Esther Kinsky: Musik von anderswo
 
Die zugefrorene Oder. Photo: Esther Kinsky



Miron Bialoszewski
Amerika ist wie anderswo

Von der Rasen Kante
der rotbekannte Ahorn
auf kleinem Himmel
himmelblau leuchtet
er vorn
           Ah
           im Kasten
           klick!
schon vorbei
           diese Wegwerfe Welt
           zeit weise ja schön.


Sein Gedicht über „Amerika“ schrieb Miron Bialoszewski im Herbst 1982, am Ende seiner ersten, einzigen Reise über den Ozean, wenige Monate vor seinem Tod. Miron Bialoszewski, der große Zertrümmerer des nationalen Pathos, der das Banale, zu grotesken Splittern gebündelt, in die polnische Literatur einführte, verstand es, in wenigen Gedichten und einem kurzen Prosatext („A-A-A-Ameryka“) auch dieses Alternativ-Ideal der Polen zu demontieren und zu unterwandern. Amerika ist wie anderswo, häßlich, schön, banal.
   Gleichzeitig führt dieser Gedichttitel geradewegs zur Debatte um den Wandel der polnischen Lyrik, die hier Gegenstand sein soll: Mit seinem „Amerika ist wie anderswo“ spielt Bialoszewski gezielt auf die nicht sehr wohlwollende Rezension einer Sammlung seiner Texte an, die der angehende Erhabenheitshüter Adam Zagajewski 1977 unter dem Titel „Warschau ist wie auf dem Dorf“ in der Zeitschrift Znak veröffentlichte.
   Bialoszewski starb zu früh – und wäre wohl ohnehin zu sehr mit seinem Universum der Warschauer Fragmente befaßt gewesen –, um zu erleben, daß gerade von Amerika eine Strömung, eine Haltung, ein Umgang mit Sprache nach Polen drangen, die seinem Schreiben verwandter waren als alles in Polen selbst, die ergänzten und bereicherten, was er begonnen hatte, die der poetischen Sprache in Polen den Zugang zur Alltäglichkeit öffneten und die Lesbarkeit der kleinen Dinge zu einem größeren Anliegen machten als der Anspruch politisch-ethischen Engagements.

Vor einigen Jahren fuhr ich an einem kalten Wintertag nach Stettin. Es war noch viel eisiger als in Berlin, Schneehaufen säumten die Straßen, die Oder war zugefroren, Krähen und Möwen krakelten Unlesbares in den frischen, dünnen Schnee auf dem Flußeis, der Wind ließ Bootsgestänge klirren. Es war noch früh am Tag, kein Ort sichtbar, an dem man sich aufwärmen konnte, nur in einem „Empik“, einem der unansehnlichen Medienläden, die in Polen fast alle Buchhandlungen verdrängt haben, taten sich die Türen auf. Zwischen Reiseführern, Regionalgeschichte und Hello Kitty in allen Variationen stieß ich auf ein paar Regalbretter mit Lyrik. Unerwartet, fast unglaublich, an einem solchen Ort. Schmale Broschuren, weiß und schwarz, nur wenige der Namen hatte ich schon gehört.
   Zugegebenermaßen hatte mich die polnische Lyrik lange nicht interessiert. Vordergründige Erhabenheit, dürre Wortspiele, moralischer Anspruch und die öde Verpflichtung zur „Aussage“ in Verbindung mit einer seit Jahren währenden Abwesenheit eines Muts zu Bildern und den Idiosynkrasien der Moderne hatten mich verdrossen gemacht. Der Verdruß hatte mich Wichtiges übersehen lassen, wie ich feststellte. Hier waren Lyriker, die einen ganz neuen Ton gefunden hatten, eine Sprache, wie ich sie in der polnischen Dichtung noch nicht gehört hatte, voller Bilder, rätselhaft und grotesk bei Dariusz Sosnicki, voller Landschaft bei Jacek Gutorow, Alltag und Mythos verwebend bei Julia Fiedorczuk.
   Die Begegnung mit diesen Gedichten war wie eine Befreiung für mich, hier waren neue Fenster aus Worten, die sich auf andere Szenerien öffneten, als sie die bekannte polnische Lyrik bestimmten, sie waren wie die „high windows“, die „hohen Fenster“, von Philip Larkin, in denen es heißt: „That’ll be the life / No God anymore or sweating in the dark / about hell and that ...“ – und dann: „Rather than words comes the thought of high windows“.
  
