Die Peitsche
im Rücken
Djuna Barnes' Briefe an Emily Coleman
Von Norbert Wehr
Auf große Stilvollendung, Schönheit des
Ausdrucks, auf Brillanz und Geist in der Charakterisierung sowie auf einen
der elisabethanischen Tragödie verwandten Geschmack von Grauen und
Untergang - auf diese Qualitäten versuchte T.S. Eliot die Leser in
seinem Vorwort zu Djuna Barnes' Roman Nachtgewächs
vorzubereiten.
Es ist ein merkwürdiges Vorwort, und sicher das
umständlichste, das je zum Verständnis und zum Lobe eines großen
Buches geschrieben wurde. Denn Eliot verhehlt darin nicht, daß er
Vorbehalte hatte, als er das ursprüngliche Manuskript las, und daß
er mehrere Lektüren (und Lektoratsdurchgänge) brauchte, um seine
Bedeutung zu erkennen.
Daß er das Manuskript überhaupt prüfte,
seine anfänglichen Vorbehalte überwandt und es schließlich
1936 bei Faber and Faber publizierte, dafür ist vor allem das hartnäckige
Drängen Emily Colemans verantwortlich: "Wenn Eliot Dein Buch
ablehnt", schrieb Coleman ihrer Freundin Djuna im Jahr 1934, "und
ich ihm je wieder begegne, wird er etwas zu hören bekommen, das er
in seinem ganzen Leben noch nicht gehört hat ..."
Begeisterungsfähig, resolut, von schier unermüdlicher
Intensität und Produktivität - so war sie bekannt, die Journalistin,
Schriftstellerin und ehemalige Sekretärin der Anarchistin Emma Goldmann;
eine "angenehme Verrückte", wie Peggy Guggenheim sie in
ihrer Autobiographie charakterisierte.
Coleman hatte sich in den Kopf gesetzt, daß Nachtgewächs,
allem Unverständnis und allen Ablehnungen zum Trotz, erscheinen sollte.
Darum unterstützte sie die Freundin, machte detaillierte Vorschläge
für Veränderungen und Kürzungen (insbesondere beim Romanpersonal)
und war sich nicht zu schade, das Manuskript auch abzutippen. Denn der
Roman, so ihre Überzeugung, war das "Ergebnis der höchsten
Art künstlerischer Imagination - eine poetische Tragödie."
In den zwanziger Jahren hatten sich die beiden unterschiedlichen
Frauen in Paris kennengelernt; zu engen Freundinnen wurden sie im englischen
Hayford Hall, Peggy Guggenheims Sommerwohnsitz während der dreißiger
Jahre. Eine schmale Auswahl ihrer umfangreichen Korrespondenz, d.h. eine
Auswahl von Briefen Barnes' an Coleman, die fünf Jahre zwischen Anfang
1934 und Ende 1938 focussieren, ist jetzt zum ersten Mal auf Deutsch erschienen.
Die schwere Wirtschaftskrise in den Vereinigten Staaten,
nationalsozialistische und faschistische Diktaturen in Europa, der spanische
Bürgerkrieg - dies Szenario bildet den politischen Hintergrund der
Briefe.
Es waren schwierige, harte Jahre für Barnes: Sie
war 42 im Jahre 1934, ihre besten Zeiten als Journalistin in New York
und Paris waren vorbei. In Amerika war es unmöglich geworden, bei
Verlagen und Zeitungen wieder Fuß zu fassen. Ihr früher Ruhm
war verblaßt, das Manuskript von Nachtgewächs
stieß auf Unverständnis. Sie lebte u.a. von der Unterstützung
Peggy Guggenheims.
Daß sich hinter der glamourösen, zum Klischee
gewordenen Fassade von der eleganten, extravaganten Exzentrikerin in Wahrheit
eine einzelgängerische, schüchterne, einsame, melancholische,
oft verzweifelte Frau verbarg, das wußte man bereits aus der Biographie
von Kyra Stromberg.
In Barnes' freimütigen - nicht allegorischen, sondern
Klartext redenden - Briefen an Coleman läßt es sich nun im
Original-Ton nachlesen: "Das Leben wird so schwarz und furchterregend,
je weiter man kommt. Vermutlich lebt man nur aufgrund der Unfähigkeit,
sich die Erinnerung daran gegenwärtig zu erhalten - ansonsten hätte
keiner von uns das Erwachsenenalter erreicht."
Das ist der Ton, den schon der erste Brief vom Februar
1934 anschlägt. Und bis zum vorletzten, vom Dezember 1938, wird er
sich nicht ändern: "Du realisierst offenbar nicht", schreibt
sie im gleichen Ton, "daß ich wirklich krank bin, daß
ich keinen Strich mehr an meiner eigenen Arbeit tun kann, alles Leben
scheint aus mir entwichen, mir liegt im Grunde an nichts mehr außer
daran, in Frieden zu sterben und (da ich ein Feigling bin) mit so wenig
Schmerzen wie möglich."
Dazwischen liegen 40 Briefe, in denen sie ihre Einsamkeit,
ihre Sinnlosigkeitsattacken und Depressionen, die fehlenden Verdienstmöglichkeiten,
die Abhängigkeit von Peggy Guggenheim, die Zweifel und Skrupel, die
Hölle beim Schreiben (und Nicht-Schreiben), die harte Arbeit an der
Überarbeitung von Nachtgewächs,
die traumatische Familiengeschichte, die enervierende Mutter, Alkoholprobleme,
Nervenzusammenbrüche, ein neues, nicht gelingen wollendes Buch über
die Dada-Künstlerin Elsa von Freytag-Loringhoven ... und immer wieder
und vor allem das Älterwerden, den "fallenden" Körper,
die nachlassende Attraktivität beklagt ...
Besonders über die komplizierten Geschlechterbeziehungen
kann sie sich mit Coleman offen aussprechen - über die unglückliche
Liebe zu Rudolph Silas Glossop etwa, den letzten wichtigen Mann in ihrem
Leben. "Wir vertragen uns besser", schreibt sie 1938, ein Jahr
nach der ersten Begegnung, "stehen uns merkwürdigerweise näher
als je zuvor, obschon es mit dem Sex anscheinend endgültig vorbei
ist ... er sagt, er könnte mit mir nichts mehr anfangen, es würde
sich anfühlen, als schliefe er mit seiner Mutter oder Schwester ..."
Für sie, die ein libertäres Liebesleben hinter
sich hatte, war diese Erfahrung der Anfang vom Ende. Sie hatte das Gefühl,
mitten im Leben eine alte Frau geworden zu sein.
Ihrer tragischen, apokalyptischen Disposition, ihrem
Pessimismus zum Trotz, sollte sie allerdings noch doppelt so lange leben.
Sie starb am 18. Juni 1982 in New York, wenige Tage nach ihrem neunzigsten
Geburtstag. Die Briefe, die der Wagenbach-Verlag jetzt zwanzig Jahre nach
ihrem Tod veröffentlicht, sind bewegende, oftmals herzzerreißende
Dokumente über die dunklen Seiten einer faszinierenden Künstlerin,
über den hohen Preis, den sie für ihr Werk bezahlen mußte.
"Frauen", schrieb sie im Alter von 46, "scheinen
manchmal durch Zufall ein großes Kunstwerk hervorzubringen, aber
genau das zieht mich runter, ich fühle, daß mir nie wieder
etwas zufallen wird, nichts als der Tod; es treibt mich meinem eigenen
Grab entgegen, das Zufallskunstwerk einer Frau ist eine Peitsche in ihrem
Rücken, durch die sie ausgelöscht wird."