Schreibheft. Zeitschrift für Literatur

Physiognomie und Gedankenblitz
„Jeux d’esprits“: Zeichnungen eines unbekannten Turgenevs
Von Norbert Wehr

Er habe den Charakter eines „ehrfürchtig aufmerksamen Beobachters“ und er verfüge über die Fähigkeit, einen „breiteren, unvoreingenommeneren, uneingeschränkt intelligenteren Einblick“ in das „große Schauspiel des menschlichen Lebens“ zu gewinnen als irgendein anderer Schriftsteller.
   Es war Henry James, der so, in seinem Essay French poets and novelists, einen bewunderten Kollegen, den russischen, in Frankreich lebenden Schriftsteller Ivan Turgenev, porträtierte. - Turgenev, seinerseits bescheidener, charakterisierte sich als „gewissenhaften und unparteiischen Sittenschilderer“, der „in lebenden Typen“ zu verkörpern suchte, „was Shakespeare ‚the body and pressure of time‘ nennt.“
   Alles scheint bekannt von ihm, dem großen Menschenschilderer, dem Meister subtiler Beobachtungen, dem detailverliebten Porträtisten - alles scheint bekannt, sogar in Deutschland: die Aufzeichnungen eines Jägers, Rudin, Ein Adelsnest sowie Väter und Söhne, seine großen Romane. Daß es dennoch einen völlig unbekannten Turgenev gibt, erfahren wir wieder einmal von Peter Urban. Denn Urban veröffentlicht in Deutschland zum ersten Mal den Zeichner Turgenev - eine überraschende, eine erstaunliche Entdeckung! Ein „ausgezeichnetes“ Talent, wie sogar der strenge Nabokov anerkannte.
   Im gleichen Jahr, 1856, in dem Rudin erschien - der erste einer Reihe psychologisch-gesellschaftskritischer Romane, die von der „sich rasch verändernden Physiognomie des Russen der gebildeten Schichten“ erzählen -, regte Turgenev sei‘s im eigenen Haus, sei‘s im Salon der befreundeten Sängerin Pauline Viardot ein heiter-ernstes Gesellschafts-Spiel an.
   „Ich zeichnete“, schrieb er seinem Freund Botkin zu Erklärung dieses Spiels, „ich zeichnete fünf oder sechs Profile, die mir - ich will nicht sagen: in den Kopf - in die Feder kamen; und jeder schrieb unter jedes Profil, was er darüber dachte. Dabei kamen sehr amüsante Dinge heraus (...) Ich habe diese Skizzen aufgehoben - und einige von ihnen werde ich in künftigen Romanen verwenden.“
   Turgenev kritzelte diese Porträts an den oberen Rand langer Papierstreifen. Jeder Teilnehmer mußte daraufhin in knapper Form die vermeintlichen Charakter-Eigenschaften, Beruf, soziale Stellung und Neigungen der Porträtierten skizzieren. Danach mußte der Streifen so gefaltet werden, daß der nächste Teilnehmer zwar das Porträt sehen, nicht aber den Text seines Vorgängers lesen konnte. Am Ende wurde der lange Streifen aufgeklappt, und Turgenev las die Texte vor. Die abwegigste Deutung wurde per Akklamation bestimmt. Der blamierte Urheber mußte sich zu erkennen geben und bekam einen symbolischen Preis für besondere Dummheit.
   200 solcher Papiere sind erhalten, Peter Urban hat ungefähr ein Viertel ausgewählt, und darunter die Bildunterschriften von Turgenev und Viardot abgedruckt - sie sind die geistesgegenwärtigsten, genauesten, wie er glaubhaft versichert.
   Der kleine Band, den er in der Friedenauer Presse herausgegeben hat, bezieht seinen Reiz nun gleich aus mehreren Gründen: Denn erstens lernt man einen hochbegabten Zeichner kennen, dem es mit ganz wenigen, sparsamen Strichen gelang, unverwechselbare Physiognomien zu entwerfen; der zweite Reiz besteht darin, die verschiedenen Unterschriften direkt mit den Bildern vergleichen zu können, wobei man, drittens, quasi aufgefordert wird, aktiv am Spiel teilzunehmen, d.h. sich immer wieder die Frage zu stellen, zu welcher Einschätzung man selbst gekommen wäre, hätte man damals mit am Tisch gesessen.
   Wie hätte man zum Beispiel das Bild eines älteren Mannes charakterisiert? Eher wie Turgenev, der ihn als „dicken russischen Großgrundbesitzer aus vornehmer Familie, traurig, phlegmatisch, zuweilen ungeduldig, sehr ehrenwert und ziemlich intelligent ...“ beschreibt? Oder wäre man, wie Viardot, zu einer völlig anderen Einschätzung gekommen?: „Polizeikommissar - abscheulicher Mensch - korrumpiert bis ins Knochenmark - vereinigt in sich alle Fehler, alle Laster. Wenn er nicht so korpulent wäre, würde er gern das Handwerk des Henkers übernehmen - Napoleon III. ist sein Mann ...“
   Der Kenner des Werks erkennt in Turgenevs gezeichneten und geschriebenen Skizzen die Figuren aus späteren Romanen. Für ihn sind sie eine wichtige Quelle. Der Nicht-Kenner hat einen anderen Vorteil: Er kann den Band nämlich als Vorlage und als Anregung für ein Spiel benutzen, das sich auch heute noch unter Freunden mit großem Unterhaltungswert spielen ließe - vorausgesetzt, einer dieser Freunde wäre ein so guter Zeichner wie Turgenev.