Nächtliche Gespräche
am Jenissej
Über Puschkin und den Hasen
Von Norbert Wehr
Ende Mai 1999, in Krasnojarsk, einer Millionen-Stadt
Sibiriens, unweit der mongolischen Grenze: Auch hier, viertausend Kilometer
von Moskau und Kamtschatka entfernt, bereitet man sich auf die Feiern
zum
200. Geburtstag Alexander Puschkins vor. Auf den Straßen, wo früher
Losungen der KPDSU standen, sind große, farbige Plakate angebracht,
mit Puschkins Konterfei und Gedichten in seiner Handschrift.
Wir, deutsche und russische Schriftsteller bzw. Kritiker,
vom deutschen Außenministerium in Krasnojarsk zusammengebracht,
sitzen eines Abends, bei sommerlichen Temperaturen, in einer Kneipe am
Ufer des Jenissej und reden über Literatur. Einer unserer Freunde,
ein Schriftsteller aus Irkutsk, ist erstaunlich gut informiert. Er kennt
die amerikanische, die französische und die deutsche Literatur. Er
ist ein Afficionado, neugierig auf alles, was als avanciert gelten kann.
Und Puschkin, fragt er uns, nicht unvermittelt, was
ist mit Puschkin? Kennt Ihr eigentlich Puschkin? Wir zögern.
Nein, antworten wir, um ehrlich zu sein, Puschkin kennen wir nicht. Vom
Werk: kaum etwas; vom Leben: nur Ungenaues, lediglich, daß Puschkin
bei einem Duell ums Leben kam.
Da legt unser Freund plötzlich los. Auf diese
Gelegenheit, scheints, hat er gewartet. Er richtet sich in seinem
Stuhl auf und beginnt zu gestikulieren er erzählt uns von
Puschkin, von der Puschkin-Zeit! Vom Krieg gegen Napoleon, dem brennenden
Moskau, der Schlacht bei Borodino, der Hochwasserkatastrophe in St. Petersburg,
dem Wechsel auf dem Zarenthron, der Revolte der Dekabristen, dem russisch-türkischen
Krieg.
Erzählt uns von Puschkin, dem Lyzeums-Schüler
in Zarskoje Selo, dem Sekretär im Außen-Ministerium, dem Freund
der Dekabristen, von Puschkin, der wegen angeblich majestätsbeleidigender
Gedichte nach Bessarabien strafversetzt, danach in Michailowskoje unter
Polizeiaufsicht gestellt wurde, erzählt von Zar Nikolai I., der sich
zu seinem persönlichen Zensor machte, von Puschkins Reise nach Tiflis,
von seinen Frauengeschichten, seiner Heirat, seiner Degradierung zum Kammerjunker,
und von Georges dAnthès, der ihn, erst 37 Jahre alt, in einem
Duell erschoß.
Und, unser Freund er erzählt die Geschichte
vom Hasen! Dem Hasen, der Puschkin über den Weg lief, als er sich
aufgemacht hatte, aus Michailowskoje eigenmächtig nach St. Petersburg
zu reisen. Der Hase, sozusagen die schwarze Katze Rußlands, veranlaßte
den abergläubischen Dichter, an entscheidender Stelle umzukehren.
Ansonsten wäre er kaum auszudenken! am 14. Dezember
1825 auf den Senatsplatz in St. Petersburg geraten und hätte mit
seinen Freunden am Dekabristenaufstand teilgenommen.
Er hätte deren Schicksal geteilt, er wäre
gehenkt, oder, wahrscheinlicher, nach Sibirien verbannt worden, zur Zwangsarbeit
vielleicht nach Krasnojarsk. Er hätte dort seine wichtigsten
Werke nicht geschrieben, er hätte nicht geheiratet, hätte sich
nicht duelliert, er wäre nicht zu der Legende geworden, die er in
Rußland ist. Puschkin, will unser Freund uns sagen, wäre nicht
Puschkin, hätte es den schicksalhaften Hasen nicht gegeben.
Eben diesen Hasen hat Andrej Bitow, Rußlands Pen-Präsident
und leidenschaftlicher Puschkinist, zum heimlichen Helden seines jüngst
erschienenen Buchs gemacht. Puschkins Hase heißt es, und
es versammelt sieben kunstvoll verschränkte Essays und Erzählungen,
sieben hakenschlagende, Fakten und Erfindungen verwirbelnde Spiegelfechtereien,
die in immer neuen Variationen Puschkins Verbannung in Michailowskoje
und seine Begegnung mit dem Hasen umkreisen.
