Allumfassende
Geisteskatastrophe
Uniklinik, Jörg Uwe Sauers bernhardeskes Roman-Debüt
Von Norbert Wehr
Es sei die Paranoia des Künstlers,
die ihn mit Thomas Bernhard verbinde. Er halte ihn für den Größten,
neben Dostojewskij und Henry Green, er sei ihm seit Jahren verfallen.
Bei einem seiner Romane habe er das Gefühl gehabt, die erste Seite
bereits zu kennen. Es ist nämlich meine erste Seite
schreibt er , mein Buch, er, Thomas Bernhard, hat
es plagiiert, noch bevor ich überhaupt eine Zeile davon zu Papier
bringen konnte.
Kein Geringerer als der amerikanische Schriftsteller
Willliam Gaddis war es, der so, in einer Diskussion mit William H. Gass,
seiner Bewunderung für Thomas Bernhard Ausdruck verlieh und ihm noch
in seinem letzten, auf dem Sterbebett entstandenen Text ein kleines Denkmal
setzte.
Zehn Jahre ist Thomas Bernhard, der Adressat seiner
Bewunderung, mittlerweile tot. Doch dessen Werk, so scheints, ist
virulent wie eh und je, in Salzburg genauso wie in Long Island, in Frankfurt
oder Wanne-Eickel. Ja, sogar in Wanne-Eickel! Denn dort, in der
kleinen Ruhrgebiets-Stadt, wurde Jörg Uwe Sauer geboren, im selben
schicksalhaften Jahr, in dem Frost, Thomas Bernhards erster Roman,
das Licht der literarischen Welt erblickte.
Jörg Uwe Sauer, mittlerweile 36 Jahre alt, ist
jetzt als Bernhards Wiedergänger auf der literarischen Bühne
aufgetaucht, mit Uniklinik, einem furiosen Pastiche-Roman, der
bis in die Motive, den Übertreibungs-Tonfall und die kreisförmige
Syntax hinein nein: kein Plagiat, sondern eine souveräne Fortschreibung
der berndhardschen Romane ist.
Sujet seines Debüts ist ein Ort, der genauso entlegenen
wie das frostsche Weng und gleichermaßen trostlos, naturgemäß
hassenswert und also auslöschungswürdig ist: die sogenannnte
Universität Gesamthochschule Essen in der sogenannten Metropole des
Ruhrgebiets!
Während Bernhard seinen Erzähler, einen Medizin-Studenten,
nach Weng geschickt hatte, um den als verrückt geltenden Maler Strauch
zu beobachten, kommt Sauers namenloser, aus Wien stammender Ich-Erzähler
ins entlegene Essen, um Germanistik zu studieren. Auch er, wie der Erzähler
in Frost, verfaßt einen Bericht: Krank, so dachte ich,
so Sauers Erzähler, in der Cafeteria sitzend, hier ist alles
und jeder krank, und zwar unheilbar krank. (...) Diese Ansammlung von
abgrundtiefer Dummheit und geistiger Unfähigkeit, wie sie sich in
dieser Cafeteria manifestierte, diese praktisch schon geradezu professionelle
Debilität, zeigt mir mit aller Deutlichkeit die Begrenztheit des
menschlichen Geistes auf, ja in gewisser Weise sogar in aller Offenheit
eine wirklich allumfassende Geisteskatastrophe menschlicher Existenz.
So hebt er an, sein Bericht. Und was folgt, ist eine
222 absatzlose Seiten lange komische Bösartigkeit über
die verrückten Verhältnisse am literaturwissenschaftlichen Fachbereich
der Universität, in einer perfekten Mimikry von Bernhards Stimme,
und voller Anspielungen und Echos auf Titel, Motive und Figuren in dessen
Romanen.
Ähnlich wie in Holzfällen, Thomas
Bernhards Erregung über die Wiener Künstlerszene
(wo der Ich-Erzähler am Anfang im Ohrensessel der Eheleute Auersberger
sitzt und zusammen mit anderen Gästen auf den Burg-Schauspieler wartet),
hockt Sauers schläfriger Ich-Erzähler zu Beginn auf einem harten
Stuhl in Essens Universitäts-Cafeteria. Zusammen mit dem Assistenten,
dem Kulterer, dem Stimmenimitator und Mathilde wartet er auf den Professor,
der sich wieder mal verspätet hat.
Während sie also warten und wartenderweise über
Hölderlin, Foucault und Hegel philosophieren, schläft der schweigende
Ich-Erzähler auf seinem Stuhle sitzend ein. Als er zweidrei Stunden
später aufwacht, zieht gerade der mittlerweile eingetroffene Professor
mit vernichtendem Furor über die deutschsprachige Gegenwartsliteratur
her, insbesondere über Bernhard und Grass, außerdem über
ein Machwerk, das er soeben gelesen hat, eine sogenannte Magisterarbeit,
die zur Gänze aus Anspielungen auf das Werk Bernhards besteht.
Ein normaler Tag in dieser Denkanstalt: die Treffen
in der Cafeteria, die Warterei auf den Professor, die Geisteskatastrophen.
Doch dann ereignet sich ein Unglück, das die kleine Gruppe zutiefst
verstört: Beim Holzfällen im Akademikerwald, eine Beschäftigung,
der sie einmal in der Woche nachgehen, um sich, so der Erzähler,
eine Erregung zu verschaffen, wird der Professor lebensgefährlich
verletzt. Trotz eindringlicher Warnungen bleibt er einfach unter einem
umfallenden Baum stehen. Er muß in Essens Uniklink eingeliefert
werden. Als er nach Tagen aus dem Koma erwacht, stellt sich heraus, daß
er seine Geistesfähigkeiten verloren hat, und zwar vollständig.
