Milena Markovic Guten Tag Gedichte
Isidore Isou
Die Zeichen des Messias
Zusammengestellt von Stefan Ripplinger
Mit Beiträgen und Übersetzungen von Petra Bail,
Gottfried Benn, Roberto Bolaño, Stan Brakhage, André Breton,
Maurice Lemaître, Michael Lentz, Greil Marcus,
Oskar Pastior, Georges Perros, Stefan Ripplinger, Éric Rohmer,
Rainer G. Schmidt, Sina Witthöft u.a.
Zwischen Weg und Ausweg
Dänische Systemdichtung in der Nachfolge von Inger Christensen –
Ursula Andkjær Olsen und Niels Lyngsø
Zusammengestellt von Thomas Fechner-Smarsly
Mit Beiträgen und Übersetzungen von Inger Christensen,
Thomas Fechner-Smarsly, Hanns Grössel, Niels Lyngsø,
Ursula Andkjær Olsen und Peter Urban-Halle
Niels Lyngsø über Inger Christensen
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Im Anhang:
Hanns Grössel über Louis-Ferdinand Céline in Kopenhagen,
Ralph Schock über die Briefe Georges Perecs an Eugen Helmlé,
Hermann Wallmann über A.F.Th. van der Heijdens Tonio.
Gerd Schäfer über neue Bücher von und über Gottfried Benn
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Isidore Isou Bio-Bibliographie
Isidore Isou Traité de bave et d'éternité
Inger Christensen in Schreibheft 74
Niels Lyngsø / Stemmejernet rapt
Michael Braun über Schreibheft 78
„Man muß vergessen, daß es so etwas wie Kunst gibt! Und einfach anfangen.“ Mit solchen wuchtigen Sätzen wollte einst der rebellische Großstadtpoet Rolf Dieter Brinkmann die marode literarische Welt aus den Angeln heben und der Lyrik den kleinmütigen Kulturgehorsam austreiben. In einer Vorbemerkung zu seinem 1968 publizierten Gedichtband Die Piloten forderte er seine Dichterkollegen auf, von den überstrapazierten „Kulturellen Wörtern“ abzulassen und stattdessen „herumzugehen und sich vieles einmal anzusehen“, als eine Art Rückrufaktion der sinnlichen Wahrnehmung. Solche Totalverwerfungen einer ganzen Literaturgattung sind eine Domäne jener literarischen Extremisten, die in revolutionärer Ungeduld die gesamte Institution Literatur hinwegfegen und durch ein neues unerhörtes Kunstprogramm ersetzen wollen.
Zu diesen hoch reizbaren Extremisten des Avantgardismus gehörte auch der 1925 in Rumänien geborene Buchstabenpoet und Filmemacher Isidore Isou, der Begründer des sogenannten Lettrismus. Aus einer jüdischen Familie stammend, geriet Isou im Rumänien des faschistischen Diktators Ion Antonescu in Lebensgefahr und floh daher 1945 nach Paris, wo er alsbald die lettristische Revolution ausrief. Die Form der literarischen Dissidenz, die Isou gemeinsam mit einigen Mitstreitern zelebrierte, führte im Frankreich der Nachkriegszeit zu allerlei Skandalen: Der mit spektakulären Aktionen auftrumpfende Isou wurde wahlweise als Pornograph, politischer Nestbeschmutzer oder als Blasphemiker geschmäht.
In Deutschland war der 2007 verstorbene Isou bislang nur durch die philologischen Arbeiten von Michael Lentz und durch einige Reminiszenzen von Oskar Pastior präsent, eine umfassende, vielstimmige Auseinandersetzung mit seiner Poetik steht jedoch noch aus. Das könnte sich ändern, denn das auf solche Einzelgänger der literarischen Moderne spezialisierte Schreibheft hat jetzt unter dem bezeichnenden Titel „Die Zeichen des Messias“ ein aufregendes Dossier zum Phänomen Isidore Isou vorgelegt.
In der aktuellen Ausgabe, der Nummer 78 des Schreibheft, hat der Essayist Stefan Ripplinger funkelnde Traktate, Manifeste, Erzählungen und Gedichte Isidore Isous gesammelt – und dabei dem zwischen kulturrevolutionärer Energie, Graphomanie und Größenwahn oszillierenden Dichter ein schillerndes Denkmal gesetzt. In einer eigentümlichen Melange aus Messianismus, Ironie und Provokationslust imaginierte sich der junge Isou als der größte Ästhetiker, Dichter und Philosoph seiner Zeit, als veritabler Götterliebling, der „wie ein wunderbarer Meteorit erscheinen und die gesamte Literatur ändern würde“. Das Schreibheft druckt etwa eine kühne schematische Zeichnung zur „geistigen Entwicklung der Dichtung“, auf der sich Isou als Vollender der Moderne darstellt, auf den alle poetischen Kraftfelder des Symbolismus und Surrealismus zulaufen.
In einer Erinnerung verweist der Filmemacher Eric Rohmer auf die Intention Isous, sich „links vom Surrealismus zu positionieren“. Am Ausgangspunkt der lettristischen Revolte stand dabei – so behauptete Isou immer wieder – ein Lesefehler. Denn der junge Literatur-Messias fand in einem Text des konservativen Kulturphilosophen Hermann Graf Keyserling den Appell, der Dichter habe „den Vokal zu erweitern“. Erst später bemerkte er, daß sich Keyserling nicht auf den „Vokal“, sondern allgemein auf die „Vokabel“ bezogen hatte. Bis zur Entdeckung dieses Irrtums hatte Isou bereits sein Programm einer Verabsolutierung des Buchstabens und der phonetischen Elemente der Sprache entwickelt. In seinem „Manifest der lettristischen Poesie“ findet man dementsprechend die für Avantgardisten einschlägige Forderung, „die Zerstörung der Wörter zugunsten der Buchstaben“ voranzutreiben und „die Wörter in ihre Buchstaben zu zertrennen“. Das führt schließlich zu einer Invasion der Buchstaben auf allen Gebieten: Buchstaben, Zeichen, Lettrien markieren nicht nur Texte, sondern auch Stoffe, Fotografien oder Gemälde. Alles wird mit Buchstaben bedeckt, das Paradies ist die Schrift.
Februar 2012