Das väterliche Gut in Michailowskoje was
man wissen muß, wenn man Bitows Erfindungen verstehen will
war Puschkins Verbannungsort in den Jahren 1824 bis 1826. Er stand hier
unter polizeilicher Aufsicht, durfte den Ort nicht verlassen, seine Briefe
wurden von der Geheimpolizei zensiert. Die erzwungene Trennung von Jelisaweta
Woronzowa, seiner Geliebten aus Odessa, sowie Einsamkeit, Geldprobleme,
das Fehlen intellektueller Kontakte, von Freunden und Zerstreuungen
es war eine Zeit härtester Prüfungen.
Aber auch eine Zeit unglaublicher Produktivität:
Hier schrieb er an Boris Godunow und Eugen Onegin, kurz
nach seiner Umkehr, am 13. und 14. Dezember, entstand Graf Nulin,
und am 30. Dezember erschien ein Band mit Gedichten. Dieser Band, Gedichte
von Alexander Puschkin, wurde ein beispielloser Erfolg, und Puschkin
zum Hoffnungsträger der oppositionellen Kräfte. Der Fünfundzwanzigjährige
hatte sich als erster Dichter Rußlands durchgesetzt, hatte sich
in die Weltliteratur eingeschrieben.
Das alles, das große Werk behauptet auch
Bitow , war nur möglich wegen des Hasens. Folgerichtig also,
daß er dem literaturhistorisch so verdienstvollen Tier ein Denkmal
setzen will, ein literarisches, aber auch ein ganz reales, irgendwo, auf
dem Weg zwischen Michailowskoje und St. Petersburg wer dafür
spenden will, findet auf Seite 142 seines Buchs eine Moskauer Bankverbindung
...
Im Zentrum seiner Hommage an Puschkin und den Hasen
steht ohne Zweifel die Erzählung Ein Photo von Puschkin: Im
Jahr 2099 wird der 300. Geburtstag von Puschkin gefeiert. Der Jubiläumssowjet
verläßt dafür seine Weltraumstation, um auf die alte Erde
zurückzukehren, auf der auch Puschkin gelebt hatte. Igor Odojewzew,
ein entfernter Nachfahr von Ljowa Odojewzew, dem Protagonisten aus Bitows
Roman Das Puschkinhaus, wird mit einer außergewöhnlichen
Mission betraut: Er soll, mithilfe einer Zeitrakete, in Puschkins Zeit
reisen. Sein Auftrag: Ein Photo von Puschkin mitzubringen, und ein Tonband
mit dessen Stimme.
Er landet am 23. Mai 1836 in St. Petersburg, dem Tag,
an dem Puschkins viertes Kind geboren wird. Das Netz der Intrigen zieht
sich in dieser Zeit schon immer mehr um Puschkin zu. Igor, der weiß,
wie alles ausgehen wird, der weiß, daß Puschkin nicht mehr
lange zu leben hat, versucht verzweifelt, den verehrten Dichter zu treffen
vergeblich. Das Duell kann er am Ende nicht verhindern. Umsonst
das Penizilin, das er mitgebracht hatte, um Puschkins tötliche Bauchfellentzündung
zu heilen.
Er beschließt, Puschkin ins Jahr 1825 zu folgen,
um wenigstens ein anderes Unglück zu verhindern, Puschkins Tod am
Galgen oder seine Verbannung nach Sibirien. Es bewahrheitet sich, was
wir längst geahnt haben: Er, Igor Odojewzew, war es, der den Hasen
aufscheuchte. Er, der Chrononaut aus dem 21. Jahrhundert!
Während des Hochwassers in St. Petersburg, einer
Jahr früher, wird er schließlich wahnsinnig, wie Jewgeni im
Ehernen Reiter, und muß in einer dramatischen Rettungsaktion
ins Jahr 2099 zurückgeholt werden. Die Ausbeute seiner Expedition
ist mager: auf den Bändern nur Rauschen, einmal, ganz kurz, hoch
und schrill, eine Stimme, Puschkin, der seinem Diener zuruft: Nikifor!
Wie oft soll ich Dir noch sagen, den laß nicht rein.
Und auf den Photos: nur Schatten. Lediglich zwei sind gelungen: eins von
Wassili, Puschkins Koch, der Igor die Tür vor der Nase zuschlägt,
sowie ein Porträt des Hasen im Schnee: Männchen macht
er, die Löffel hochgereckt und die Vorderläufe gegen die Brust
gepreßt.
So hockte er also, wie das Photo endlich beweist, im Schnee, als er auf
Puschkin wartete und so wird er immer hocken: Die Löffel hochgereckt,
lauscht er den Geräuschen einer näherkommenden Kutsche. Er wird
ihren Weg kreuzen, wird Puschkin zur Umkehr bewegen, wird ihn seine Meisterwerke
schreiben lassen. Der Hase, wie er da hockt, wird Puschkins Ruhm begründen.
Er ist es, dem wir das Glück verdanken, zweihundertste, dreihundertste
bis in alle Ewigkeit Puschkins Geburtstage feiern zu dürfen.
Er hat, wie wir meinen, sein Denkmal verdient.