Brinkmanns Testament
Rolf-Dieter Brinkmanns Briefe an Hartmut
Von Norbert Wehr
Rolf Dieter Brinkmann, der sich im Jahr 1970
desillusioniert, verzweifelt, voller Haß und Wut aus dem
literarischen Betrieb zurückgezogen hatte, nahm 1973 eine Einladung
Leslie Willsons an, im Frühjahr 1974 als visiting writer
an die University of Texas in Austin zu kommen. Nach einem Stipendium
an der Villa Massimo im Winter 72/73 war es sein zweiter längerer
Auslandsaufenthalt und eine weitere Auszeit von seinen immer drängender
werdenden Problemen.
In der Villa Massimo hatte er u.a. herzzerreißende
Liebes-Briefe an seine in Köln gebliebene Frau Maleen geschrieben,
Briefe, die später im Zentrum seines posthum erschienenen Buchs Rom,
Blicke stehen sollten. Zurückgekehrt aus Austin, begann
er eine Korrespondenz mit Hartmut Schnell, einem zehn Jahre jüngeren
Studenten, den er in seinem Seminar kennengelernt hatte.
Lieber Hartmut beginnt der erste Brief
heute ist ein ganz mieser Tag draußen, bleich und regnerisch,
und dazu noch einer dieser absolut öden, verwahrlosten Feiertage
auf deutsch, nämlich der 2. Pfingsttag, wo die ganze Öde der
Umgebung und des sonstigen alltäglichen Lebens der Bundesrepublik
und der deutschen Mentalität zum Vorschein kommt, so verrottet doof
und brav-bürgerlich, das einem ganz schlecht werden kann ...
So düster, so pessimistisch, so aggressiv ist
der Ton, auch der folgenden Briefe, wenn er dem Freund sein Leben und
seinen Alltag beschreibt: die Kriegserfahrungen, der frühe Tod der
Mutter, das verhaßte Köln, die zerrüttete Ehe, der behinderte
Sohn, der Zusammbruch fast aller freundschaftlicher Kontakte, Einsamkeit
und wachsende materielle Not.
Doch Brinkmann schrieb weiter, der Verzeiflung zum
Trotz, und erst recht aufs Ganze gehend. In seinen Gedichtband Westwärts
1&2, an dem er nach seiner Rückkehr arbeitete, floß
neben den Rom-Erfahrungen auch die Reise nach Amerika ein. Das Titel-Gedicht
Westwärts erzählt etwa vom Flug nach Austin, Westwärts,
Teil 2 von der Rückkehr ins traurige, alte Europa.
Basis von Schnells und Brinkmanns Freundschaft war
u.a. ihr gemeinsames Interesse an einem Unangepaßten, dem expressionistischen
Dichter Alfred Liechtenstein, den Schnell zum Gegenstand seiner Magisterarbeit
machen wollte. Nachdem Brinkmann nach Deutschland zurückgekehrt war,
entschloß sich Schnell jedoch, seine Arbeit der Lyrik des Freundes
zu widmen.
In ausführlichen, detaillierten Briefen gibt Brinkmann
ihm daher Auskunft über seine literarische Entwicklung, die Einflüsse
von William Carlos Williams, Frank OHara, Robert Creeley, von amerikanischer
Pop-Musik und Filmen, gibt ihm Einblick in die Entstehung seiner Westwärts-Gedichte,
schickt ihm Entwürfe und bittet sogar um deren Übersetzung.
In ausführlichen, detaillierten Briefen gibt Brinkmann
ihm daher Auskunft über seine literarische Entwicklung, die Einflüsse
von William Carlos Williams, Frank OHara, Robert Creeley, von amerikanischer
Pop-Musik und Filmen, gibt ihm Einblick in die Entstehung seiner Westwärts-Gedichte,
schickt ihm Entwürfe und bittet sogar um deren Übersetzung.
Im Juli hatte ihn nämlich eine Einladung erreicht,
im April 1975 an einem Poesie-Festival in Cambridge teilzunehmen. Schnells
Fragen, und Brinkmanns Wunsch, der Freund möge für dieses Festival
einige Gedichte übersetzen, sind der Anlaß, noch einmal seine
ganz untheoretische Theorie des zeitgenössischen Gedichts zu formulieren:
Energiefelder müßten sie sein, in einer unzensierten, nicht-metaphorischen,
den Dingen verhafteten, konkreten sinnlichen Sprache geschrieben; Momentaufnahmen,
Schnappschüsse, die sich jedem Material und jeder Erfahrung öffnen.
Entsprechend ist der Gestus seiner Briefe: spontan, eruptiv sind
sie, oft heftig, manche wie im Rausch geschrieben, euphorisch und schnell,
und immer von blitzhellen, sich überschlagenden Wahrnehmungen und
Erkenntnissen durchsetzt.
Der letzte stammt von Ostern, und sein Schluß-Satz
enthält ein ungewöhnliches, weil seltenes Bild schöner,
einfacher Ruhe einer Ruhe, die Sehnssuchtsziel des ganzen brinkmannschen
Furors war: Gestern schreibt er war Karfreitag, und
ich machte eine gute Graupensuppe, war prima. Als ich aufwachte, war Schnee
auf den Dächern, gegenüber. (Der Schnee machte die Engelbertstraße
sehr hell. Und still.)
Nur wenige Tage später sollte Brinkmann tot sein.
Nach dem Festival in Cambridge verbrachte er noch einige Tage in London.
Am 23. April wurde er dort beim Überqueren der Straße von einem
Auto überfahren, 35 Jahre alt.
In der rückblickenden Lektüre lassen sich
die Briefe an Hartmut als Brinkmanns biographisches und poetologisches
Testament lesen.