Schreibheft 77
 

Niels Lyngsø   Gedichte für die brennende Bibliothek
Aus dem Dänischen von Hanns Grössel
Andrew Duncan   Im Ethnographischen Museum
Aus dem Englischen von Thomas Kling


Charles Olson   Gloucester / Massachusetts
Die Maximus-Gedichte
Zusammengestellt von Norbert Lange, Gerd Schäfer
und Norbert Wehr
mit Beiträgen und Übersetzungen von Konstantin Ames,
Jürgen Brôcan, Robert Creeley, Ed Dorn, Robert Duncan, Erwin Einzinger,
Egbert Faas, Gerhard Falkner, Vincent Ferrini, Walter Höllerer,
Norbert Lange, Renate von Mangoldt, Susanna Mewe, Michael Mundhenk,
J.H. Prynne, Friedhelm Rathjen, Klaus Reichert, Stefan Ripplinger,
Ed Sanders, Rainer G. Schmidt, Ulf Stolterfoht, Lynn Swigart, Barbara F. Tax,
Wulf Teichmann, William Carlos Williams, Ron Winkler,
Uljana Wolf u.a.

Ed Dorn Ungetüme / Gedichte
mit einem Gespräch über die Ungetüme, das "Jahrzehnt als Form"
und Olsons Maximus-Gedichte


Monika Rinck   Wir sind Elefanten
Laudatio für Ben Lerner und Steffen Popp


EXTRAS

Charles Olson in älteren Schreibheft-Ausgaben
Charles Olson besucht Ezra Pound im St. Elizabeths Hospital
in: Schreibheft 69
Charles Olsons Brief für Melville 1951
in: Schreibheft 68
T. S. Eliot über Gloucester / Massachusetts
in Four Quartets / The Dry Salvages
in: Schreibheft 66


Henry Ferrini   Polis is this   Charles Olson and the Persistence of the Place
Porträtfilm

Charles Olson liest aus den "Maximus"-Gedichten
Charles Olson, Lesungen
Ed Sanders singt Charles Olsons "Maximus, from Dogtown I"
Ed Dorn liest  "Inspektion" und "Broadcide"
Ed Dorn, Lesungen


