihr Untergang mich milde stimmte. Das war einmal. Dies liebliche Licht,
mir leuchtet es nicht; das Liebliche, es ist mir Pein, denn ich kanns
nimmermehr genießen. Mit hoher Geisteskraft begabt, fehlts
mir am niederen Vermögen zu genießen ich bin verdammt,
auf abgefeimteste und bösartigste Weise verdammt, mitten im
Paradies! Gut Nacht, gut Nacht! (M. Jendis)
Mit der Mannschaft der Pequod
hatte Melville der Tragödie und ihrem von Shakespeares Geisterstimmen
heimgesuchten tragischen Helden und Patron der schwimmenden Manufaktur
Pequod einen Vielvölkerstaat beigesellt, und damit das
demokratische Element ein für alle Mal im amerikanischen Roman verankert.
Charles Olson schreibt: Melville hat seine Arbeit gründlich
gemacht. Er rechnete, und was herauskam, war Ahab. Zuallererst GROSS.
Als nächstes ENERGIE. ZWECK: Herrschaft über die Natur. GESCHWINDIGKEIT:
des Gehirns. ZIEL: Rache. Kosten: das Volk, die Crew. Ahab ist das FAKTISCHE,
die Crew die IDEE. Mit der Crew kam das, wofür Amerika steht, in
Moby-Dick hinein.
In den theatralischen Intermezzi der Nachtwachen, die
mit den Monologen Ahabs alternieren, ertönen die verschiedensten
Soziolekte in babylonischer Vielstimmigkeit. Auch hier zeigt sich, welche
Potentiale die Übersetzung hätte erschließen können,
wenn Übersetzer und Lektor an einem Strang gezogen hätten.
Und schließlich: Welch ein Unterschied, vom klaftertief
gründenden Leben des Wals (the fathom-deep life of the whale)
zu sprechen oder vom tief verborgenen Lebensnerv. Es ist so,
als verfehle die Jendissche Übersetzung gerade diesen verborgenen
Lebensnerv des Moby-Dick, seinen
blasphemischen Atem, vor allem aber das immer anwesende und letztlich
nicht greifbare Grauen, imstande, den letzten Pottwal aus seiner Ruhe
aufzustören: Es ist kein feines weibliches Stück Spitalfields-Seide,
hatte Melville eine benachbarte Leserin gewarnt, sondern aus jenem
grauenhaften Gewebe, das aus Schiffstrossen & Tauen gemacht ist. Ein
Polarwind pfeift hindurch, & Raubvögel umflattern es.
Es ist die weder Nähe noch Distanz duldende Neutralität
der deutschen Textfassung, die angesichts der Inkonsistenzen und Verschrobenheiten
des Originals einen schalen Geschmack hinterläßt. Im Gegensatz
zu dieser verdienstvollen und sicherlich gelungensten Einbürgerung
des ganzen Wals ist der unvollkommene Leib des
Rathjenschen Bastards mit seinen Manierismen und Idiosynkrasien
sicher eher vom Schlage Melvilles und Ismaels weiter davon besessen,
verbotene Meere zu besegeln und an barbarischen Küsten zu landen.
in: Basler Zeitung, 10. 10. 2001