Schreibheft. Zeitschrift für Literatur

Der scheißende Leichnam
Jurij Mamlejews Erzählungen – ein wahres Tollhaus
Von Norbert Wehr

Idioten, Debile, Blöde; Alkoholiker, Freßsüchtige und Blutsauger; Ego-Sexisten, Erotomane und Selbstmörder; religiöse Mystiker und philosophische Fanatiker; verbrecherische Ärzte, Satanisten und Nekrophile; Scheintote, lebende Leichen und tote Lebende – wie seine Romane Der Mörder aus dem Nichts und Die letzte Komödie ist auch Jurij Mamlejews jüngst erschienener Erzählungsband ein von Psycho- und Sex-Extremisten bevölkertes Horror-Kabinett, ein Pandämonium des Abnormen und Perversen.
    Ein wahres Tollhaus, zwischen schwarzen Buchdeckeln! Es gibt nichts in dieser Anstalt, aber auch gar nichts, was dem Autor fremd wäre: nichts Menschliches und Unmenschliches, nichts, was zu ungeheuerlich, nichts, was zu makaber wäre. Seine Erzählungen sind gezielte Provokationen und Anschläge auf den guten (literarischen) Geschmack; Erzählungen, die so nur von einem geschrieben werden konnten, der von sowjetischer Diktatur und Totalitarismus traumatisiert wurde.
    Jurij Mamlejew, 1931 als Sohn eines Psychiaters in Moskau geboren, war in den fünfziger/sechziger Jahren der spiritus rector eines literarisch-philosophischen Geheimzirkels, dessen Mitglieder sich als „sexuelle Mystiker“ bezeichneten die und über indische und deutsche Philosophie, über Theosophie und Psychoanalyse diskutierten. „Dieser Zirkel“, so Mamlejew später, „hatte etwas ziemlich Geheimnisvolles, der Staat begriff nicht recht, was bei uns vorging. Die Treffen hatten Ähnlichkeit mit eigenartigen ‚Mysterien‘ und Szenen aus den Romanen von Dostojewskij.“
    Wahrlich: Es war ein Akt der Subversion, in Moskau, der „Hauptstadt des Atheismus“, Metaphysiker zu sein! Kein Wunder also, daß ihre Werke nur im Samisdat vertrieben werden konnten, daß Mamlejew 1974 in die USA auswanderte, lange in Paris lebte und erst 1989 nach Rußland zurückkehrte. Von jungen Moskauer Schriftstellern – Vladimir Sorokin oder Viktor Jerofejew etwa – wurde er als Erbe DeSades und Batailles, Gogols und Dostojewskijs verehrt, als radikaler Avantgardist, als polemischter Vertreter einer Ästhetik des Bösen.
    Monströse Grenzfälle sind es, von denen die Geschichten erzählen, Grenzfälle aus der Hölle des sowjetischen Alltags. Mamlejew wirft in ihnen ein grelles Licht auf die dunkle, vernunftabgewandte Seite der menschlichen Seele, auf Zustände und Konstellationen, in denen der Mensch zur enthemmten, polymorph-perversen Wunschmaschine wird.
    Da ist zum Beispiel die Geschichte von der Frau, die in ihren aufgeschwemmten Bauch, oder von dem Mann, der in sein rechtes Bein verliebt ist; die Geschichte des jungen Mannes, der mit der Mörderin seiner Mutter schläft; oder von Wanja, der von den Eltern des Mädchens, das er mit seinem Laster überfahren hatte, als Sohn und posthumer Bräutigam adoptiert wird; schließlich vom scheintoten, aus dem Grabe auferstandenen Vater, der sich vampiristisch an seinen Kindern vergeht...
    18 Einblicke in menschliche Abgründe, 18 erzählte Psychopathologien! – Die Gefahr wäre groß, sie erschöpften sich in bloßen Schock-Effekten und leerlaufendem Horror. Aber es geht um mehr, es geht ums Ganze, um letzte metaphysische Dinge nämlich. Das Rätsel des Todes, das ‚wahre Ich‘ des Menschen, das Geheimnis des jenseitigen Lebens und der Unsterblichkeit – das sind die Fragen, auf die Mamlejews Figuren, wie einst die „sexuellen Mystiker“, abstruse, pseudo-philosophische Antworten suchen.
    Der vampiristische Vater zum Beispiel – lebt er nun eigentlich oder ist er tot? Mamlejew, der begnadete Satiriker, ist um eine drastische, Descartes parodierende Antwort nicht verlegen, Zitat: „Der Alte schlenderte in den Wald, an den Büschen und Sträuchern vorbei. (...) Plötzlich mußte er sich entleeren. In der letzten Nacht hatte er Unmengen von Blut gesoffen. (...) Wie ein lebendiger Mensch hockte er sich neben einem großen Tannenbaum unter einen Strauch. Da kam der Selbstmörder. Er betrachtete den scheißenden Leichnam und erstarrte. ‚Du lebst! Betrüger!‘ brüllte er. ‚Du scheißt, also lebst du!‘“
    Die Erzählungen Der Tod des Erotomanen, erstmals 1986 in den USA herausgekommen, lassen sich als böse Chiffren auf die Kehrseite der offiziösen Sowjetunion lesen. In der deutschen Version von Ulrike Zemme haben sie nichts von ihrer Anstößigkeit verloren.