Schreibheft. Zeitschrift für Literatur

Melvilles Maskeraden
Von Norbert Wehr

„Melville ist es in letzter Zeit nicht gut gegangen; er hat an Nervenschmerzen in Kopf und Gliedern gelitten, zweifellos eine Folge allzu ausdauernden literarischen Schaffens, welches ihm in jüngster Zeit keinen sonderlichen Erfolg eingebracht hat; seine Schriften lassen schon seit geraumer Zeit auf eine ungesunde Geistesverfassung schließen.“ Auf einem Spaziergang habe er „über die Vorsehung und das Zukünftige“ räsonniert, er sei „ziemlich fest entschlossen, der Vernichtung anheimzufallen.“
    So beschrieb Nathaniel Hawthorne, Entfremdung und Unverständnis nicht verbergend, die geistige Verfassung seines Freundes Herman Melville, nachdem sie sich Ende 1856, während Melvilles zweiter Europa-Reise, in Liverpool getroffen hatten. Melville hatte in den Jahren zuvor, in manischer Produktivität und unter immer schwieriger werdenden Bedingungen, seine wichtigsten Bücher geschrieben, zuletzt, kurz vor seiner Abreise, The Confidence-Man: His Masquerade. Es war sein zehntes, in nur elf Jahren geschriebenes Buch.
    Dieser Roman, der jetzt in Christa Schuenkes Übersetzung unter dem Titel Maskeraden oder Vertrauen gegen Vertrauen erschienen ist, ist sein unzugänglichster und schwierigster; ein gesellschafts-, kultur- und religionskritischer, ein zutiefst erkenntnisskeptischer Roman. Die Welt: eine Serie von Täuschungen; das Leben: eine Maskerade; alles Handeln: nur Schauspielerei – so seine pessimistische Bilanz.
    Und wieder, wie in White Jacket und Moby-Dick, ist es ein Schiff, das zur Bühne des Geschehens wird, ein sozialer Mikrokosmos, ein Schiff voller Narren: An einem 1. April, Fools Day, auch Tag des Teufels, irgendwann, in der Mitte des 19. Jahrhunderts, läuft in St. Louis bei Sonnenaufgang der Mississippi-Dampfer Fidèle Richtung New Orleans aus. An Bord befindet sich ein weitgereister Fremder – ein „Fremder in des Wortes tiefstem Sinne“, wie es heißt.
    Dieser seltsame Fremde wird im weiteren Verlauf der Reise, bis zum Ende des ersten Tages, ständig seine Verkleidungen und Maskeraden ändern. Er wird die unterschiedlichsten Passagiere in Gespräche verwickeln und dabei versuchen, aus undurchsichtigen Gründen und obskuren Interessen, die Probe auf deren Vertrauensfähigkeit und christliche Nächstenliebe zu machen.
    Wer er ist, was er bezweckt – er wird es nicht verraten. Ist er ein verirrter Christus, ein unverbesserlicher, Optimismus predigender Philanthrop, der tatsächlich an das Gute im Menschen glaubt? Oder ein Teufel, ein spöttischer Zyniker, der die Passagiere mit scheinheiliger Zuversichtlichkeit, d.h. mit betrügerischen Absichten, zu blindem Vertrauen überredet, und genauso zu ungerechtfertigtem Mißtrauen? – Was ist Lüge, was Wahrheit, wer der Betrüger, wer die Betrogenen?
    So rätselhaft der Confidence-Man ist und so unbeantwortbar die Frage nach seiner Herkunft, seiner Identität und seinen Absichten, so eindeutig sind die politischen Verhältnisse, philosophischen Diskurse und autobiographischen Umstände, die Melville als Hintergrund für seine satirische Parabel dienten.
    Rassismus, Indianer- und Schwarzen-Haß, Justiz, Börse und Presse sind die beherrschenden Themen. Melvilles beißende Kritik gilt den sozialen Verwerfungen im Kapitalismus, den Schattenseiten, den Heucheleien einer vermeintlich christlichen Zivilisation. Eine ganze Kapitel-Folge hat er der sarkastischen Abrechnung mit dem Transzendentalismus Emersons gewidmet. Und die ruinösen Spekulationen des Vaters, die eigenen Erfahrungen als Berufs-Schriftsteller, die deprimierende Rezeption der Bücher nach Moby-Dick, dies sind schließlich die Erfahrungen, die das Buch autobiographisch grundieren.
    Maskeraden ist ein Buch über eine Reise ohne Ziel und ohne Zukunft. Mehr als dreißig Jahre vor Melvilles Tod entstanden, ist es eine Art frühzeitiges Vermächtnis: Als am Ende des ersten Tages über dem Schiff die Dunkelheit hereinbricht, hat der Confidence-Man sich immer noch nicht zu erkennen gegeben. Hinter seinen Maskeraden, so beginnt man zu ahnen, verbirgt sich das reine Nichts. „Und wer weiß“, lautet der letzte Satz, mit dem das Buch unvermittelt und offen abbricht, „wer weiß, was noch für Maskeraden kommen werden.“
    Einige Maskeraden, das ist sicher, werden jedenfalls noch auf Herman Melville selbst zukommen. Zurückgekehrt aus Europa, erscheint der Roman am 1. April 1857. Wie schon Pierre, das nach Moby-Dick erschienene Buch, wird es ein desaströser Mißerfolg werden. Es wird sein letztes sein, das er als Berufs-Schriftsteller veröffentlichen kann. Melville wird wenig später gezwungen werden, seine Farm in Arrowhead aufzugeben und im New Yorker Hafen eine Stelle als Zollinspektor anzutreten.
    Bis zu seinem Tod im Jahr 1891 wird er nur noch einige Gedichtbände im Selbstverlag veröffentlichen. Als er 82jährig stirbt, ist er völlig vergessen. Seine Wiederentdeckung aus Anlaß des posthum erschienenen Billy Budd wird noch bis in die zwanziger Jahre unseres Jahrhunderts auf sich warten lassen.
    Heute gilt Maskeraden als sein radikalstes und modernstes, als sein amerikanischstes Werk, ein Werk, das einige der widerständigsten Bücher der zweiten Jahrhunderthälfte antizipieren sollte: Ralph Ellisons Der unsichtbare Mann, William Gaddis‘ Die Fälschung der Welt und V, den ersten Roman von Thomas Pynchon.