Zeichen
im Schnee, Norbert Hummelts
neue Gedichte
Einführung zu einer Lesung im Literaturhaus Köln, 2. April 2001
Von Norbert
Wehr
A cold coming we had of it,
eine Zeile aus T.S. Eliots Journey of the Magi - das waren,
nach Norbert Hummelts Selbstaussage, die ersten Worte eines Gedichts,
die ihn, den Schüler, während einer Schulstunde unvermittelt,
ja geradezu körperlich trafen, Worte, die er in seinem Brustkorb
spürte, und die ihn zwangen, die Zunge im Mund zu bewegen, ihn zwangen,
immer wieder besagte Zeile auszusprechen:
A cold coming we had of it ... A cold coming we had of it ...
Und eine andere Zeile desselben Gedichts
- but set down / This set down / This -, sie war es, die ihn aufforderte,
sich zu setzen. This set down -
diese Zeile forderte ihn zum Schreiben auf ...
Eliot, er blieb bis heute ein Fixstern. Die fragmentierte
Sprache seines Waste Land, die
zahlreichen Zitate, die dialogischen Szenen, inneren Monologe, die Zwischenrufe.
- Vor kurzem erst hat Norbert Hummelt einige Teile der Four
Quartetts ins Deutsche übertragen.
Zwanzig Jahre also, die dazwischen liegen, zwischen
der Schulstunde und der letzthin entstandenen Übersetzung. Ähnlich
wie Eliot, der zeitlebens damit beschäftigt war, Dante zu verstehen,
ist Hummelt seither mit Eliot beschäftigt. Und so wie Eliot Dante,
so hat auch Hummelt Eliot nur verstehen, d.h. nur übersetzen können,
indem er selbst schrieb, indem er ein eigenes Werk schuf.
Dieses Werk besteht mittlerweile aus sieben Lyrik-Bänden: oh
an-atomie war der erste, der zweite hieß
irre parabel, der dritte maisprühdose,
pickups war der vierte, knackige
codes (der eine Auswahl früher Texte enthielt) war der fünfte,
und singtrieb der sechste - er
erschien vor vier Jahren.
In diesen vier Jahren sind neue Gedichte entstanden,
die jetzt, unter dem Titel Zeichen im
Schnee, in prominenter Gesellschaft von Yeats, Draesner, Jessenin,
Neruda und Jandl im Luchterhand-Verlag erschienen sind.
Diese sieben Bände stehen ohne Zweifel im Zentrum
des Werks. Doch an dessen Rändern, sozusagen, gibt es andere erstaunliche
Arbeiten. Die Übersetzungen zum Beispiel: von Eliots Four
Quartetts, vor allem aber von Inger Christensens Sonettenkranz
Das Schmetterlingstal (eine Übersetzung,
die man wahrlich kongenial nennen darf), außerdem einige geistesgegenwärtige
Essays, etwa über die Romantik, über Gottfried Benn, über
Ernst Jandl.
Eine Einführung zu einer Lesung aus Norbert Hummelts neuesten Gedichten
muß einen Blick zurückwerfen, zurück auf die ersten publizierten
Gedichte.
Darunter gibt es nämlich ein interessantes Genre,
wie ich finde, die sogenannten Pick-ups. T.S. Eliot, einerseits,
und die Ästhetik des Video-Clip, andererseits - sie stehen Pate für
diese Texte. Diese Pickups sind spontane Notationen im Handgemenge - vermeintlich
spontane Notationen, denn tatsächlich
sind sie genauestens kalkuliert. Es sind kunstvolle Montagen abgelauschter
O-Töne, aufgeschnappter Wortfetzen, Fetzen des urbanen Gemurmels
(meist aus dem Kölner Dreieck Zülpicher / Kyffhäuser und
Hochstadenstraße). Sie bedienen sich einer Sprache vermeintlich
echten, wirklichen Redens, d.h. einer trivialen, bewußt unpoetischen
Sprache.
Nicht mit Eliot - Marcel Beyer, der alte Freund, hat
Hummelt anläßlich dieser frühen Texte mit einem DJ verglichen.
Ein DJ, schrieb Beyer, muß vor allem ein Sensorium für Stimmen,
für Geräusche, für Musik haben. Und er muß wissen,
daß Sprache ein Virus ist, wie William S. Burroughs behauptet hat.
Hummelt - Beyer weiter im Text - weiß mit
diesem Virus umzugehen, denn: ein DJ muß vorsichtig sein. Die Bedienung
des Publikums mit Playback-Nummern ist seine Sache nicht. Er ist der ehrlichste
Dichter der Welt. Er schleust den Virus gezielt in die Literatur und schämt
sich dessen nicht.
