Schreibheft. Zeitschrift für Literatur

Gnadenloses Vergnügen
David Foster Wallace auf Kreuzfahrt
von Norbert Wehr

An einem 1. April, Fools Day, irgendwann in der Mitte des 19. Jahrhunderts, verläßt bei Sonnenaufgang der Mississippi-Dampfer Fidèle St. Louis in Richtung New Orleans. An Bord befindet sich u.a. ein "weitgereister" Fremder, ein "Fremder in des Wortes tiefstem Sinne". Wer er ist, woher er kommt und was er beabsichtigt - niemand auf dem Dampfer weiß es.
   Bis zum Anbruch der ersten Nacht wird dieser seltsame Fremde ständig seine Verkleidungen und Maskeraden ändern. Er wird die unterschiedlichsten Passagiere in philosophische und politische Gespräche verwickeln, und er wird dabei versuchen - aus Gründen, die undurchsichtig bleiben -, die Probe auf deren Vertrauensfähigkeit und christliche Nächstenliebe zu machen.
   Der "Confidence-Man", wie er genannt wird, ist der Protagonist in Maskeraden oder Vertrauen gegen Vertrauen, Herman Melvilles kultur- und gesellschaftskritischstem, seinem am meisten erkenntnis-skeptischen Roman. Die Welt: eine Serie von Täuschungen; das Leben: eine Maskerade; alles Handeln: nur Schauspielerei - so lautet seine pessimistische Bilanz ...
   150 Jahre später, am 11. März 1995, legt die Zenith, ein Luxus-Liner der Celebrity Cruises Inc., im Hafen von Fort Lauderdale zu einer siebentägigen Karibik-Kreuzfahrt ab. Auf der Passagierliste des Schiffs steht u.a. der 33jährige Schriftsteller David Foster Wallace, einer von Melvilles begabtesten Nachfahren. Wallace reist im Auftrag und auf Kosten von Harper's Magazine, für das er eine "persönliche Doku-Postkarte im Breitwandformat" schreiben soll.
   Unter den 500 Urlaubern auf der Zenith ist er genauso fremd wie der Confidence-Man auf der Fidèle, denn er reist allein, ist deutlich jünger als der Durchschnitt der Passagiere, besitzt keine Camcorderausrüstung, ist freundlich zum Bordpersonal, und wenn zum Dinner ein Smoking vorgeschrieben ist, kommt er im T-Shirt, das einen dito-Aufdruck trägt. - Ein "Fremder in des Wortes tiefstem Sinne" also auch er.
   Surreal muß ihn daher anmuten, was er auf der Zenith beobachtet. "Ich habe", beginnt er seine Reportage ziemlich konsterniert, "500 amerikanischen Leistungsträgern beim Ententanz zugeschaut. (...) Ich habe erwachsene US-Bürger aus dem gehobenen Mittelstand gehört, erfolgreiche Geschäftsleute, die am Info-Counter wissen wollten, ob man beim Schnorcheln naß wird, ob Skeetschießen im Freien stattfindet, ob die Crew ebenfalls an Bord schläft oder um welche Uhrzeit das Midnight-Buffet eröffnet wird ..." - Er, der Schriftsteller, ist auf ein Schiff voller Narren geraten, ein Schiff voller wohlhabender, bunte Hawaihemden tragender Senioren, die rund um die Uhr an Spiel- und Spaß-Aktivitäten teilnehmen, auf Bordfesten permanente Party feiern, die eine Woche lang besinnungslos verwöhnt werden wollen.
   Ein gefundenes Fressen für einen Satiriker, könnte man meinen! Doch es ist eher Trauer, ja fast Verzweiflung, die Wallace angesichts der tragikomischen Anstrengungen befällt, der Hinfälligkeit und dem Tod mit selbstvergessenem Spaß trotzen zu wollen. "Ein Urlaub bedeutet Schonung vor den Unannehmlichkeiten des Lebens", notiert er, allein in seiner engen Kabine sitzend, "und da das Wissen um Tod und Untergang mit ziemlicher Sicherheit unangenehm ist, mag es verwundern, warum der alternative amerikanische Traumurlaub ausgerechnet darin besteht, in eine archaische Todesmaschine gepfercht zu werden. Doch auf einer 7NC-Luxus-Kreuzfahrt arbeitet man geschickt am Traum vom Sieg über eben diesen Tod und Untergang."
   Was nun genau, im konkreten Detail, diese Arbeit der Tourismus-Strategen ausmacht, das versucht er in seiner Reportage herauszufinden. Er untersucht daher z.B. die imperativen Verheißungen des Schiffs-Katalogs (der von einem prominenten Schriftsteller formuliert worden ist), prüft die vielen Beispiele von Luxus (den Room-Service, die Ausstattung der Kabine, die Qualität von Materialien, das Funktionieren der Toilette, die Qualität der Mahlzeiten) und beobachtet die vielfältigen Animations- und Fitness-Programme (Dart- und Tischtennis-Tunier, Shuffleboard-Shuffle, die Spaßolympiade, das Skeetschießen).
   Es muß ein "Fremder" sein, wer bei all dem Luxus und der guten Laune einen klaren Kopf bzw. Blick dafür behält, wie groß die Bevormundung der Passagiere durch die Verwöhn-Philosophie des Tourismus-Unternehmens ist, d.h. wie weitgehend ihnen, besonders durch den Schiffs-Katalog, "nicht nur die Wahrnehmung, sondern auch die Interpretation sowie Artikulation der Wahrnehmung" abgenommen wird. Für Wallace steht dann auch nach einer Woche zweifelsfrei fest: Die Zenith ist nichts anderes als eine autoritär organisierte, mit erbarmungslosem Regiment geführte Vergnügungs-Maschine; die Kreuzfahrt kein Traumurlaub, sondern eine veritable Höllenfahrt!
   Höhepunkt dieser Höllenfahrt ist der letzte Abend, an dem bezeichnenderweise der Hypnotiseur Nigel Ellery auftritt. Dessen Show wird zum Schlüssel für das Mysterium der Kreuzfahrt. Denn Ellery, der die Rolle des publikumsverachtenden Fieslings spielt, läßt erwachsene Menschen Dinge tun, die an Peinlichkeit kaum zu überbieten sind. "Es ist", schreibt Wallace am Ende, "als ermöglichte ihnen die Hypnose, derart effektive Phantasiegebilde zu konstruieren, daß sie als Phantasien nicht mehr durchschaubar sind. Als gehörte ihnen der eigene Kopf nicht mehr." Er selbst kann diesen Abend nur ertragen, indem er sich in eine Art Trance versetzt: Kraft seines Vorstellungsvermögens verläßt er das Schiff bereits vor der Ankunft in Fort Lauderdale ...
   Schrecklich amüsant - aber in Zukunft ohne mich, seine Reportage über die Kreuzfahrt auf einem Seniorendampfer, erscheint als erster, programmatischer Band der neuen Buchreihe des Hamburger mare-Verlags. Sie ist ein seltenes Beispiel für eine intelligente, analytisch brillante Gesellschafts- und Kulturkritik, die zugleich unterhaltsam und fast launig daherkommt (und nicht zuletzt: vorzüglich übersetzt ist!). Man darf deshalb gespannt sein, welche Bücher in Zukunft bei mare publiziert werden. Ein verheißungsvoller Anfang ist jedenfalls gemacht.