Mit der Zeit stieß ich auf andere Namen, auf die Gedichte von Adam Wiedemann, die die Spuren von Bialoszewski ebenso trugen wie die von Gertrude Stein, auf Darek Foks und seine situationistisch-poetischen Variationen mit ihrem todernsten Witz, in denen sich nationale Mythen und Popkultur gegenseitig unterwandern und entlarven, auf etliche weitere Dichter der jüngeren Generationen, die etwas hinter sich gelassen hatten, was ich erst allmählich benennen konnte. Auch wenn es keine theoretisch formulierten Abgrenzungen gab – von einigen Äußerungen Adam Wiedemanns abgesehen –, schien mir doch klar, daß sich die Dichter, die mich besonders interessierten, mehr oder weniger ausgesprochen von den Größen der polnischen Nachkriegsdichtung distanzierten, von Milosz, Herbert und Szymborska, und gewiß auch von dem Spätergeborenen Zagajewski, im Grunde also von den Namen, die man vor allem im Ausland mit der polnischen Lyrik der letzten Jahrzehnte assoziierte.

Jahre nach meiner ersten Begegnung mit der dichterischen Sprache dieser vorwiegend nach 1968 geborenen Autoren las ich einen kleinen Essay von Dariusz Sosnicki, in dem er für die rumänische Literaturzeitschrift Poesis International vier Dichter seiner Generation vorstellte. Unter dem Titel „Zeige mir deinen Verlust, und ich sage dir, wer du bist“ legt Sosnicki dar, wie auf internationaler Ebene die polnische Lyrik immer noch unter den Vorzeichen der drei, vier „großen“ Dichter der Nachkriegszeit wahrgenommen wird, wie sehr sie noch mit der Auseinandersetzung mit kollektivem (also nationalem) Verlusttrauma identifiziert wird. Immer noch ist es die von Pathos und ethisch motivierter Aussage, vom Konsens eines kollektiven Verlustes und Schmerzes, von der Verständigung über etwas „spezifisch Polnisches“ geprägte Lyrik, die als die gültige zeitgenössische polnische Dichtung gehandelt wird, eine Lyrik des „Wir“, das viele nicht mehr teilen und lange schon zugunsten des authentischeren „Ich“ aufgegeben haben.
   Die Dichtung in polnischer Sprache hat sich in den letzten zwei Jahrzehnten in viel interessantere und individuellere Ausdrucksformen verzweigt und verästelt, als sie der übersetzte Kanon bietet. Die Autoren der jüngeren Generationen suchen die Distanz zum Kollektiven und Aussageträchtigen, sie suchen die Eigenheit des Ausdrucks und loten die Sprache auf ihre von ethischen Verbindlichkeiten befreiten Tiefen und Möglichkeiten aus, haben sich losgesagt von Hochsprache und Hochkultur und ihre prägenden Einflüsse durch amerikanische und englische Lyrik erfahren, im Original und in der Übersetzung, zu einem großen Teil auch bei der Übersetzung.

Die hier vorgestellten Dichter – Julia Fiedorczuk, Darek Foks, Jacek Gutorow, Dariusz Sosnicki und Adam Wiedemann – sind sehr verschieden. Sie bilden keine Gruppierung, keine gemeinsame Schule, kein Nest, das mit einer Stadt oder Region verbunden wäre. Sie arbeiten über Sprache – als Universitätslehrer, Lektoren, Rezensenten –, an Sprache als Übersetzer und mit Sprache als Dichter. Zwischen 1966 und 1975 geboren, wuchsen sie auf in einem Polen „nach 68“. Der März 1968, in dem der Staat auf eine sich abzeichnende Studentenrevolte mit einem Pogrom reagierte, das über Nacht Tausende Polen jüdischer Herkunft zur Emigration zwang, hat in die polnische Nachkriegsgeschichte eine tiefe Kerbe geschlagen. Kindheit, Jugend, zum Teil auch Ausbildung und Studium dieser Dichter fielen in die Zeit zwischen 1968 und 1989, zwei unruhige Jahrzehnte, in denen – der klaren Fronten von Regime und Opposition ungeachtet – der Konsens unterwandert und die Definitionslinien kollektiver Identität in Frage gestellt und verschoben wurden.
   Schon Mitte der achtziger Jahre artikulierte sich eine Opposition zu den beiden gängigen Versionen polnischer Identität, für die Regime und Opposition standen. Neben den offiziellen Organen und den illegalen, aber jedem bekannten Zeitschriften und Verlagen des sogenannten „zweiten Umlaufs“ formierte sich ein Untergrund, ein „dritter Umlauf“ der Zeitschriften und Bücher, mit Handpressen und Vervielfältigungswalzen auf billigsten Papierresten hergestellt und von Hand zu Hand vertrieben, in denen es nicht um Polen ging, sondern um Kunst, um Philosophie, um Feminismus und Schwulenbewegung.
   Das wichtigste Organ des „dritten Umlaufs“ war die Zeitschrift Brulion, die von 1987 bis 1999 erschien, in den letzten Jahren ihres Bestehens allerdings von der Avantgarde gemieden, nachdem der Herausgeber Robert Tekieli eine Kehrtwendung zum konservativen Katholizismus vollzogen hatte. Bis zur Mitte der neunziger Jahre debütierten auf den Seiten dieser Zeitschrift so gut wie alle Lyriker, die man zu der hier vorgestellten Moderne zählen kann. In Brulion (oder bruLion, wie die Schreibung war) begannen die Debatten um Punk und Anarchie, um Situationismus, Cyberpunk und die amerikanische Lyrik der New Yorker Schule, lauter Themen, die wenig oder nichts mit Polen zu tun hatten.

