Schreibheft. Zeitschrift für Literatur

Queneaus kleine Hunde
oder: Vom Nutzen und Nachteil der Beruhigungsmittel
Von Norbert Wehr

Raymond Queneau ist der Autor des gewaltigsten Buchs der Literaturgeschichte, eines Werks von sage und schreibe einhunderttausend Milliarden potentieller Sonette. Angenommen, jemand läse dieses Buch ohne Unterbrechung 24 Stunden am Tag, er bräuchte für seine Lektüre nicht weniger als 190 Milliarden 258 Millionen und 751 Jahre.
   Hunderttausend Milliarden Gedichte ist freilich nur eines von ca. 50 Büchern, von Romanen, Erzählungen, Stücken, Gedichten und Essays, die Queneau außerdem noch schrieb. Geboren 1903 in Le Havre, gestorben 1976 in Paris: ein vergleichsweise kurzes Leben, wenn man es mißt an der Lesezeit, die alle seine Bücher beanspruchen.
   Dieses Leben, es war das produktive Leben eines Frühreifen: Er war erst einundzwanzig, als er sich der surrealistischen Bewegung anschloß, war fünfunddreißig, als er Lektor, achtunddreißig, als er Generalsekretär im Verlagshaus Gallimard, zweiundvierzig, als er schließlich Herausgeber der Encyklopédie de la Pléiade wurde.
   Schriftsteller, Lektor, aber auch Philosoph und Mathematiker - Queneau war einer der letzten, einer der originellsten Universal-Gelehrten. Als Schriftsteller, als "bewußt arbeitender Linguist", war er zweifellos ein Alleskönner: Der Hundszahn, eine Art romanhafter Kommentar von Descartes' Discours de la méthode, schrieb er beispielsweise in gesprochenem Französisch; Taschenkosmogonie, ein Buch über die Entstehung der Erde, die Chemie, den Ursprung des Lebens, die Entwicklung der Technik hingegen in Alexandrinern. Wie virtuos er über unterschiedlichste literarische Mittel verfügte, das demonstrierte er in Stilübungen - Autobus S, einem Buch, das aus neunundneunzig Variationen einer banalen Alltagssituation besteht, erzählt mit verschiedensten rhetorischen Stilfiguren.
   Im Wagenbach-Verlag ist jetzt Vom Nutzen und Nachteil der Beruhigungsmittel erschienen, ein Band mit verstreuter kleiner Prosa, großzügig gesetzte 124 Seiten, die den ganzen Queneau enthalten, gleichwohl nur 3, höchstens 4 Stunden Lektürezeit in Anspruch nehmen. Es handelt sich um Stilübungen, die neben oder zwischen den größeren Werken entstanden. Der erste der chronologisch angeordneten Texte stammt vom gerade mal Neunzehnjährigen, der an der Sorbonne Philosophie studierte, der letzte vom berühmt gewordenen Fünfundsechzigjährigen, der sich hingebungsvoll mit seinen oulipotischen Experimenten beschäftigte.
   Der ganze Queneau in Pillenform also: frühe, an der Pataphysik geschulte, vom Surrealismus beinflußte Etüden (schon sehr ausgebufft, voller Hintersinn und Nonsense), eine autobiographisch grundierte Kriminal-Geschichte über die Vergeblichkeit schriftstellerischen Ruhms, ein sentimentaler Spaziergang durch die Ruinen des kriegszerstörten Le Havre, eine - im wortwörtlichsten Sinn des Wortes - "Verarschung" des Existentialismus, eine Satire über den vermeintlichen Einfluß der Windstärke auf das Addieren von Zahlen, zuletzt eine Art früher Hypertext, der dem Leser (scheinbar) die Wahl verschiedener Leserichtungen läßt.
   Im Mittelpunkt aber stehen zwei Texte, in denen sprechende Tiere die Hauptrolle spielen: ein trojanisches Pferd, das Genetik studiert, und ein Hund, der sich u.a. zum Verschwinden bringen kann. Ort der Handlungen sind zwielichtige Bars und Hotels in der Provinz - Lokalitäten, die Queneau bestens vertraut waren, seit er sich Ende der Zwanziger Jahre eine Zeitlang als Vertreter für Papiertischtücher durchschlagen mußte.
   Bei diesen Reisen hatte er zahllose Gelegenheiten, den Leuten ihre gesprochene Sprache, ihren Argot, ihre Jargons, ihre Gemeinplätze abzulauschen. In "Das trojanische Pferd" versteckt er sich quasi in einem solchen, um mit einer Art Pferdeblick den Leuten aufs Maul zu schauen. In "Am Waldrand" ist es Dino, ein altkluger, frecher Hund, der den jüngsten Parlaments-Abgeordneten Frankreichs dazu bringt, sich entlarvend um Kopf und Kragen zu reden (à la " ... zum Besten des Volkes häufe ich die Macht an" undsoweiter).
   Doch Dino wäre kein Hund aus einer Geschichte Queneaus, wenn er sich am Ende nicht auch noch zum Verschwinden bringen könnte, und zwar auf pataphysische, d.h. spiralförmige Weise. "Er beschrieb", heißt es, "einen zweiten Kreis mit leicht geringerem Durchmesser, dabei reduzierten sich seine eigenen Dimensionen proportional, und indem er so eine Spirale beschrieb, war er schließlich nur noch eine Art winziges Hunde-Atom, das mit wachsender Geschwindigkeit um die normale symmetrische Achse der angedeuteten geometrischen Figur rotierte; und durch eine Grenzwertüberschreitung erreichte dieser Vibrio unbestimmte Dimensionen der Kleinheit und verschwand schließlich."
   Anders als im Verlags-Prospekt von Wagenbach angekündigt, erscheinen nicht alle zwölf versammelten Texte erstmals auf Deutsch. "Das trojanische Pferd", "Am Waldrand" und drei weitere Texte sind in den sechziger Jahren bereits von Eugen Helmlé für einen Band mit kleiner Prosa übersetzt worden. Da Helmlé vor eineinhalb Jahren starb, ist die Stelle des Queneau-Übersetzers vakant geworden. Hans Thill empfiehlt sich nun dafür, obwohl er nicht immer ganz plausibel machen kann, warum auch die von Helmlé übersetzten Texte einer neuen Übertragung bedurften.
   Wie dem auch sei: Sein deutscher Queneau ist frisch und lebendig. Anders als hellwach kann man nicht sein, wenn man ihn liest. Auf wen er dennoch wie ein Beruhigungsmittel wirkt, der ist für die Literatur verloren und sollte seinen Arzt oder Apotheker fragen ...