Michael Braun über Schreibheft 77
   Es ist die folgenreichste und schönste Verschwörung, die uns die Kulturgeschichte jemals geschenkt hat: die Konspiration der Dichtung. „You send mir your poems, / I“ll send you mine“ – „Du schickst mir deine Gedichte, / ich schick dir meine“: So beginnt das Gedicht „The Conspiracy“, auf deutsch „Die Verschwörung“ des amerikanischen Poeten Robert Creeley, der damit auf das unendliche Gespräch unter den Dichtern verweist, das in der Romantik begonnen hat und bis in die Spätausläufer der Moderne und Post-Moderne fortgeführt worden ist. Das dialogische Prinzip, der leidenschaftliche Austausch von Denkfiguren, Motiven, Ideen und Wortkonstellationen ist das intertextuelle Fundament einer Dichtkunst, die besonders engagiert von den Großmeistern der amerikanischen Lyrik propagiert worden ist.
   In Deutschland hat man im 20. Jahrhundert diese poetische Verschwörung der amerikanischen Dichter, die von Autoren wie Ezra Pound, Charles Olson und Robert Creeley angestiftet wurde, lange nicht bemerkt. Als erster hatte der genialische Jungdichter Rainer Maria Gerhardt um 1950 den Versuch eines „transatlantischen Dialogs“ mit den Anglo-Amerikanern unternommen. Dieses Experiment scheiterte, denn in Deutschland hegte man ein begründetes Mißtrauen gegenüber Ezra Pound, hatte der sich doch an den italienischen Diktator Benito Mussolini angebiedert.
   So kommt es, daß eine Schlüsselfigur der modernen amerikanischen Dichtung, der große Lyriker und Poetologe Charles Olson, hierzulande bis heute ein Unbekannter geblieben ist. Für die ersten öffentlich sichtbaren Spuren Olsons zeichneten 1966 Walter Höllerer und Klaus Reichert verantwortlich, die den sanften Riesen aus Massachusetts ans Literarische Colloquium Berlin holten, wo Olson mit seiner Poetik des „offenen, projektiven Verses“ und seiner Lehre vom Gedicht als hochwertigem „Energieträger“ die Matadoren der deutschen Lyrik beeindruckte. Walter Höllerer hatte damals das Literarische Colloquium nach dem Vorbild des sogenannten „Black Mountain College“ gegründet, in dem Olson als charismatischer Lehrer die Hauptrolle spielte.
   Ein halbes Jahrhundert danach hat nun das Schreibheft, die nach wie vor lehrreichste Zeitschrift zur Wiedererweckung der literarischen Moderne, in der aktuellen Nummer 77 ein umfangreiches Dossier zu dem eigensinnigen Weltpoeten Charles Olson zusammengestellt. Unter der Federführung von Norbert Lange und Gerd Schäfer sind hier instruktive Essays und Kommentare zu Olsons Werk versammelt und erstmals auch zentrale Teile von Olsons opus magnum Maximus in deutscher Übersetzung zu lesen.
   Im Focus des Interesses steht hier die Zeit nach dem Ende der Dichterschule des „Black Mountain College“, als Olson 1957 von North Carolina nach Massachusetts umgezogen war und sich dort nach Gloucester zurückgezogen hatte, ein kleines Fischerstädtchen am nordöstlichen Rand der Vereinigten Staaten. Der Ort Gloucester wird im Großgedicht Maximus zum dichterischen Kosmos und zum Kraftzentrum alles Lebendigen. Als Übersetzer ausgewählter Teile von Maximus agieren mit Norbert Lange, Konstantin Ames, Ron Winkler und Uljana Wolf die experimentierfreudigsten Köpfe der jungen Dichtergeneration. Dazu treten mit Jürgen Brôcan, Rainer G. Schmidt, Ulf Stolterfoht und Gerhard Falkner sehr inspirierte Dichter und Übersetzer, die dafür gesorgt haben, daß diese Wiedererweckung Charles Olsons zu einem aufregenden literarischen Ereignis geworden ist.
   Zu „Hammer und Bolzen des Versbaus“ hat Olson die Silbe erklärt – und es ist ein lehrreiches Vergnügen, die kongenialen Nachdichtungen der Übersetzer zu studieren, die den „offenen Vers“ Olsons, der typographisch den ganzen Raum der Seite in weit ausschwingenden Langzeilen ausnutzt, in ganz unterschiedliche Tonarten transferieren. Mal liest sich Olsons Maximus wie eine hymnische Schöpfungsgeschichte, in der der „tiefwirbelnde Okeanos“ alle Dinge „durch alles“ steuert, dann wieder wie eine Rhapsodie auf „Dogtown“, einen Weltenwinkel in Massachusetts. Grundiert werden diese Rhapsodien durch eine Lobpreisung eines neuen Gesellschaftsideals, einer Apologie auf die neue „polis“. Olson selbst verstand sich eigentlich nicht als Dichter oder Schriftsteller, sondern als „Archäologe des Morgens“, zudem als Sänger der erdgeschichtlichen Fakten und der Freisetzung aller menschlichen Möglichkeiten.
   Dank des neuen Schreibhefts ist Charles Olson, dieser Sohn eines Briefträgers und leidenschaftliche „Ideenhändler“ in gleich dreifacher Hinsicht neu zu entdecken: als Pionier des Langgedichts mit beweglicher Form und freiem Atem; als Dichter der politischen Utopie, der freien „polis“ – und als Dichter des Raumes, wie es eine Fußnote festhält: „Ich sage, der RAUM ist die zentrale Tatsache für den in Amerika geborenen Menschen, von der Folsom-Höhle bis jetzt. Ich schreibe ihn groß, denn groß kommt er daher. Groß und gnadenlos.“
   August 2011