Er verblödet und wird zu einem Konsalik-Leser eine Geistestragödie
unvorstellbaren Ausmaßes!
Für seinen Assistenten hat das schreckliche Konsequenzen.
Anstatt sich weiter mit seinen Hölderlinstudien beschäftigen
zu können, muß er im Seminar über Peter WeissMarat/Sade
einspringen. Und auch der Ich-Erzähler ist gefordert: er verpflichtet
sich unwillig, die gehaßte Erstsemester-Einführung zu übernehmen.
Es gehört zu den Höhepunkten des Romans,
wie der hartnäckig schweigende Ich-Erzähler diese Einführung
meistert, bzw. nicht meistert. Doch bevor es dazu kommt, ereignen sich
zahlreiche andere berichtenswerte Katastrophen: die Auffindung eines Selbstmörders
im Akademikerwald zum Beispiel, oder das Benefiz-Fußballspiel zugunsten
einer Aachener Heilanstalt, mit Handke im Tor und den Feldspielern Luhmann,
Kittler, Habermas und Mommsen, gepfiffen von Max Horkheimer. Außerdem
die Suche des Erzählers nach einer Hegel-Ausgabe, seine sexuelle
Verstrickung mit Mathilde, deren Ausfälle gegen Annette von Droste-Hülshoffs
Judenbuche, schließlich die Spaziergänge des Erzählers
samt Holzfäller-Ausrüstung durch die Essener Innenstadt.
All das ist hochkomisch, und mit raffiniertester Boshaftigkeit
erzählt, zudem mit detaillierter Kenntnis der Bernhardschen
Romanwelt. Auf der Höhe seines Könnens ist Sauer, wenn er den
Ich-Erzähler seine Auslöschung berichten läßt, dabei
Bernhards Stil mit Anspielungen auf Peter Weiss Der Schatten
des Körpers des Kutschers verschränkend: Mathilde beendet
ihre Affäre mit dem Ich-Erzähler, als sie bemerkt, daß
er einen Text im Bernhard-Stil schreibt. Damit ist er als Schriftsteller
vernichtet. Doch seine vollständige Existenz-Auslöschung läßt
nicht lange auf sich warten. Als er Mathilde wenig später in ihrer
Wohnung aufsuchen will, stellt er fest, daß sie nicht allein ist:
Ich konnte, da innen alles schwach beleuchtet
war, draußen aber Dunkelheit herrschte, die Schatten der Körper
Mathildes, Schwester Barbaras, Erzbischof Spadolinis und des Autisten
erkennen. (...) Die Schatten der Körper wurden wegen der nicht korrekt
geschlossenen Jalousienlamellen horizontal fragmentiert an die Zimmerwand
projeziert. So konnte ich die Schatten vierer sich gerade ausziehender
Personen beobachten. (...) Ich sah die Schatten der Finger der Hände
der Arme Mathildes, wie diese rechts und links unter die Schatten der
Träger ihres Kleides griffen und in einer routinerten Bewegung den
Schatten eines eher leptosomen Körpers vom Schatten des Kleides befreiten.
Auch die Schatten der Körper des Erzbischofs und des Autisten waren
jetzt völlig konturiert. (...) Der Schatten des Körpers Mathildes
verschmolz nun mit dem Schatten des Körpers Schwester Barbaras. Der
rundliche Schatten des Körpers des Autisten näherte sich den
Schatten der beiden Körper von hinten, der Schatten des Körpers
des Erzbischofs näherte sich den drei Schatten von der anderen Seite
...
Und so weiter und soweiter, bis zum bitteren Ende ...
Die Existenz des Erzählers ist dadurch naturgemäß vernichtet.
Mit seiner Holzfäller-Axt zerstört er die Autos von Barbara
und dem Erzbischof, Mathilde schickt er mehrere Exemplare der Judenbuche
zu. Sie zerstört daraufhin die Universitäts-Cafeteria und wird
ebenfalls in die Uniklink eingeliefert. Der Erzähler beschließt,
das verhaßte Essen für immer zu verlassen, um nach Triest zu
gehen. Doch mein Aufenthalt in Triest, so sein letzter
Satz, also meine Triester Zeit, war entsetzlich.
Sauers Uniklink ist kein Schlüsselroman,
trotz der zahlreichen Realia, die er enthält: das rostbraune Universitätsgebäude,
die trostlose Cafeteria, die fensterlosen Seminarräume, die Essener
Buchhandlungen und Szenekneipen.
Um ihn zu schätzen, muß man Essen und seine
Universität nicht kennen. Voraussetzung ist eher schon, das Werk
Thomas Bernhards gelesen zu haben. Wer aber, wie der Rezensent, jahrelang
in Essen lebt, an der Universität studiert hat, Bernhard lesend in
besagter Cafeteria gesessen hat, wer die fensterlosen Seminarräume,
wer die Misanthropen und Autisten, in der Toskana lebenden und sportwagenfahrenden
Professoren kennt, der hat einen unschätzbaren Vorteil: er liest
diesen Roman mit einem größeren, weil eingeweihten Vergnügen.
Denn nicht alle Figuren sind, wie es in dem von Aristoteles
stammenden Motto des Romans heißt, nur wahrscheinlich oder möglich,
nicht alle sind nur Erfindungen eines großen Stimmenimitators, Satirikers
und Übertreibungskünstlers.