Womit Beyer unter anderem meinte: Hummelt schämt
sich nicht, daß er die Stimmen anderer, die Stimmen der Straße,
von Freunden, und daß er die Stimmen anderer Dichter
durch sich hindurchgehen läßt. Daß er von ihnen infiziert
ist. Denn der Sprach-Virus - das sind auch die Vorgänger, die Vorbilder,
die Zeitgenossen, die Freunde.
Norbert Hummelt ist ein ehrlicher Dichter, da hat Beyer recht. Und deshalb
hat er seine Karten auf den Tisch gelegt. Er hat in Essays preisgegeben,
wer diese anderen sind: Joseph Eichendorff zum Beispiel, der späte
Gottfried Benn, die Friederike Mayröcker der frühen Langgedichte,
Ernst Jandl, Rolf-Dieter Brinkmann, der Autor der Westwärts
1&2-Gedichte, und Thomas Kling.
Deren Stimmen, deren Obsessionen, deren Manierismen
melden sich bei ihm zu Wort, lautstark oder in Zwischentönen, explizit
oder subkutan. In den ersten Gedichten gibt es bisweilen noch Epigonales,
später wird die Anverwandlung, die Fortschreibung immer souveräner,
bis hin zur selbstbewußten Parodie, etwa von Hölderlin, George,
Rilke, Jandl oder Brinkmann.
Mit Ausnahme von Mayröcker und Brinkmann, hat Hummelt
über alle diese Autoren geschrieben, wunderbar luzide Essays, die
auch Poetologien in eigener Sache sind. In ihnen erfährt man gleichermaßen
viel über Hummelt selbst.
Zum Beispiel in seinem Romantik-Essay: Hummelt liest
die Romantiker, liest Eichendorff als geistes- und seelenverwandte Zeitgenossen,
konstatiert die Modernität von Schlegel und Novalis, registriert
das große, etwa auch von Gerhard Rühm und Oskar Pastior geteilte
Interesse an Wilhelm Müllers Liederzyklus Winterreise.
Krisenbewußtsein und poetischer
Widerstand - das ist es, was für ihn die romantische Weltsicht
auszeichnet. Eine auch heute gültige, ja notwendige Haltung: Denn
romantisch, schreibt Hummelt, wäre vielleicht der
wie auch immer geartete Versuch, sich nicht mit der Registratur des Verschwindens
und Zerfaserns von Wirklichkeit zu begnügen, sondern im vollen Bewußtsein
der in diesen Prozessen aufscheinenden Krise unserer Weltwahrnehmung noch
einmal etwas zu wagen, das man poetischen Widerstand nennen könnte.
Also eine Kunstanstrengung, die Entfremdung nicht rein lakonisch
konstatiert, sondern unterwegs bleibt zu ihrer Aufhebung.
Und der unterschätzte, weil immer falsch, weil
immer eins zu eins gelesene Eichendorff - seine Lyrik, so Hummelt, bildet
keine Sicht auf reale Verhältnisse ab, sie ist immer Gegenwort, Entwurf,
Evokation einer anderen Welt, die doch mitten in der unseren liegt.
Ein weiterer Essay, auch er eine wichtige Quelle für
Hummelts Selbstverständnis: Unter den deutschsprachigen Lyrikern
des 20. Jahrhunderts ist es Gottfried Benn, der die stärksten
Impulse aussendet. Der späte Gottfried Benn, der Benn der Fragmente,
der Destillationen, der Aprèslude,
der drei in den fünfziger Jahren geschriebenen Bände.
Es sind die heterogenen, manchmal kaum vereinbaren Schreibweisen,
die Hummelt an diesen Gedichten faszinieren. Die innere Spannung, der
sie sich verdanken. Die Dissonanzen der Tonlagen. Das Schroffe und das
Weiche, der schnoddrige Ton und das hehre Bild, klassisch strenge Formen
und spontan anmutende Sprachbewegungen, harte Schnitte, ein Vokabular
aus Zeitung und Radio, Versatzstücke aus Kneipengesprächen und
Wissenschaftsjargon. - Und als Haltung: Skepsis und Euphorie, Melancholie
und Trauer.
Schließlich der Jandl-Essay, eine Vermißten-Anzeige,
geschrieben aus Anlaß von Jandls Tod. Nicht zufällig kommt
Hummelt darin auf die Rolle zu sprechen, die Luise Jandl für das
Schreiben ihres Sohnes spielte. Sie schrieb nämlich, mit vergleichsweise
hohem Anspruch, Gedichte, traditionelle Verse religiösen Inhalts,
mit denen sie eine schwere Krankheit auszuhalten versuchte.
Ernst, der Sohn, begann in der Zeit ihrer Krankheit
ebenfalls zu schreiben, wiewohl er ganz andere Ambitionen hatte. Nach
dem frühen Tod der Mutter war er dann zu einem Spagat gezwungen.
Er trauerte um sie - die geliebte, die gefürchtete, die strenge Mutter
- und mußte sich gleichzeitig von ihr befreien - eine Spannung,
die sein Werk bis zum Ende auszeichnete. Er hielt darin ihr Gedächtnis
wach, und opponierte doch ständig gegen ihre moralisch/ethischen
und ästhetischen Werte.
