Schreibheft 76
 

Ulrikka S. Gernes   Kamikaze   Gedichte


Thomas Kling   Das brennende Archiv
Unveröffentlichte Gedichte, Briefe, Handschriften
und Photos aus dem Nachlaß
sowie zu Lebzeiten entlegen publizierte Gedichte,
Essays und Gespräche
Zusammengestellt von Norbert Wehr
und Ute Langanky


Kirill Medvedev   3%   Gedicht
Kirill Medvedev   "... die Literatur wird durchforscht
werden"  
Individuelles Projekt und "neue Emotionalität"
Kirill Medvedev Alles ist schlecht   Gedicht
Matthias Meindl, Georg Witte   Die neue Aufrichtigkeit
Kirill Medvedevs politische Sprache


EXTRAS

Thomas Kling   riß i. d. schüssel
Zwei Collagen nach Photos von Andres Züst
Thomas Kling liest im Schauspielhaus Essen, 1992
Photos: Ute Langanky
Thomas Kling liest auf lyrikline, 1999

DIE BIBLIOTHEK, DIE BRENNT
Gedenkblätter: Für Thomas Kling
(aus: Schreibheft 65)
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Michael Braun über Schreibheft 76
   Vor sechs Jahren ist Thomas Kling gestorben, der große Sprachekstatiker unserer Gegenwartsdichtung. Mit seinem Tod scheint auch die kurze Ära der „Sprachinstallation“ in der deutschen Lyrik zu Ende gegangen zu sein, denn kein poetischer Zeitgenosse reicht bis heute an die elektrisierende Präsenz seiner Auftritte heran. Seine Gedichte, in denen er in schroffer Fügung die Wörter durch die ganze Temperaturskala von extremer Kälte bis zur äußersten Hitze jagte, haben uns die sinnliche Materialität der Sprache vor Augen geführt.
   Wer diesem Dichter begegnete, dem blies erst einmal ein Sturm von verbaler Heftigkeit ins Gesicht. Denn Thomas Kling war ein unduldsamer Dichter, laut, aggressiv und poetisch kompromißlos, er beherrschte das Handwerk der Einschüchterung. Seit seinem ersten öffentlichen Auftritt in den Wiener Margaretensälen im Januar 1983 zelebrierte er bei seinen Lesungen eine aggressive Form des Rezitierens, die alle Dimensionen der Wörter und Metaphern zum Leuchten brachte. Seine „Sprachinstallationen“ – das waren bewegende Poesieereignisse, zugleich artistische Maskenspiele eines Dichters, der sich gerne in historische Dichterfiguren verwandelte, etwa in mittelalterliche Sänger oder russische Avantgardisten. Seine Helden waren immer die „manisch-nomadischen Sprachreisenden“, wie er sie genannt hat, die unsere Wörterwelt auf der Suche nach den oralen Ursprüngen der Poesie durchqueren und dabei Körper und Sprache in ein Elementarverhältnis setzen.
   Nach langer, sorgsamer Recherche hat nun die Literaturzeitschrift Schreibheft in ihrer aktuellen Nummer 76 unveröffentlichte Gedichte, Essays, Interviews, Briefe, Handschriften und Fotos aus dem Nachlaß des Dichters zu einem Thomas Kling-Dossier gebündelt. Der Titel dieses Dossiers spricht in schöner Prägnanz von den Passionen dieses Dichters. Er lautet: „Das brennende Archiv“. Das verweist zum einen auf die sprachalchemistischen Verfahrensweisen des Autors, zum andern auf sein kulturarchäologisches Interesse, auf sein wiederholtes Eintauchen in historiograpische Archive.
   Die Topik des „Brennens“ finden wir in vielen Gedichten und Essays als Leitmotiv wieder. Das wird zum Beispiel im Titel seines 1991 erschienenen Gedichtbandes brennstabm markiert. Oder in einem seiner instruktiven Gespräche mit Hans Jürgen Balmes, aus denen folgender Ausschnitt im Schreibheft zu lesen ist: „Es geht darum, daß die alten Wortschichten untereinander zum Glimmen gebracht werden. Und dieser Brennsatz, der aus diesem Moment heraus resultiert, aus dem poetischen Moment, dem Metaphernmoment, dieses Aufglühen und Aufglimmen gibt einem die Möglichkeit, daß man in den Berg hineinschauen kann – das ist, glaube ich, die große Leistung, die Dichtung schaffen kann.“
   Eine ganz ähnliche Charakteristik eines poetischen Verfahrens finden wir auch in Klings Büchnerpreisrede auf Friederike Mayröcker aus dem Jahr 2001. Die Dichterin hatte den jungen Thomas Kling dereinst als „Magier einer ins nächste Jahrtausend weisenden Sprachverwirklichung“ bezeichnet. In seiner Laudatio revanchierte sich Kling für dieses Kompliment mit dem Hinweis auf das von einem „sprühenden Funkenregen“ durchflimmerte „Mayröcker-Kino“, das wie mit einer „Sprach-Hochgeschwindigkeitskamera“ aufgenommen worden sei. Die Dichtung „der schnellen Schnitte und Gegenschnitte“, die Kling für das Werk Mayröckers geltend macht, kann auch als Markenzeichen seiner eigenen Dichtung beschrieben werden, die der Autor mal als „psychotische Polaroids“ qualifiziert hat.
   Dieses Schreibheft-Dossier leistet einen enorm wichtigen Beitrag zur Thomas Kling-Rezeption, da hier ein Kern seiner poetischen Arbeit in den Focus der Aufmerksamkeit gerückt wird, der zu Lebzeiten des Dichters nicht die gebührende Beachtung gefunden hatte. Es ist die akribische Beschäftigung des Dichters mit seiner rheinländischen Herkunftswelt, seine penible Recherche der topografischen, geologischen und naturgeschichtlichen Elemente, die in seinen Gedichten auftauchen. Die bevorzugten Landschaften Thomas Klings waren dabei der Mittelrhein, die Alpen, Tirol und Brandenburg; Landschaften, die er als historisches und auch als linguistisches Areal durchforschte.
   Ein faszinierendes Beispiel für dieses landschaftsgeschichtliche Erkenntnisinteresse liefert sein Essay über den Niederrhein, den er – in einer heftigen Liebesbezeugung – als „heroische Sprachlandschaft“ rühmt und dabei Verbindungen stiftet zwischen dem Baumbewuchs, den Vogelnamen und den Eigenheiten des rheinländischen Idioms. Gegen Ende des Essays schreibt sich Thomas Kling als Landschaftsmaler in eine naturmagische Emphase hinein – in eine Sehnsuchtslandschaft aus Silberpappeln und Trauerweiden, die im letzten Satz schließlich durchflogen wird vom Wappentier des Dichters, der Wespe. Die Identifikation des Dichters mit seinem Lieblingstier ging ja so weit, daß er gerne einen schwarzgelben Streifenpullover trug. Auch diese romantische Verbindung mit jenem Insekt, das Schnelligkeit und Aggressivität vereint, ist in einer Fotosequenz im Schreibheft festgehalten: Ein Foto zeigt Thomas Kling mit seinem legendären Wespenpullover und einem Wespennest auf seinem Kopf.
 Februar 2011