Dieser Umstand stellte einen ganz wesentlichen Unterschied zum gängigen Diskurs in Kunst und Literatur dieser Jahre dar. Es war eine erste nicht nur auf einzelne Individuen – wie z.B. Miron Bialoszewski – beschränkte Öffnung zur Welt jenseits national oder gar ethnisch definierter Identität in Polen, eine Identifikation mit dem Universum von Kunst und Dichtung in anderen Sprachen und Kulturen, ein Dialog des eigenen „Anderswo“ mit einem anderen. Brulion war das „hohe Fenster“ einer Generation. Die Künstler um Brulion und ihre Nachfolger initiierten die für das polnische Geistesleben bitter notwendige Infragestellung von Werten, sie trafen Entscheidungen gegen die Konventionen der Hochkultur und vollzogen die längst fällige Ablösung von der Hochsprache als verbindlicher Ausdrucksform der Dichtung.
   Auch wenn die stärksten Einflüsse und Anregungen aus der amerikanischen Lyrik der letzten Jahrzehnte stammten – was sich in zahlreichen Übersetzungen und kritischen Texten niederschlug –, es ging dabei nie um Amerika als Ideal und Vorbild, wie es in der konventionellen Kultur Polens gehandelt wurde. Es ging um das, was Kunst vermittelt, wenn sie an keine außerhalb ihrer selbst liegenden Werte und Anforderungen gebunden ist: den Raum eines ganz persönlichen Anderswo. Im Finden, im Aufsuchen eines solchen Anderswo waren die amerikanischen Dichter der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts – ob Ashbery, Berryman, Bishop, Ginsberg, O’Hara, Olson, Reznikoff oder Stevens – mit ihrer Hinwendung zu Alltag, Landschaft, Banalität und ihrer Vielzahl von Idiomen Vorbild.
   Natürlich bleibt eine Dichtung, die ihr Idiom in einer so bewußten Abgrenzung von der Konvention findet, immer in gewisser Weise politisch. Davon legen die Gedichte der hier vorgestellten Autoren auch Zeugnis ab, ob es sich um Julia Fiedorczuks Auseinandersetzung mit weiblich definierter Wahrnehmung und Thematik handelt oder um Dariusz Sosnickis ironische Befragung polnischer Topoi, um Jacek Gutorows redensartlich durchsetzte Betrachtung historischer Landschaft, Adam Wiedemanns Experimente der Absurdität oder Darek Foks’ kollidierende Welten von kanonisiertem Mythos und Popkultur.
   Doch das Politische ist hier ein universales Anliegen, kein nationales. Und jeder Dichter hat sein eigenes, modernes, aus individueller und nicht aus kollektiver Erfahrung geschöpftes Idiom, mit dem er sich an den Leser wendet. Nicht um ihm eine „Aussage“ zu vermitteln, sondern das Ergebnis der Sprachfindung für eine persönliche Erfahrung, die Musik von Anderswo jedes einzelnen Gedichts.

Vorbemerkung zu
WIDER DIE ERHABENHEIT - EINE NEUE DICHTUNG AUS POLEN
zusammengestellt von Esther Kinsky