Homo
Sachaliensis
György Dalos auf den Spuren von Anton Čechov
Von Norbert Wehr
Immer wieder erklären Literaturkundler, schrieb Vladimir
Nabokov Anfang der vierziger Jahre in seiner Vorlesung über Anton
Čechov, immer wieder erklären Literaturkundler, ihnen
sei unverständlich, was ihn im Jahre 1890 dazu bewegen konnte, eine
gefährliche und anstrengende Reise zur Insel Sachalin auf sich zu
nehmen, um dort das Leben der zu Zwangsarbeit Verurteilten zu studieren.
Was viele von Čechovs Zeitgenossen, was die besagten
Literaturkundler nicht verstanden und was auch Nabokov seinen
amerikanischen Studenten nicht erklären konnte, es war dies: Anton
Čechov war damals 30 Jahre alt. Er war ein erfolgreicher, ein gefeierter
Schriftsteller. Und Sachalin, die vor der sibirischen Ostküste zwischen
Kamtschatka und Japan gelegene Insel, sie war mehr als 10.000 Kilometer
von Moskau entfernt. Was bewegte Čechov, fragten sich damals viele,
was bewegte ihn, auf dem Höhepunkt seines literarischen Erfolgs eine
so entbehrungsreiche, seine angeschlagene Gesundheit stark gefährdende
Reise zu unternehmen, deren Ziel ausgerechnet Rußlands grausamste
Gefängnisinsel war?
Was Čechovs Zeitgenossen nicht wissen konnten,
was auch Nabokov nicht wußte: Čechov hatte seine Motive in
mehreren Briefen eindringlich dargelegt. Er befand sich trotz seiner Erfolge
in einer großen Lebenskrise. Er wußte seit 1884, daß
er an Schwindsucht litt; er war immer häufiger depressiv, haßte
seinen Arzt-Beruf, seine literarischen Erfolge waren ihm gleichgültig
geworden; und er, der als Humorist geschätzt wurde, sehnte sich nach
richtiger literarischer Arbeit. Ich möchte, schrieb er,
mich leidenschaftlich gern irgendwo für fünf Jahre verkriechen
und mich mit mühevoller, ernsthafter Arbeit befassen ...
Anfang 1890 beschloß er, diese mühevolle,
ernsthafte Arbeit den Verhältnissen der Katorga,
d.h. dem russischen Strafvollzug auf der Verbannten-Insel Sachalin zu
widmen. Dort gab es vier Kategorien verbannter Schwerverbrecher: die Zuchthäusler,
die ihre Strafen in den Gefängnissen absitzen und Zwangsarbeit leisten
mußten; die Strafkolonisten, die ebenfalls zu Zwangsarbeit verurteilt
waren, jedoch außerhalb der Gefängnisse wohnen durften (sie
bildeten die größte Gruppe); die Deportationsbauern, die eigenes
Land bewirtschaften konnten, aber lebenslang auf Sachalin bleiben mußten;
und schließlich die freien Bauern, denen zwar erlaubt war, die Insel
zu verlassen, die sich aber nicht im europäischen Rußland ansiedeln
durften.
Čechov hatte vor, ein Buch über Sachalin zu
schreiben. Und er wollte die Verhältnisse selbst in Augenschein nehmen.
Um die geographischen, klimatischen und ökonomischen, die soziologischen
und hygienischen Daten zusammentragen zu können, die er für
sein Buch benötigte, wollte er eine private Volkszählung durchführen.
Er ließ zu diesem Zweck 10.000 Karteikarten drucken, die u.a. mit
folgenden Rubriken versehen waren: Stand / Name, Vorname, Vatersname,
Verhältnis zum Hausherrn / Alter / Glaubensbekenntnis / Wo geboren
/ Seit welchem Jahr auf Sachalin / Hauptbeschäftigung / Schriftkundig,
Analphabet, gebildet / Verheiratet in der Heimat, auf Sachalin, verwitwet,
ledig / Empfängt Unterstützung vom Staat? Ja, nein / Krankheiten.