Und dann ein Satz, in dem Hummelt dieses Verhältnis
resümmiert - und wieder über sich selbst spricht, über
sein spannungsreiches Verhältnis zu den Vorbildern, über das
Finden einer eigenen Sprache: Das Schreiben von Gedichten
- heißt es da - Schreiben überhaupt wäre der doppelte
Versuch, an dem uns von außen Eingesagten, der sprachlichen Kodierung
unserer Identität durch andere, aus Notwendigkeit (weil wir zunächst
nichts anderes besitzen) fortzuschreiben und diese Kodierung dabei sukzessive
umzuschreiben, mit anderem Text zu überspielen, von dem wir geneigt
sind zu glauben, daß es unser eigener ist.
Und damit, mit diesem Exkurs zu den frühen Gedichten und den Essays,
sind wir bei Norbert Hummelts neuen Gedichten angelangt. Es sind Gedichte,
die die Spannung zum Ausdruck bringen, die entsteht, wenn man sich an
seinen eignen Anfängen, seinen Vorbildern, an unterschiedlichsten
Traditionen abarbeitet, indem man sie fortschreibt, sich von ihnen emanzipiert,
um immer mehr den eigenen, den unverwechselbaren Ton zu finden. - Es sind
Gedichte, die die eigenwillige Winterreise fortsetzen, zu der Hummelt
schon in seinen Knackigen Codes
aufgebrochen war. Nicht zufällig heißt der neue Band deshalb
auch Zeichen im Schnee.
Und ob Sie es glauben oder nicht. Ich habe diese Gedichte
gelesen, während ich selbst auf einen kurzen, einer realen Winterreise
war, Anfang Februar diesen Jahres, eine Reise, die uns unter anderem in
den Böhmischen Wald nach Horni Plana, den Geburtsort Adalbert Stifters,
führte.
Erlauben Sie mir, wenn ich kurz ein Erlebnis dieser
Reise mitteile: An einem Sonntag-Nachmittag, standen wir dort, in Horni-Plana,
am Ufer des Moldau-Stausees. Die Hänge, die Felder, die Straßen,
der zugefrorene See - sie waren tief verschneit. Der Himmel war blau,
die Sonne stand tief, es war still, absolut still. Langläufer, die
den See überquerten, ein Auto, das übers Eis raste - man hörte
sie nicht. Und wenn man in die Sonne schaute, wenn man die Augen zukniff,
dann lösten sich die Konturen auf, das Bild der Landschaft begann
zu flirren, es löste sich in Helligkeit, löste sich in Weiße
auf. Wir standen - und waren glücklich. Und es drängten sich
Erinnerungen auf, Erinnerungen an einen anderen Fluß, an zusammengekniffene
Augen, aufgelöste Horizont-Linien, an ein Flirren ...
Der nächste Tag dann mit Hummelts Gedichten. Bei
deren Lektüre ein ähnliches Gefühl. Wieder dieses Flirren.
Wieder zahlreiche Erinnerungen ... Gestern das Licht über Horni Plana,
und heute die Kunst, die Schriftzeichen auf Papier - sie waren in der
Lage, ähnliche Empfindungen auszulösen.
Vielleicht bin ich nicht ganz frei von dieser am Vortag
gemachten Erfahrung. Aber weil sich meine Empfindung wiederholen, ja,
weil sie sich sogar verstärken ließ, kamen - und kommen - mir
Hummelts Gedichte ganz erstaunlich vor. Denn sie waren in der Lage, sogar
das Glücksgefühl zu wiederholen - eine Fähigkeit, die,
wie ich glaube, nur wirklich guter Literatur gelingt.
Und das gute daran, es wäre was? - Für mich
ist es das Schwebende, das Fragile dieser Gedichte. Es sind die Vögel
und die Falter, die sie bevölkern. Es ist das Leichte, was so schwer
zu machen ist. Es sind die strengen, geschlossenen Formen. Die durchgespielten
Metaphern. Die Musikalität der Sprache. Die zahlreichen Zwischentöne.
Die kleinen, magischen Worte, die Sesam-Öffne-Dichs für intensive
Erinnerungs-Bilder. Das Präzise, aber auch das Flimmernde und Vibrierende
dieser Bilder. Die Mehrfach-Belichtungen, die Moire-Effekte. Das Schimmern
der Kindheit. Das Dazwischen, das Zwielicht. Die Rätsel, das Unverstandene.
Das Trauma, das durch diese Gedichte geistert - das Ufer, wo kein Weg
mehr ist. Die melancholische Stimmung, der Vergeblichkeitston.
Ich lege mich fest: Es sind wunderbare Gedichte. Zeichen
im Schnee ist Norbert Hummelts bislang bester Band.