Schreibheft. Zeitschrift für Literatur

Emotionale Zeitbombe
Allen Ginsbergs legendäres Gedicht Howl / Geheul
in einer kommentierten Sonder-Ausgabe
Von Norbert Wehr

„Nehmen Sie die Säume Ihrer Gewänder hoch, meine Damen, wir gehen durch die Hölle“ – Diese Warnung steht am Ende eines Vorworts, das William Carlos Williams für den Gedichtband eines jungen Lyrikers schrieb, der aus Paterson stammte, einer Stadt nahe New York.
    Williams, der mit Paterson, seinem langen, aus fünf Büchern bestehendem, der gleichnamigen Stadt gewidmeten Poem eines der Hauptwerke der amerikanischen Dichtung geschrieben hatte, war für den Jüngeren „der wahre Held der ersten Hälfte des amerikanischen Jahrhunderts“ und der einzig legitime Nachfahr Walt Whitmans. Die lebendige Sprache seiner Gedichte, ihr Atem und ihr Rhythmus hatten einen prägendem Einfluß auf ihn.
   Er selbst sollte Whitman und Williams beerben und in Amerika wenn nicht zum Helden, so doch zu einer der einflußreichsten literarischen Figuren der zweiten Jahrhunderthälfte werden.
    Mit einem legendären Auftritt in San Francisco, am 7. Oktober 1955, hatte alles begonnen. Lawrence Ferlinghetti, sein späterer Verleger, schickte ihm am Tag danach ein anspielungsreiches Telegramm, das einen Brief zitiert, den Ralph Waldo Emerson nach der Lektüre der Grashalme an Whitman geschrieben hatte: „Ich grüße Dich am Beginn einer großen Karriere.“
    Und in der Tat, sie war erstaunlich! Der Gedichtband löste bei seinem Erscheinen im Jahr 1956 einen Skandal aus, wurde beschlagnahmt, und sein Verleger kam wegen des Verkaufs „obszöner Literatur“ vor Gericht. Der Prozeß, der mit einem Freispruch endete, verhalf dem Autor und seinem Buch zu ungeheurer Popularität: Allein in den USA sind bis heute 750.000 Exemplare verkauft worden. – Die Rede ist von Allen Ginsberg und seinem Gedicht Howl.
   Die in Williams‘ Vorwort beschworene Hölle des Gedichts ist die Hölle des Molochs Amerika, die Hölle der Eisenhower-Präsidentschaft, der Atombombe, des kalten Kriegs, der Intellektuellenhatz McCarthys. „Ich sah“ – beginnt die berühmte erste Zeile – „die besten Köpfe meiner Generation zerstört vom Wahnsinn, ausgemergelt hysterisch nackt, wie sie im Morgengrauen sich durch die Negerstraßen schleppten auf der Suche nach einer wütenden Spritze ...“
    Was folgt, ist ein apokalyptischer Horrortrip durch die Nachtseiten New Yorks und des amerikanischen Traums, ist eine rhapsodische Wehklage, ein zorniger Aufschrei gegen die gefühllose, inhumane, bewußtseinstötende Welt des Kapitalismus. Gleich einer Jazz-Improvisation, evozieren Teil I und II die anonymen Schicksale der unter die Räder Gekommenen, der Drogensüchtigen, Alkoholiker und Obdachlosen, der Künstler und Homosexuellen. Teil III fokussiert den Blick auf den in Rocklands Irrenhaus einsitzenden Carl Solomon. Er, dem das Gedicht gewidmet ist, ist das beispielhafte Opfer, das Lamm, das wegen seines abweichenden Verhaltens aus der Gesellschaft ausgeschlossen wurde.
    Teil IV, die große Fußnote des Gedichts, spricht all diese Ausgestoßenen schließlich quasi heilig: „Heilig das Vergeben!“ – so der versöhnliche Schluß – „Barmherzigkeit! Nächstenliebe! Glaube! Heilig! Unser! Körper! Leiden! Großmut! Heilig die übernatürliche extra brillante intelligente Güte der Seele!“
    Eine „emotionale Zeitbombe“ habe sein Gedicht sein sollen, hat Ginsberg später geschrieben, eine Zeitbombe, die immer wieder im Bewußtsein nachfolgender Generationen explodieren können sollte. Kein Akt reiner Verweigerung sollte es sein, vielmehr Stimme solidarischen Mitleidens. Wie kein zweiter Text wurde Howl zum Ausdruck für den Beat, für Flower-Power, für das Lebensgefühl der rebellischen Jugend in den fünfziger und sechziger Jahren.
    Anläßlich des dreißigjährigen Publikationsjubiläums hat Ginsberg eine bibliophile Ausgabe seines Gedichts herausgegeben. Sie enthält Faksimiles der ersten Fassung sowie zahlreicher Überarbeitungen, ausführliche Selbst-Kommentare, ein Porträt Carl Solomons, Briefe aus der Entstehungszeit, einen Bericht der ersten Lesung und Texte aus dem Quellgebiet des Gedichts (u.a. von Apollinaire, Schwitters, Majakowskij und Artaud). Eine um die deutsche Übersetzung ergänzte Version dieses Buchs ist jetzt in der Edition Michael Kellner erschienen. Entstanden ist der Glücksfall einer kommentierten Gedicht-Ausgabe!