In einem Brief, den er an seinen skeptischen Verleger-Freund
Suvorin adressierte, begründete er sein Vorhaben folgendermaßen:
Sachalin, schrieb er, das ist ein Ort der unerträglichsten
Leiden, deren ein freier und unfreier Mensch überhaupt nur fähig
ist (...) Aus den Büchern, die ich gelesen habe und lese, geht hervor,
daß wir in den Gefängnissen Millionen
von Menschen haben verfaulen lassen, umsonst verfaulen, ziellos, barbarisch;
wir haben die Menschen in Ketten Zehntausende von Verst durch die Kälte
getrieben, sie mit Syphilis infiziert, demoralisiert, Verbrecher vermehrt
(...) In unserer Zeit wird für die Kranken einiges getan, für
die Häftlinge dagegen nichts; der Strafvollzug interessiert unsere
Juristen absolut nicht. Nein, ich versichere Sie, Sachalin ist interessant
...
Nicht fünf Jahre, aber lange acht Monate war er
unterwegs: drei brauchte er für die abenteuerliche Hinfahrt durch
Sibirien, drei Monate dauerte sein Aufenthalt auf Sachalin, zwei Monate
die Rückfahrt per Schiff. Auf Sachalin absolvierte er ein strenges,
hartes Programm. Da er sich frei bewegen durfte, besuchte er jede Siedlung,
jede Hütte und sprach mit fast jedem Strafkolonisten. Meine
Arbeit war anstrengend, schrieb er Suvorin nach seiner Rückkehr,
ich habe eine vollständige und detaillierte Zählung der
gesamten Bevölkerung von Sachalin durchgeführt und alles gesehen,
außer einer Hinrichtung. (...) Solange ich auf Sachalin lebte, empfand
ich im Innern nur eine gewisse Bitterkeit, wie von ranziger Butter, jetzt
dagegen, in der Erinnerung, erscheint mir Sachalin als wahre Hölle.
Für sein Leben, vor allem aber für sein Werk
war diese Reise ein Wendepunkt. Deutlichster Ertrag war Die
Insel Sachalin, das ungewöhnlichste Buch seines uvres,
der grobe Häftlingskittel in meiner belletristischen Garderobe,
wie er selbst es nannte. Denn mit ihm hatte er kein Theaterstück,
keinen Roman und keine Erzählung geschrieben es war ein merkwürdiger
Zwitter geworden: halb Reisebericht, Essay, Statistik und Analyse; halb
Belletristik und halb Wissenschaft.
Der ungarische Schriftsteller György Dalos hat
sich jetzt, 110 Jahre später, auf die Spuren von Čechovs Reise
begeben. Er hat dessen Buch wiedergelesen, hat mit Hilfe zahlreicher Quellen
die weitere Geschichte der Insel recherchiert und ist im Sommer 2000 selbst
für dreizehn Tage nach Sachalin gefahren. Auch er hatte Gründe,
wie Čechov: Er wollte, erstens, Čechovs Reise und dessen Buch
zum Ausgangspunkt seines eigenen Erzählens machen. Und er wollte,
zweitens, die Hypothese überprüfen, ob sich Čechovs Buch
als Kompaß zur Neuentdeckung Sachalins eignet. Drittens
wollte er einen Auftrag Čechovs erfüllen. Denn dieser hatte
zwei unwegsame Siedlungen nicht besuchen können und hatte im 10.
Kapitel seines Buchs einen jüngeren Autor aufgefordert, diese Arbeit
irgendwann einmal für ihn zu erledigen.
Dalos Reise nach
Sachalin besteht nun aus 3 Teilen: Im ersten referiert er 110 Jahre
Geschichte Sachalins nach Čechovs Besuch, im zweiten erzählt
er von seinem dreizehntägigen Aufenthalt im Sommer 2000, im dritten
schließlich von einem Kurz-Besuch Putins. Sachalins Geschichte
im Zeitraffer: 1905 erobern die Japaner die Insel; im Frieden von Portsmouth
wird sie entlang des 50. Breitengrads geteilt; 1906 wird die Katorga abgeschafft
wegen des Friedensvertrags mit Japan, vor allem aber, weil Rußland
einsieht, daß sich Landwirtschaft und Industrie durch Zwangsarbeit
nicht entwickeln lassen; 1920 besetzt Japan die Insel ein zweites Mal,
1925 wird die ehemalige Demarkationslinie wiederhergestellt (mit einem
kommunistischen System im infrastrukturell benachteiligten, weil klimatisch
extremen Norden, und einem kleinen Wirtschaftswunder-Japan im wärmeren
Süden); am 9. August 1945, dem Tag des Abwurfs der Atombombe auf
Nagasaki, erklärt die Sowjetunion Japan den Krieg, am 2. September
kapitulieren die Japaner auf Süd-Sachalin. Die Japaner werden daraufhin
von der Insel vertrieben, und eine große Ansiedlungskampagne, insbesondere
im Süden, beginnt. Da diese Ansiedlung mit finanziellen Anreizen
verbunden ist, gilt Sachalin bis Anfang der neunziger Jahre als Ort, an
dem es sich trotz des extemen Klimas vergleichsweise gut leben läßt...
Davon ist allerdings nicht mehr viel zu spüren,
als Dalos die Insel im Sommer 2000 besucht. Moskau interessiert sich nicht
für Sachalin, die Insel ist sich mittlerweile selbst überlassen.
Unüberlegte Privatisierungen, Stillegung ganzer Produktionszweige,
Inflation, stetiger Rückgang der Bevölkerungszahl Dalos
wird Zeuge einer Insel mit schlechter Prognose, im nördlichen Teil
sogar von Agonie; Zeuge auch von typisch postsowjetischen Ungleichzeitigkeiten.
Denn in Form von Denkmälern, öffentlichen Beschriftungen, auch
in Form von Körpersprache und Verhaltensweisen, ist die untergegangene
Sowjetunion immer noch präsent. Zur gleichen Zeit dringen die Waren
der japanischen, amerikanischen und europäischen Märkte mit
immer größerer Macht in die Läden.
Wie einst Čechov, fährt auch Dalos von Ort
zu Ort, um sich über den Zustand der Industrie-Anlagen und der Verkehrswege,
über die Stromversorgung, die Architektur, über die Folgen des
Klimas auf die Gesundheit, über die Armut, Kindergärten und
Schulen, über Kirchen und Religionsausübung, über Museen,
die Presse und die Literatur auf Sachalin zu informieren. Er trifft dazu
den Gouverneur, einige Bürgermeister, spricht mit dem Vorsitzenden
der jüdischen Gemeinde, besucht das Sozialamt und sitzt im Zentralarchiv.
Er trifft dabei niemanden, der Čechovs berühmtes
Buch nicht gelesen hätte. Sein Geist ist überall zugegen. So
gibt es ein Čechov-Museum, ein Denkmal, und es gibt jährliche
Čechov-Lesungen. Und es gibt Leute, die hatten Großväter,
die Čechov vor 110 Jahren getroffen haben. Und es gibt selbstverständlich
Čechov-Legenden. Die von dem Großvater zum Beispiel, der sich
nach seiner Begegnung mit Čechov voller Stolz eine Frisur und einen
Bart wie dieser schneiden ließ.
Es sind solche Geschichten, die Dalos Buch lesenswert
machen. Ansonsten krankt es daran, woran auch Čechovs Buch zum Teil
krankte: an zuviel abstrakten Zahlen, Daten und Fakten. Denn Dalos vertraut
zu wenig der eigenen Wahrnehmung anders als der genaue, nüchterne
Beobachter und Analytiker Čechov. Hatte dieser sein angelesenes Wissen
völlig aus seinem Buch herausgehalten und sein Material vor Ort zusammengetragen,
kann sich Dalos im ersten und dritten Teil nur auf Informationen aus zweiter
Hand berufen, d.h. aus Büchern und aus dem Internet.
Anschaulich ist sein Buch deshalb nur da, wo er die
Sachalienser ihre Geschichten selbst erzählen läßt. Oder
im letzten Teil, wo er Geschichten schildert, die vom Kampf gegen die
unmenschliche Kälte handeln: Geschichten von Menschen, die in ihren
Wohnungen wegen unzureichender Öfen verbrennen oder ersticken, von
Menschen, deren einziges Heizmittel der Vodka ist, Geschichten von Schneestürmen,
von Stromausfällen, die Produktion und Verkehrswege lahmlegen und
die Versorgung unmöglich machen.
Erst nach diesen drastischen Geschichten ahnt man, wie
hart das Leben auf Sachalin tatsächlich ist. Und man versteht, daß
sich die Sachalienser nur eine Reform von Herzen wirklich wünschen:
die Reform längerer Wärmeperioden nämlich! Keine Bücher
von Čechov oder Dalos, keine Hilfen aus Moskau können ihnen
diese Reform verschaffen. Auf mehr Licht und längere Wärme müssen
sie deshalb noch lange warten...